Mahnwache auf dem Marktplatz

Abschiebung sorgt in Witzenhausen für Unverständnis

Menschen haben sich auf dem Marktplatz in Witzenhausen versammelt
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Zeigten Solidarität: Mehr als 100 Menschen, hier ein Ausschnitt, nahmen am Dienstagnachmittag an der Mahnwache auf dem Witzenhäuser Marktplatz teil.

Am Dienstagmorgen (23. 03. 2021) ist die 61-jährige Zewdi B. aus Eritrea nach neun Jahren aus ihrem Leben in ihrer neuen Heimat Deutschland gerissen worden. Am Abend wurde sie von München aus zusammen mit anderen Flüchtlingen, nach Äthiopien abgeschoben.

Dort habe Zewdi B. allerdings nie gelebt, erzählen Freunde von ihr, von denen sie viele in Witzenhausen und Neu-Eichenberg gefunden hat. Sie sei zwar in Äthiopien geboren, aber in Eritrea aufgewachsen. Dort hat sie Familie, in Äthiopien kenne sie keinen Menschen.

Vor neun Jahren ist Zewdi B. nach Deutschland geflüchtet. Als Christin wurde sie in Eritrea verfolgt, dort würde für sie immer noch Lebensgefahr bestehen, erklärt der Arbeitskreis (AK) Asyl Witzenhausen. Am Dienstag riefen die Mitglieder zu einer Mahnwache auf dem Witzenhäuser Marktplatz auf, zu der mehr als 100 Menschen kamen.

Sieben Jahre lang lebte Zewdi B. in Neu-Eichenberg, danach zog sie in die Gemeinschaftsunterkunft Blumenhaus in Witzenhausen. „Sie hat sich in ihrer neuen Heimat ein soziales Netzwerk geschaffen, sich in der Gemeinde engagiert, ist ein warmherziger und hilfsbereiter Mensch“, sagt Pfarrer Christian Neie-Marwede (Neu-Eichenberg) über Zewdi B.. Die engagierte Frau habe in der Eichenberger Schulküche gekocht, sich im Café der Begegnungen eingebracht und freiwillig im Kindergarten gearbeitet, erzählen Freunde und Bekannte bei der Mahnwache am Dienstagabend. „Es ist unmenschlich nach acht Jahren integriertem Lebens in Deutschland in eine unsichere Zukunft verschleppt zu werden“, sagt Maria Thüne aus Neu-Eichenberg, die Zewdi B. gut kennt.

Die Anwältin der 61-Jährigen hatte noch am Dienstag versucht, die Abschiebung zu verhindern – ohne Erfolg. Sie hatte einen Asylfolgeantrag und einen Eilantrag gegen die Abschiebung gestellt, beides sei laut AK Asyl vom Regierungspräsidium (RP) Kassel abgelehnt worden. Das RP wollte sich aus Datenschutzgründen zu dem Fall nicht äußern.

„Wäre die Anwältin über die Ablehnung des Folgeantrags informiert worden, hätte sie die Abschiebung vielleicht verhindern können“, sagt Sprecherin Louisa Brandner. Dies sei aber nicht geschehen. Am Dienstagabend musste Zewdi B. in das Flugzeug Richtung Addis Abeba in Äthiopien steigen. Und das, obwohl die eritreische Botschaft ihr, laut AK Asyl, die eritreische Staatsbürgerschaft bescheinigt habe. Erst am Mittwochmorgen hätten Unterstützer und Freunde wieder Kontakt zu ihr aufnehmen können.

„Die Stadt hat sich zu einem sicheren Hafen erklärt und trotzdem geschehen weiterhin Abschiebungen. Unangekündigt, gewaltvoll, respektlos den Betroffenen gegenüber“, zitiert der AK Asyl eine Freundin von B.. Sie habe sich nicht mal umziehen dürfen, als sie morgens um 7 Uhr von der Polizei aus dem Bett gerissen worden sei.

Auch Katja Eggert, Beauftragte für Gleichstellung und Integration bei der Stadt Witzenhausen, ist fassungslos: „Fast zehn Jahre hat Zewdi mit Angst vor Abschiebung gelebt und war trotzdem immer ein freundlich und positiv eingestellter Mensch.“ Für sie gehörte die 61-Jährige, die erst vor Kurzem eine Ausbildung zur Alltagsbegleiterin gemacht hat, ins Stadtbild von Witzenhausen. Darum hat sie mit der Kreis-Gleichstellungsbeauftragten Thekla Rotermund-Capar einen Brief an Staatsminister Michael Roth und den Landtagsabgeordneten Knut John (beide SPD) verfasst. „Wir wollen nachdrücklich auf die Situation aufmerksam machen, zeigen, wie Zewdi bei uns gelebt hat und sensibilisieren“, so Eggert. Zewdi B. sei keine Verbrecherin, sondern eine engagierte und integrierte Frau, die vielen Menschen geholfen habe.  (hbk)

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