Aus der Elbe nach Kleinalmerode

Archäologe auf Spurensuche zu römischen Gegenständen in einer alten Kiste

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Wohl rund 1800 Jahre alt: In dem Aufsatz von Dr. Klaus Sippel sind die in einer Kiste in Kleinalmerode entdeckten Gegenstände – eine Axt und eine Lanzenspitze der Römer – auf einem Foto von Rolf-Jürgen Braun und einer Zeichnung von Beate Kaletsch im Jahrbuch „hessenArchäologie 2018“ abgebildet.

Lange lagen eine sehr alte Axt und eine sehr alte Lanzenspitze in einer nicht ganz so alten Kiste im Witzenhäuser Stadtteil Kleinalmerode. Nachdem die Stücke 2014 dem Landesamt für Denkmalpflege in Marburg übergeben worden waren, versuchte Dr. Klaus Sippel, Näheresherauszubekommen.

Sippel ging Ende 2018 als Bezirksarchäologe für Nordhessen in Ruhestand.

Die Spurensuche und die Ergebnisse der Forschung schildert Sippel unter dem Titel „Römische Funde aus Norddeutschland in Witzenhausen-Kleinalmerode – vielleicht vom Feldzug des Maximinus Thrax 235 n. Chr.“ auf sieben Seiten im Jahrbuch für Archäologie und Paläontologie in Hessen, das Ende 2019 herauskam.

Vorab: Es handelt sich, wie schnell herausgefunden wurde, um ein Arbeitsgerät (Axt) und eine ehemalige Waffe (Lanzenspitze) der Römer – sehr wahrscheinlich aus dem 3. Jahrhundert n. Chr. Zeitlich konnten Stücke durch gut vergleichbare Funde rund um das römisch-germanische Gefechtsfeld am Harzhorn eingeordnet werden. Gerade durch die Entdeckung 2008 und die Erforschung dieses historisch bedeutsamen Ortes nahe dem südniedersächsischen Kalefeld im Landkreis Northeim erfahren römische Funde jetzt ein erhöhtes öffentliches Interesse.

Klaus Sippel, Archäologe

Doch vom Harzhorn müssen weder die Axt, noch die mit drei Umwicklungen aus Buntmetalldrähten verzierte Lanzenspitze stammen. Sippel geht davon aus, dass beide Stücke – womöglich sogar zusammen – aus dem Flusssand der Elbe gebaggert wurden. Germanen hatten sie als Kriegsbeute aus ihren Schlachten mit den Römern – und eben nicht unbedingt am Harzhorn – nach Hause gebracht. Darauf deutet auch eine deutliche Veränderung der Lanzenspitze hin: Die Tülle wurde verkürzt und aus dem Schuh wurden zwei aufgebogene Zungen hergestellt. Später wurden besondere Beutestücke auch geopfert. Das geschah dem Archäologen zufolge vorzugsweise an Flüssen, Seen und in Mooren.

Und was lässt Sippel in diesem Fall konkret eine Flussopferstelle an der Elbe annehmen? Darauf kam er – zusammen mit dem Kasseler Heimatforscher Helmut Saehrendt – durch die Rückverfolgung, woher die Kleinalmeröder Kiste mit ihren historischen Gegenständen kommen könnte:

Die Kiste hatte, wie der damalige Kleinalmeröder Lehrer Wilhelm Hauk als nächster Besitzer schon 1937 berichtete, ein ehemaliger Pfarrer zurückgelassen. Bei den Geistlichen handelte es sich, wie Hauks Sohn gleichen Vornamens 2014 zu berichten wusste, um Friedrich Ide, der bald nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten aus dem Amt gedrängt worden sei. Ide, der ab 1907 als Pfarrer in Kleinalmerode wirkte, hatte 1908 in Leipzig Else Eckardt geheiratet. Und deren Vater Karl Eckardt wiederum, so recherchierte Saehrendt, war als Tiefbautechniker und später als Bauaufseher stets nahe von Flüssen in Nord- und Mitteldeutschland tätig, so an Saale, Oder und Weißer Elster.

Eine berufliche Tätigkeit Karl Eckardts an der Elbe war zwar nicht nachzuweisen, gleichwohl nicht auszuschließen. Deshalb hält Geschichtsforscher Sippel die Elbe als Fundort für Axt und Lanzenspitze am wahrscheinlichsten, weil eine alte, auf Aussagen von Lehrer Hauk von 1937 basierende Notiz im Landesdenkmalamt zumindest bezüglich der Lanzenspitze eindeutig ist: „aus der Elbe“. Sippel: „Es gibt keinen Grund, diese Herkunft anzuzweifeln.“ 

Legende: hessenARCHÄOLOGIE 2018 - Jahrbuch für Archäologie und Paläontologie in Hessen, herausgegeben vom Landesamt für Denkmalpflege Hessen, 276 Seiten mit 313 Abbildungen; ISSN 1610-0190; ISBN 978-3-8062-4043-6, im Buchhandel erhältlich für 24,90 Euro

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