BUNDESTAGSWAHL 2021

Parteien zwischen Freude und Enttäuschung: Banger Blick auf Koalitionsgespräche

Gründliche Auswertung: Die Wahlhelferinnen Simone Wolf-Heins (links) und Franziska Apel sortieren in Bad Sooden-Allendorf die Stimmzettel.
+
Gründliche Auswertung: Die Wahlhelferinnen Simone Wolf-Heins (links) und Franziska Apel sortieren in Bad Sooden-Allendorf die Stimmzettel.

Von Freude bis Ernüchterung ist die Bandbreite der Reaktionen zur Bundestagswahl groß. Das sagen die Sprecher der im Kreistag vertretenen Parteien.

Werra-Meißner – Das vorläufige amtliche Endergebnis der Bundestagswahl liegt vor: Im Wahlkreis 169 Werra-Meißner/Hersfeld-Rotenburg hat die SPD in allen 36 Städten und Gemeinden bei den Zweitstimmen gewonnen. Nur bei den Erststimmen gelang es Wilhelm Gebhard (CDU), Seriensieger Michael Roth (SPD) in Bad Sooden-Allendorf, Berkatal, Ringgau und Wanfried zu schlagen.

So entwickelten sich die Ergebnisse im Landesvergleich

Das 37,7-Prozent-Zweitstimmen-Ergebnis der SPD ist das beste in ganz Hessen. Der Landesdurchschnitt liegt bei 27,6 Prozent. Dabei machten die heimischen Genossen im Vergleich zur Wahl 2017 einen Sprung um 5,1 Prozentpunkte – der zweitgrößte im Land. Das CDU-Zweitstimmen-Resultat im Wahlkreis 169 ist im Hessen-Vergleich unauffällig: Die Christdemokraten haben zwar mehr als 10 000 Zweitstimmen verloren (minus 7,8 Prozentpunkte). Landesweit liegt der Verlust bei 8,1 Prozentpunkten.

Die AfD (Landesdurchschnitt: 8,8 Prozent) fuhr zwischen Haunetal und Neu-Eichenberg eines ihrer besten Wahlkreisergebnisse ein: 11,5 Prozent. Das ist in Hessen Rang vier von 22 Wahlkreisen. Die AfD büßte mit einem Minus von 1,6 Prozentpunkten im Vergleich zu 2017 im Wahlkreis 169 die wenigsten Stimmen hessenweit ein. In Cornberg wurde die AfD zweitstärkste Kraft vor der CDU.

Während die Grünen im Bund Stimmen gewonnen haben, fuhren sie im Wahlkreis 169 trotz leichter Zuwächse (plus 3 Prozentpunkte) ihr schlechtestes und einziges einstelliges Ergebnis in ganz Hessen ein. Sie holten 9,0 Prozent – fast 7 Punkte weniger als im Mittel. Ähnlich die FDP: Auch sie bleibt nur im Wahlkreis 169 einstellig mit 9,9 Prozent der Zweitstimmen (Hessen: 12,8).

Die Linke verlor 3,2 Prozentpunkte – fast der Hälfte der Stimmen von 2017. Dennoch ist Werra-Meißner/Hersfeld-Rotenburg einer der Wahlkreise, in denen die Linken am wenigsten Stimmen einbüßten. Sabine Leidig, die vor vier Jahren über die Landesliste für den Wahlkreis in den Bundestag einzog, war diesmal kein Faktor.

Das sagen die heimischen Kreisverbände

„Das Wahlergebnis ist Freude pur!“ sagt SPD-Kreisvorsitzender Knut John. „Aber wie geht es jetzt weiter? Das ist meine große Sorge.“ John setzt auf die Ampelkoalition mit Grünen und FDP: „Jetzt müssen wir nur noch die FDP davon überzeugen.“ John interpretiert das Ergebnis als Wunsch der Bürger nach einem Richtungswechsel: „Der geht nur ohne die CDU. Die waren jetzt 16 Jahre an der Regierung.“ Für den Werra-Meißner-Kreis sei das Wahlergebnis gut. Michael Roth, der mit 43,7 Prozent das Direktmandat errang, sei ein guter Vertreter in Berlin. John hofft, dass Roth Mitglied der Bundesregierung bleibt, gern als Europa-Staatssekretär. Denn die EU würde den Kreis als Teil des ländlichen Raums stark fördern, etwa über das Leaderprogramm.

Frust herrscht dagegen bei der CDU: „Es war ein schwarzer Tag für die Union. Das Ergebnis ist eine bittere Enttäuschung“, sagt Kreisvorsitzender Stefan Schneider. „Unter diesen Voraussetzungen war es für uns unmöglich, den Wahlkreis 169 zu gewinnen. Obwohl wir mit Wilhelm Gebhard einen äußerst engagierten Kandidaten hatten, der wie kein anderer durch den Wahlkreis gereist ist, konnten wir uns dem Bundestrend nicht entziehen.“

Hoffnungsvoll gibt sich die FDP: „Wir freuen uns über ein bundesweit gutes Ergebnis und eine deutliche Steigerung im Kreis“, sagt Kreisvorsitzender Max Grotepaß. „Begeistert sind wir von Hochrechnungen, die uns auf Platz 1 bei den Erstwählern sehen. Auch im Werra-Meißner-Kreis hat uns der Wahlkampf einen Schub gegeben: Wir konnten viele junge Menschen als Mitglieder gewinnen.“ Auf eine Wunschkoalition will sich Grotepaß nicht festlegen: „Die beste Koalition wäre diejenige, in der wir die meisten unserer Inhalte durchsetzen können.“

„Wir Grüne haben unser historisch bestes Ergebnis erzielt. Auch wenn das Ergebnis nicht so gut ausgefallen ist, wie erhofft, gibt uns der deutliche Anstieg Rückenwind“, sagt Vorstandssprecher Felix Martin. Jetzt wolle man die nächste Regierung prägen. Besonders erfreulich sei, dass Direktkandidatin Awet Tesfaiesus über die Landesliste in den Bundestag einzieht. „Damit hat der Kreis eine starke Stimme in Berlin.“

„Wir sind enttäuscht vom Ergebnis der gestrigen Bundestagswahl“, sagt Linken-Kreissprecherin Lucia Müller. „Ein Großteil der Bevölkerung würde massiv von der Umsetzung unserer Vorschläge profitieren. Offensichtlich konnten wir unsere Positionen jedoch nicht gut genug vermitteln.“ Die rot-rot-grüne Kooperation funktioniere im Kreis gut – daher sei es bedauerlich, ein solches Bündnis auf Bundesebene nicht eingehen zu können. „Wir sind erfreut über unsere drei Direktmandate und werden die Arbeit der kommenden Regierung kritisch begleiten.“

„Die Freien Wähler haben mehr als doppelt so viele Stimmen als bei der letzten Bundestagswahl erhalten. Ein gutes Signal für die nächste Landtagswahl“, freut sich Kreisvorsitzender Dr. Claus Wenzel über 2727 Zweitstimmen (2,11 Prozent). Da Michael Roth im Bundestag für den Suedlink auch durch den Werra-Meißner-Kreis gestimmt habe, erwartet er vom Wahlergebnis keine positiven Folgen für den Kreis. (Friederike Steensen)

Der AfD-Kreisverband hat sich bis Redaktionsschluss nicht zurückgemeldet.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.