Rechtsanwältin will Themen der Bürger aufnehmen

Im Einsatz für Diversität: Awet Tesfaiesus (Grüne) kandidiert bei Bundestagswahl

Will den Wahlkreis 169 in Berlin vertreten: Die Rechtsanwältin Awet Tesfaiesus kandidatiert für die Grünen bei der Bundestagswahl.
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Will den Wahlkreis 169 in Berlin vertreten: Die Rechtsanwältin Awet Tesfaiesus kandidatiert für die Grünen bei der Bundestagswahl.

Für mehr Diversität und eine Stärkung des ländlichen Raums will sich Awet Tesfaiesus einsetzen: Sie kandidiert im Wahlkreis 169 als Direktkandidatin der Grünen für die Bundestagswahl.

Werra-Meißner – Falls sich das Umfragehoch der Grünen bei der Bundestagswahl auch in Wählerstimmen niederschlägt, ist der Einzug von Awet Tesfaiesus in den Bundestag relativ sicher. Sie steht auf einem aussichtsreichen Listenplatz der hessischen Grünen. Dennoch bewirbt sie sich auch um das Direktmandat im Wahlkreis 169. Wie ihre eigenen Erfahrungen mit der Region sind und was sie in Berlin bewegen will, erklärt sie hier.

Sie leben in Kassel, wollen aber die Kreise Werra-Meißner und Hersfeld-Rotenburg im Bundestag vertreten. Wie kam es dazu?
Ich habe mich unabhängig von Wahlkreisen entschieden, dass ich für den Bundestag antreten will. Wir brauchen mehr Diversität in der Gesellschaft und dafür möchte ich mich einsetzen. Das war vor allem eine persönliche Entscheidung. Dass ich den Wahlkreis 169 vertrete, war naheliegend – denn ich habe von 2006 bis 2012 in Hessisch Lichtenau gelebt und kenne die Region gut.
Warum sind Sie damals weggezogen?
Weil sich Kinderbetreuung und meine Arbeit in Kassel nicht vereinbaren ließen. Ich konnte meinen Sohn nicht rechtzeitig aus der Kita abholen. In so einer Lage sind viele Frauen. Da müssen wir als Gesellschaft Dinge neu denken. Die Corona-Pandemie hat gezeigt, dass die Digitalisierung eine Chance für den ländlichen Raum ist und man viel flexibler arbeiten kann. Wir sehen das in unserer Kanzlei: Wir haben alle Akten digitalisiert und können das Home Office nutzen. Bei solchen Bedingungen hätte ich damals in Hessisch Lichtenau bleiben können.
Worum wird es in Ihrem Wahlkampf noch gehen?
Diversität und Respekt von ungehörten Gruppen sind mir sehr wichtig. Als Grüne setze ich mich natürlich auch für Umweltschutz ein. Als Politikerin will ich vor allem von den Menschen selbst hören, wo der Schuh drückt. Ich möchte die Themen vor Ort aufgreifen und mit den Menschen an Ideen arbeiten. Ich stimme mich gerade mit den beiden Kreisverbänden ab, dann soll es im Juni kleine Touren im Wahlkreis geben, um einzelne zu treffen und Themen zu sammeln. Ein Vorteil zum Kommunalwahlkampf ist, dass wir uns draußen treffen können. Ich hoffe, dass ich im August und September auf den verschiedenen Marktplätzen mit Menschen ins Gespräch kommen kann. Ich weiß, wie weit weg die andere Seite des Meißners für uns war. Die Brücke, die ich schlagen muss, ist, der gesamten Region gerecht zu werden und die Gemeinsamkeiten zu finden.
Wie sehen die denn aus?
Die großen Themen im ländlichen Raum sind Mobilität, die Gesundheitsversorgung und die Frage, wie es uns im Alter geht – in Dörfern ohne Läden, in Orten ohne lebendige Innenstadt. Wie sollen Menschen dann ihre Einkäufe erledigen? Das sind Fragen für alle abseits der großen Orte wie Eschwege und Witzenhausen. Für Jüngere stellt sich die Frage, ob sie für ihre Ausbildung wegziehen müssen oder gut pendeln können. Wir brauchen mehr Ausbildung vor Ort.
Sie engagieren sich als Kasseler Stadtverordnete für Diversität. Kann man dieses Thema auf dem Land genauso angehen?
