Aussteiger aus der rechten Szene berichtet über seine Zeit als Neonazi

Aus dem Leben gegriffen: Manuel Bauer berichtete aus seiner Zeit in der sächsischen Neonazi-Szene. Daneben Katharina Franke vom organisierenden Verein Land.Leben.Schule. Foto: Demmer

Witzenhausen. Er gehörte der rechten Szene an und stieg 2006 aus: Manuel Bauer berichtete jetzt in Witzenhausen über seine Erfahrungen.

Er hat geprügelt, Asylantenheime angesteckt, erpresst und entführt - im Namen der Neonazi-Ideologie. In Sachsen geboren und aufgewachsen, war Manuel Bauer 13 Jahre lang Mitglied der rechten Szene. 2006 stieg der heute 37-Jährige aus. Jetzt hält er Vorträge und Workshops und hilft anderen, die rechte Szene zu verlassen. Am Donnerstag berichtete er im Witzenhäuser Rathaussaal aus seinem Leben.

Bereits als Jung- und Thälmann-Pionier - die Jugend-Organisationen der DDR - gegen die westliche, kapitalistische Gesellschaft geprägt, erlebte Bauer als Teenager die Wende. Die Eltern wurden arbeitslos, viele Menschen verließen das Heimatdorf. Wer blieb, hetzte gegen Russen und gefühlt zu viele Flüchtlinge. Zeitgleich mit den rechtsextremen Übergriffen in Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen in 1991 und 1992 kam er mit rechter Musik in Berührung und lernte so die gängigen Begriffe der Szene.

Mit 13 folgte der Eintritt in eine rechte Kameradschaft, mit 16 war er Junggruppenführer. „Ich war der Junge, der sich nicht zurückhalten wollte“, erzählt er. Immer wieder habe er Ideen eingebracht und sei so in der Hierarchie aufgestiegen. Es folgten Ausbildungen an Waffen in Osteuropa. Die erste Straftat - einem Jungen die Zigarette im Auge ausdrücken - hatte er schon mit 14 hinter sich gebracht.

Bauer erzählt ruhig. Nur in manchen Augenblicken wird deutlich, dass ihn belastet, was er getan hat. „Wenn jemand in meiner Nähe sagt, dass man keine Frauen oder Kinder schlagen darf, werde ich ganz klein“, berichtet er. Denn auch das hat er getan. Unter anderem eine hochschwangere Türkin geprügelt und ein indisches Mädchen gegen die Wand getreten. Er habe das damals als seine Pflicht angesehen, sagt er.

Taten, die ihn heute sichtlich verfolgen, wenn er von der rechten Parallelwelt mitten in Deutschland berichtet, in der er lange lebte, in der es speziell gefertigtes Kinderspielzeug und das Parfüm „Eva Braun“ gibt und die ihn beeinflusste. Zum Beispiel damit, dass Menschen anderer Herkunft „interkontinentale Krankheitsüberträger“ seien.

Wegen Brandstiftung und Entführung eines homosexuellen Geschäftsführers inhaftiert, bekam er das Angebot, über die Organisation Exit auszusteigen - das er erst nur zum Schein annahm. Dann jedoch bröckelte langsam sein altes Weltbild und er fing an, zu hinterfragen. 2006 zündeten ihm Neonazis die Wohnung an. Für Bauer bedeutete das: Flucht aus Sachsen, die rechte Szene hatte ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt.

Was Manuel Bauer in knapp 90 Minuten aus seinem Leben berichtet, erschüttert, klärt aber auch auf, wie schnell man in die Fänge der rechten Szene gelangen kann. Schade daher, dass nur ein gutes Dutzend Zuhörer den Weg in den Rathaussaal fanden. (nde)

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