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Anfangs Schock, nun Sehnsucht: 52-Jährige verliert Sohn, jetzt hat sie Selbsthilfegruppe gegründet

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Von: Gudrun Skupio

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Dorothea Eysert aus Laudenbach hat Selbsthilfegruppe für jüngere Menschen und Menschen mittleren Alters gegründet, die einen Angehörigen durch Tod verloren haben.
Dorothea Eysert aus Laudenbach hat Selbsthilfegruppe für jüngere Menschen und Menschen mittleren Alters gegründet, die einen Angehörigen durch Tod verloren haben. © Privat

2018 stirbt Dorothea Lichau-Eyserts Sohn. Da es im Kreis kein entsprechendes Angebot gab, hat sie jetzt eine Selbsthilfegruppe für Menschen jüngeren und mittleren Alters gegründet, die einen Angehörigen verloren haben.

Laudenbach – „Das Allerschlimmste war, alle anrufen und ihnen sagen zu müssen, dass er es nicht schafft.“ Am 5. Januar 2018, einem Freitag, ändert sich das Leben von Dorothea Lichau-Eysert aus Laudenbach schlagartig: Ihr Sohn Maximilian gerät mit seinem Auto zwischen Helsa und Friedrichsbrück in einer Kurve ins Schleudern und stößt mit einem entgegenkommenden Wagen zusammen. Er muss aus dem Auto geschnitten und wiederbelebt werden.

Mit schweren Kopfverletzungen liegt er auf der Intensivstation in Kassel im Koma. Als der Arzt am nächsten Morgen in Formulierungsnot gerät, fragt Lichau-Eysert ihn direkt, ob ihr Sohn hirntot sei. „Ich bin eigentlich kein pessimistischer Mensch, aber ich wusste schon, dass es vorbei ist.“ Zwei Tage später werden die Maschinen abgeschaltet. Maximilian wird nur 22 Jahre alt, fünf Wochen später hätte er Geburtstag gefeiert.

Seitdem ist es für Dorothea Lichau-Eysert wie in einer Dauerschleife, die Zeit scheint für sie stehen geblieben zu sein. „Es ist, wie wenn es erst gestern gewesen wäre“, sagt die Laudenbächerin. Wäre er ein paar Minuten später losgefahren, weil er noch getankt oder telefoniert hätte, wäre vielleicht nicht gerade in dem Moment ein Auto entgegengekommen, als er ins Schleudern geriet, und er wäre noch am Leben. Diese Gedanken schwirren der 52-Jährigen immer wieder durch den Kopf – auch, wenn sie selbst weiß, dass das mühselig ist.

52-Jährige verliert ihren Sohn: Der Glaube gibt Halt

Behördengänge erledigen, Traueranzeige schalten, die Beerdigung organisieren – kurz nach dem Tod ihres Sohnes hatte Dorothea LichauEysert viel um die Ohren. Und auch durch ihren pflegebedürftigen Schwiegervater, um den sie sich damals kümmern musste, war wenig Zeit zum Trauern. „Im Nachhinein frage ich mich, wie wir das geschafft haben, aber jeder hat geholfen und so hat alles geklappt.“

Wichtig sei, Hilfe auch anzunehmen, die Menschen seien dankbar, aktiv werden zu können, und man selbst habe Entlastung, weil man mal nicht kochen oder einkaufen müsste. Halt gab ihr auch ihr Glaube, sagt die Lektorin. Aber hadere sie nicht gerade jetzt mit Gott? „Einen Sinn finde ich im Unfalltod meines Sohns immer noch nicht und bin diesbezüglich mit dem da oben nicht einer Meinung“, sagt Lichau-Eysert. Aber die Gemeinschaft der Kirche habe ihr geholfen, die Zuwendung der Menschen und die Gespräche gutgetan.

