Angriff mit dem Küchenbeil

40-Jähriger wegen versuchten Totschlags vor Gericht

Justitia-Figur vor strahlend blauem Himmel
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Ein 40-Jähriger muss sich jetzt vor Gericht verantworten. (Symbolbild)

Vor dem Kasseler Landgericht wird gerade gegen einen 40-Jährigen wegen versuchten Totschlags ermittelt.

Witzenhausen/Kassel – Weil er einen 32-jährigen Landsmann in dessen Witzenhäuser Wohnung mit einem Küchenbeil angegriffen und im Gesicht verletzt haben soll steht seit gestern ein 40-jähriger Mann aus Indien vor der 6. Strafkammer des Kasseler Landgerichts.

Die Tat ereignete sich laut Staatsanwaltschaft in der Nacht vom 9. auf den 10. August 2020. Der Angeklagte, der 2008 per Direktflug von Mumbay nach Frankfurt nach Deutschland kam und nach Stationen in Eschwege und Weißenborn zuletzt in Witzenhausen wohnte, war etwa drei Wochen nach der Tat festgenommen worden. Seither sitzt er in Kassel in Untersuchungshaft.

Nach Schilderung der Anklage hatten die beiden Männer an diesem Sonntagabend gegen 17 Uhr mit dem Trinken begonnen. Als das Bier alle war, gingen sie zur nahen Tankstelle und kauften Nachschub und eine Flasche Wodka. Man holte sich Essen aus einem Restaurant, dann wurde weiter gezecht.

Zwischendurch sprach der 32-Jährige per WhatsApp-Videoanruf mit seiner Ehefrau in Indien. Auch der Angeklagte - „Er war für mich wie ein Bruder“ - habe mit seiner Frau gesprochen, berichtete der Mann, der in Witzenhausen in der Gastronomie arbeitet, als Zeuge.

Beide seien ziemlich betrunken gewesen, als er ein weiteres Telefonat mit seiner Frau begonnen habe, sagte der Zeuge aus. Der Angeklagte sei zur Toilette gegangen und mindestens 20 Minuten dortgeblieben. „Alles okay?“, habe er gerufen.

Vor dem Toilettenbesuch sei der andere fröhlich und guter Dinge gewesen. „Als er herauskam, war er böse“, sagte der Zeuge. Abgelenkt durch das Gespräch mit seiner Frau habe er gesehen, wie der Angeklagte mit einem Küchenbeil auf ihn zukam und zuschlug. Der Mann trug eine Schnittverletzung vom Kinn bis zum Ohr davon. Ein zweiter Hieb fügte ihm eine oberflächliche Verletzung hinter dem Ohr zu.

Der junge Mann konnte weitere Attacken abwehren und den Angreifer zurückschubsen. Als er ihn mit der flachen Hand geschlagen habe, sei er rückwärts aufs Bett gefallen und dort sofort eingeschlafen. Als die vom Wohnungsinhaber alarmierte Polizei eintraf, lag er noch immer rücklings auf dem Bett, wie ein Polizeifoto zeigt. Die Schnittwunde im Gesicht war in einem Göttinger Krankenhaus versorgt worden. Der Angeklagte gab gestern an, sich wegen des Alkoholkonsums nicht erinnern zu können.

Das Motiv für den Angriff des angeklagten Inders auf seinen Landsmann blieb am gestrigen Verhandlungstag vor dem Landgericht noch unklar. „Er hat überhaupt nichts gesagt, als er aus der Toilette kam und mit dem Beil auf mich einschlug“, schilderte der Zeuge das überraschende Geschehen.

Der 32-Jährige gab an, den Angeklagten 2009 in Eschwege kennengelernt zu haben. Die Heimatdörfer in Indien lägen nur etwa 15 Kilometer auseinander, da habe man gleich viele Gemeinsamkeiten gehabt und sich brüderlich verbunden gefühlt. Vor dem Tatabend in Witzenhausen habe es aber nur wenige Treffen gegeben.

Der Angeklagte hatte zu Beginn der Verhandlung berichtet, dass er der einzige Sohn seiner Mutter sei, sein Vater sei Gelegenheitsarbeiter. Nach nur vier Schuljahren sei auch er als Gelegenheitsarbeiter tätig gewesen, bevor er Probleme in Indien bekommen habe. „Die wollten mich umbringen, deshalb bin ich nach Deutschland geflüchtet“, sagte er mithilfe eines Dolmetschers.

Ohne Ausbildung und Deutschkenntnisse – ein Sprachkurs sei nicht zustande gekommen – sei er arbeitslos und einsam gewesen. Schon in der Heimat habe er Alkohol getrunken, in Deutschland sei das dann viel mehr geworden, bis er sich zuletzt regelmäßig betrunken habe.

Das spätere Opfer kenne er seit über zehn Jahren, zuletzt seien die Kontakte intensiver geworden, immer wieder habe man zusammen getrunken.

Bei dem Treffen im August sei es darum gegangen, dass der Jüngere für ihn per Western Union Geld nach Indien überweist, das er ihm geben wollte. Warum er das nicht selbst tun wollte, blieb offen.

Irgendwann sei er nach viel Wodka eingeschlafen und erst wach geworden, als die Polizei vor ihm stand. Die Polizei habe ihm etwas erzählt, das habe er aber nicht verstanden. Drei Wochen später sei er festgenommen worden.

Seine Hose, Handy und Geldbörse seien weg gewesen. Was die eigentliche Tat angeht, machte der athletische, geschätzt 1,90 Meter große Mann Erinnerungslücken geltend. Die habe er nach heftigem Alkoholkonsum auch früher schon öfter gehabt.

Beim Anruf bei der Polizei hatte der 32-jährige Wohnungsinhaber angegeben, „eine fremde Frau“ liege unter seinem Bett, sagte ein Polizeibeamter aus Witzenhausen als Zeuge. In der Wohnung seien tatsächlich aber nur der 32-Jährige mit einer stark blutenden Gesichtswunde und der schlafende Angeklagte gewesen.

Das Verfahren wegen versuchten Totschlags wird am kommenden Donnerstag, 17. Juni, um 9 Uhr in Saal D 130 im Kasseler Landgericht fortgesetzt. (tom)

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