Nein. In Kassel hat ein Viertel der Bevölkerung einen Migrationshintergrund, da haben solche Debatten über Gesellschaft eine ganz andere Grundlage. Das gibt es auf dem Land so noch nicht. Diversität spielt aber für das Land eine große Rolle: Man bleibt, wo man sich wohlfühlt. Kann man das hier als queerer Mensch? Wenn man in einem Ort der Einzige mit Migrationshintergrund ist, führt das oft zu einer Exotisierung, manche Menschen fremdeln. Das ist von den Leuten oft gar nicht böse gemeint. Aber jeder Mensch möchte eben dazugehören. Ich sehe aber auch viele Chancen: Einwanderer erfahren oft auf dem Land auch eine große Hilfsbereitschaft und mehr Nähe, die in der Stadt gar nicht möglich wäre.
Der Wahlkreis 169 ist sehr divers: Hersfeld-Rotenburg ist stark von Unternehmen wie K+S oder Amazon geprägt, im Werra-Meißner-Kreis gibt es dagegen viel Widerstand. Seit die Grünen in der Landesregierung sind, müssen sie auch viele Projekte umsetzen, die eigentlich gegen ihre Überzeugungen sind – etwa das Sondergebiet Logistik bei Neu-Eichenberg oder den Plan gegen die Werraversalzung. Wie sehen Sie das?
Es gibt einen Unterschied zwischen der eigenen Haltung und Gegebenheiten, die im Vorfeld bestimmt wurden. Das ist kein Widerspruch, das erlebe ich oft bei meiner Arbeit: Natürlich würde ich die Gesetze im Asylrecht gerne ändern, aber sie gelten und ich muss mich daran halten. Es wäre ja fatal, wenn sich eine neue Regierung über bestehende Gesetze hinwegsetzen könnte.
Es ist übrigens einer Grünen-Umweltministerin zu verdanken, dass es einen konkreten Plan gegen die Werraversalzung gibt. Nachdem die Grünen lange als einzige Partei gegen das Logistikgebiet gekämpft haben, wurde dieses jüngst von der Bevölkerung abgewählt. Wir können die Vergangenheit nicht ändern, aber wir können für die Zukunft bessere Regelungen treffen. Deshalb bin ich 2009 zu den Grünen gegangen – um die Gesetzeslage für Geflüchtete zu verbessern.
Hat der „Baerbock-Hype“ Folgen für Sie?
Ich finde Prognosen zu Wählerverhalten schwierig. Es hilft mir nicht, mich zu sehr auf Dinge zu konzentrieren, die ich nicht beeinflussen kann. Ich konzentriere mich lieber auf das, was ich selbst tun kann: Auf Menschen zugehen und mit ihnen arbeiten, um hier mit lokalen Themen einen guten Wahlkampf zu machen.
Sie kandidieren gegen die Bundestagsveteranen Michael Roth (SPD) und Sabine Leidig (Die Linke), gegen den Wanfrieder Bürgermeister Wilhelm Gebhard (CDU) und Jorias Bach als sehr junge Stimme der FDP. Wie wollen Sie in diesem Feld bestehen?
Hier gilt das Gleiche: Ich kann nur „ich“ sein, wenn ich authentisch bleiben will. Deshalb werde ich mich nicht auf meine Gegenkandidaten konzentrieren, sondern darauf, den Wählern ein gutes Angebot zu machen.
Aber als Anwältin müssen Sie doch die Strategie der Gegenseite auch in Ihre eigene einbeziehen.
Ja, das tun wir auch. Aber auf der inhaltlichen Ebene, nicht auf der persönlichen. Da sollte man Alter und Erfahrung der Gegenseite außen vor lassen und sich lieber auf die Themen konzentrieren. Wie in der Politik. (Friederike Steensen)

Zur Person

Awet Tesfaiesus (46) ist Mitte der 1980er-Jahre aus Eritrea nach Deutschland gekommen und bei Heidelberg aufgewachsen, wo sie Jura studierte. Für ihr Referendariat am Landgericht Kassel zog sie nach Nordhessen. Nach einigen Jahren in Hessisch Lichtenau zog die Anwältin, die vor allem Fälle aus dem Ausländer- und Asylrecht vertritt, nach Kassel. Dort ist sie seit 2016 Stadtverordnete für die Grünen. Tesfaiesus ist verheiratet und hat einen Sohn. In ihrer Freizeit arbeitet sie mit PoC-Gruppen zusammen („People of Color“, also Individuen oder Gruppen, die vielfältigen Formen von Rassismus ausgesetzt sind). Im Werra-Meißner-Kreis half sie 2011 im Bürgerforum bei der Erarbeitung eines regionalen Bürgerprogramms mit, das die Gruppe an Bundespräsident Christian Wulff übergab. (fst)

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