„Mir begegnen immer wieder Psalmen, in denen ich mich wiederfinde und die mich trösten.“ Doch sobald Normalität eingekehrt sei, hätte auch die Trauer wieder mehr Platz. Der anfängliche Schock sei nun einer unstillbaren Sehnsucht nach ihrem Kind gewichen – „auch, wenn wir uns viel in der Wolle gehabt haben“, sagt Lichau-Eysert und erzählt mit einem Lächeln, dass Maximilian sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt hatte, seinen alten, löchrigen Kopfkissenbezug von Alf zu entsorgen. Die Trauer überkomme sie oft ganz schlagartig: „Man hört ein Lied und plötzlich reißt es einen weg.“

Geschmückt: Wenn Laudenbach Kirmes feiert, ist auch Maximilians Grab dekoriert.
Geschmückt: Wenn Laudenbach Kirmes feiert, ist auch Maximilians Grab dekoriert. © Dorothea Lichau-Eysert

Geburtstag des verstorbenen Sohnes wird immer noch gefeiert

Bei der Trauerbewältigung helfen der 52-Jährigen auch feste Rituale. So habe sie zwei Wochen nach Maximilians Tod eine Feier zu seinem Geburtstag organisiert – etwas, das sie bis heute beibehalten hat. „Dann sitzen wir zusammen, das ist auch noch schlimm, aber nicht mehr ganz so schlimm.“ Und jeden Freitag stellt sie ein Foto von Maximilian in ihren Status bei WhatsApp. „Denn am Freitag war der Unfall und da ist er für mich auch gestorben.“

Zunächst habe Lichau-Eysert die Selbsthilfegruppe „Verwaiste Eltern“ in Kassel besucht, aufgrund der Entfernung jedoch beschlossen, eine eigene Gruppe zu gründen, da es im Kreis kein Angebot gab, von dem sie sich angesprochen fühlte. „Es ist schon ein Unterschied, ob der Ehemann mit 80 Jahren oder das Kind mit 22 Jahren stirbt.“

Von 35 bis 60 Jahre alt

Die neu gegründete Selbsthilfegruppe richtet sich an jüngere Menschen und Menschen mittleren Alters, die plötzlich einen geliebten Menschen verloren haben. Aktuell besteht sie aus sechs Mitgliedern zwischen 35 und 60 Jahren, deren Sohn, Bruder, Ehemann oder Ehefrau verstorben sind. Treffen für Unternehmungen, Gespräche und Vorträge war ursprünglich immer für den letzten Montag im Monat ab 19 Uhr im evangelischen Gemeindehaus Arche, Sälzerstraße 46 in Laudenbach, vorgesehen. Aufgrund der Corona-Pandemie finden die Treffen zunächst einmal im Freien statt. Kontakt: Selbsthilfekontaktstelle des Werra-Meißner-Kreises, Tel. 05651/30 22 53 80, E-Mail: selbsthilfekontaktstelle@werra-meissnerkreis.de

Im Klinikum kam zunächst die Frage nach der Versichertenkarte

Generell sei sie in ihrer Trauer von Familie und Freunden getragen worden, sagt Dorothea Lichau-Eysert. Im Krankenhaus in Kassel seien sie gut aufgenommen worden. Angehörige und Freunde hatten die Möglichkeit, sich von Maximilian zu verabschieden. „Aber es gibt immer unsensible Menschen.“ Wie die Mitarbeiterin am Empfang der Klinik. Als die aufgelöste Familie kurz, nach
Maximilians Einlieferung ankam, den Sachverhalt schilderte und ihn sehen wollte, fragte die Dame, ob sie die Versichertenkarte
ihres Sohns dabei hätte.

„Etwas befremdlich“ fand Lichau-Eysert auch die Reaktion eines Bekannten, der im Auto an ihr vorbeifuhr, an hielt, zurücksetzte, ausstieg, kondolierte, wieder einstieg und wegfuhr. Die 52-Jährige weiß, dass es meist die Hilflosigkeit und Unsicherheit der Menschen ist, die sie so handeln lässt. So habe ihr jemand am Telefon gesagt: „Gut, dass du dich meldest. Ich wusste nicht, wie ich es machen soll.“ Unglücklich gewählt sei die Frage, wie es einem gehe. „Prinzipiell geht es mir gut, aber die Trauer kommt immer wieder“, sagt Lichau-Eysert und spricht von guten und schlechten Tagen.

Meist sei die Frage unbedacht ausgesprochen und oberflächlich: „Die echte Antwort will man nicht hören.“ Manche Menschen seien auch mit sich selbst so beschäftigt, dass sie die Belange anderer nicht im Kopf hätten. „Die plappern einfach drauf los und achten gar nicht da-rauf, was sie erzählen.“ So wurde Lichau-Eysert ein Dreivierteljahr nach dem Tod ihres Sohnes darauf angesprochen, wie schade es sei, dass sie ihr Ehrenamt beim örtlichen VdK aufgegeben habe. „Da bin ich ein bisschen böse geworden und habe gefragt: „Meinst du nicht, dass ich in diesem Jahr genug erlebt habe?“ Ihr „Max“ sei sehr direkt gewesen, das habe sie übernommen.

52-Jährige trifft zufällig Beteiligte des Unfalls

Enttäuscht ist Lichau-Eysert auch darüber, dass auf ihren Brief an die beiden Frauen, die im Auto saßen, das mit dem Wagen ihres Sohnes zusammenstieß, bis heute keinerlei Reaktion kam. „Von Bekannten habe ich gehört, dass sie psychisch noch sehr unter dem Erlebten leiden und wurde gefragt, ob sie mit mir Kontakt aufnehmen dürfen“, was die 52-Jährige bejahte. Die Frauen, die zum Unfallzeitpunkt ebenfalls wie ihre beiden Söhne 22 und 25 Jahre alt waren, meldeten sich jedoch nicht.

Als Lichau-Eysert mehrere Monate später beim Arzt sitzt und sich mit einer Bekannten unterhält, springt eine junge Frau ihr gegenüber auf und rennt raus, ihre Mutter hinterher. Lichau-Eysert erfährt, dass es sich bei der jungen Frau um eine der Unfallbeteiligten handelt. Sie entschließt sich , einen Brief zu schreiben, in dem sie betont, dass sie den Frauen keine Vorwürfe mache. „Das war ja nie die Frage, ich habe nie gesagt, dass sie schuld sind.“ Es könne niemand etwas dafür, was passiert sei.

Maximilian hat durch Organspende sieben Menschen geholfen

Maximilian Eysert war sozial eingestellt. So ließ er sich auch direkt für die Deutsche Knochenmarkspenderdatei registrieren, als er erfuhr, dass bei der Freundin seiner Mutter Lymphdrüsenkrebs festgestellt wurde. Auch einen Organspendeausweis besaß der 22-Jährige, seitdem sie das Thema in der Oberstufe behandelt hatten. So hat er noch sieben Menschen geholfen, nachdem sein Hirntod festgestellt worden war, berichtet seine Mutter Dorothea Lichau-Eysert.

„Inzwischen haben fast alle Freunde von Max einen Organspendeausweis.“ Am Montag nach dem Unfall wurde der Hirntod durch drei Ärzte unabhängig voneinander bestätigt. Dafür wurden Gehirnströme gemessen und Reflexe überprüft – die Untersuchungen liefen sehr gewissenhaft ab“, berichtet Lichau-Eysert. Die Betreuung durch die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) sei engmaschig und professionell abgelaufen.

Nach dem bestätigten Hirntod wurde die Familie über den Ablauf der Organentnahme aufgeklärt und konnte Fragen stellen. „Ein Mitarbeiter der DSO war die ganze Zeit dabei und hat im OP-Saal darauf geachtet, dass alles würdevoll zugeht“, sagt Lichau-Eysert, die ihrem Sohn für die Operation noch einen persönlichen Gegenstand mitgeben durfte. Bei der Operation wurden Maximilian Nieren, Lunge, Herz, Hornhäute und Bauchspeicheldrüse entnommen.

Bis auf die Bauchspeicheldrüse, bei der im Nachhinein festgestellt wurde, dass sie aufgrund einer genetisch bedingten Besonderheit nicht transplantiert werden konnte, wurden alle Organe und das Gewebe erfolgreich transplantiert. Dies erfuhr die Familie ein paar Monate später durch einen Brief der DSO. „Nach einem Jahr habe ich nachgefragt und erfahren, dass alle Organe noch funktionieren“, sagt Lichau-Eysert, die einen Dankesbrief des Empfängers einer Niere erhalten hat. Aufgrund der Datenschutzbestimmungen war dies nicht mehr möglich und ist durch eine Ausnahmeregelung erst seit diesem Jahr zulässig.

Da der Brief auf englisch verfasst wurde, weiß Lichau-Eysert, dass Organe ins Ausland gegangen sind. „Allerdings werden die Briefe durch die DSO anonymisiert, um zu verhindern, dass es zu einem persönlichen Kontakt kommt und die Opferfamilie eventuell nicht zufrieden mit dem Organempfänger ist“, erklärt Lichau-Eysert. Mit ihrer Geschichte möchte die 52-Jährige auf die Menschen aufmerksam machen, die meist seit vielen Jahren auf ein Spenderorgan warten, und dazu aufrufen, über einen Organspendeausweis nachzudenken. (Gudrun Skupio)

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