Familie Brübach zeigt Problemstellen

Barrierefreiheit: Wie kommen Rollstuhlfahrer in Witzenhausen voran?

In Witzenhausen gibt es noch viel Verbesserungspotenzial finden Vera (links) und Liv Brübach.
+
In Witzenhausen gibt es noch viel Verbesserungspotenzial finden Vera (links) und Liv Brübach.

Wie behindertengerecht ist Witzenhausen? Angeregt durch unseren Themenmonat „Mobilität“ im Oktober zeigt Familie Brübach nun bei einem Rundgang durch die Stadt einige Problemstellen.

Witzenhausen – Einfach in die Stadt mit Freunden essen oder ins Kino gehen, ist für Liv Brübach nicht möglich. Die 26-Jährige aus Werleshausen ist auf einen elektrischen Rollstuhl angewiesen. Der macht sie mobil, gleichzeitig entstehen dadurch aber viele Probleme, da ihr Umfeld selten die Bedürfnisse von Rollstuhlfahrern berücksichtigt.

Dieses Problem haben aber genauso Menschen, die mit einem Rollator oder Kinderwagen unterwegs sind. Vor 13 Jahren haben Liv und Mutter Vera Brübach die HNA schon einmal auf einen Stadtrundgang mitgenommen. Seitdem habe sich kaum etwas verändert, sagen sie. Sie würden sich wünschen, dass in Witzenhausen die Bedürfnisse von Behinderten besser berücksichtigt werden.

Parkplätze

Vera Brübach fährt ihre Tochter Liv mit dem Auto in die Stadt. Busse kann Liv nicht nutzen, da diese selten barrierefrei sind. Damit der Elektrorollstuhl in den Wagen passt, braucht die Familie einen Kleinbus. Der hat hinten eine Rampe eingebaut, über die Vera Brübach den Rollstuhl ihrer Tochter ein- und ausladen kann. „Damit kann ich aber nicht auf jeden Behindertenparkplatz, da ich nach hinten ungefähr dreieinhalb Meter Platz benötige“, berichtet Mutter Brübach. Beim Parkplatz am Kirchplatz in Witzenhausen funktioniert es aber. Aufpassen muss Vera Brübach jedoch, dass ihr kein anderer Autofahrer über die Rampe für den Rollstuhl fährt. „Das ist schon mehrfach passiert“, berichtet sie.

Vorsorglich stellt Vera Brübach zudem den Wagen leicht schräg in die Parklücke. So kann sie sicherstellen, dass ihre Tochter, die hinten rechts sitzt, ein- und aussteigen kann, auch wenn jemand neben ihr parken sollte.

Mit der Rampe brauchen Brübachs mehr als 3,5 Meter Platz hinter ihrem Auto.

Bordsteine

Und dann geht es los in die Innenstadt. Wo ist die nächste abgesenkte Stelle am Bordstein? Denn nur dort kann Liv Brübach mit dem Rollstuhl auf den Fußweg fahren. Zum Glück kennt die Familie sich aus, denn gerade in der dunklen Jahreszeit sind die Bordsteine schwer erkennbar. Liv und Mutter Vera würden sich hier eine optische Markierung wünschen.

Pflaster

Gepflasterte Flächen sind schwierig für die 26-Jährige, besonders wenn dann noch Steine fehlen, wie auf dem Witzenhäuser Marktplatz. „Livs Rollstuhl ist da ein Mal hängen geblieben, das war kein Spaß“, berichtet Vera Brübach. Deswegen würden sie sich freuen, wenn eine Alternative zu Pflastersteinen gefunden werden könnte.

Weihnachtsmarkt

Den Weihnachtsmarkt in Witzenhausen kann Liv nicht besuchen, da sie mit ihrem Rollstuhl nicht auf den Hackschnitzeln fahren kann. Auch die vielen Kabel, die die Verkaufsstände natürlich benötigen, stellen für Liv Brübach ein Hindernis da.

Öffentliche Toiletten

Es ist gut, dass Witzenhausen eine öffentliche Toilette hat, die barrierefrei ist. Allerdings ist sie für einen elektrischen Rollstuhl zu eng, finden Liv Brübach und ihre Mutter Vera. Liv Brübach kommt gerade so durch die Tür. Wäre sie allein unterwegs, könnte sie nicht die Tür hinter sich schließen. Auch würde sie ohne Hilfe nicht mehr aus dem Raum kommen, da Liv Brübach wegen der Enge den Rollstuhl nicht umdrehen kann, um rückwärts herauszufahren. Dank einer zweiten Bedientafel an der Rückseite des Rollstuhls kann Vera Brübach ihre Tochter herausfahren.

Öffentliches WC: Rein geht, aber es ist kein Platz zum Wenden da.

Fußgängerampel

Die Ampel an der Walburger Straße ist für Liv Brübach wichtig, um gefahrlos die Straße überqueren zu können. Allerdings ist die Schaltung nicht lang genug, damit es die 26-Jährige bei grün auf die andere Straßenseite schafft. Bereits nach dreiviertel der Strecke wechselt die Ampel wieder auf Rot und Liv Brübach bekommt Angst auf dem Überweg.

Geschäfte

Die Innenstadt hat viele schöne, alte Fachwerkhäuser. Diese sind aber selten behindertengerecht, Stufen vor dem Eingang sind die Regel. Zudem sind viele Geschäfte sehr schmal geschnitten, sodass kein Platz ist, mit einem Rollstuhl ins Geschäft zu fahren, geschweige denn zu wenden.

Auch werden Kleiderständer und Warenregale so eng gestellt, dass mit Rollstuhl kein Durchkommen ist. „Wir machen es dann meistens so, dass Liv draußen wartet und ich im Geschäft zwei oder drei Teile heraussuche, die ihr gefallen könnten. Damit gehe ich dann kurz vor die Tür und zeige sie Liv“, berichtet Vera Brübach. Das funktioniere, da man sie in der Stadt kenne. Es gibt aber auch Beispiele, wo im Laden genug Platz für Liv Brübachs Rollstuhl ist. So kommt sie etwa gut ins Mäc-Geiz, auch der Eingangsbereich des NKD ist großzügig genug gestaltet.

Restaurants

Auch in Restaurants gibt es häufig Stufen am Eingang oder enge Durchgänge, die für Rollstuhlfahrer nicht zu meistern sind. Gibt es auch keinen behindertengerechten Hintereingang, müssten Vera Brübach und ihr Mann Liv unterhaken und ins Restaurant tragen, wenn sie gemeinsam essen gehen wollten. Auch Sitzgelegenheiten draußen sind nicht immer für Rollstuhlfahrer geeignet, wenn sie etwa durch Blumenkübel begrenzt werden. Selbst wenn sich Liv Brübach ein Eis holen möchte, ist sie auf Hilfe angewiesen, da sie nicht über den hohen Verkaufstresen greifen kann.

Radfahrer

In Witzenhausen dürfen in der Fußgängerzone an der Brückenstraße auch Radfahrer fahren. Für Rollstuhlfahrer wie Liv Brübach kann das zur Herausforderung werden, da die Radfahrer schnell und wendig sind. Die 26-Jährige kann sie schlecht einschätzen. Sie selbst kann mit ihrem Rollstuhl nicht so schnell ausweichen. Wenn sich unvermittelt ein Radfahrer nähert, erkennt Liv Brübach dies oft spät und weiß dann nicht, ob der Radfahrer ausweicht. Einfacher wäre es für Liv Brübach, wenn die Radfahrer einen festen Streifen in der Fußgängerzone nutzen würden.

Unterführung

Die Einfahrt zur Unterführung an der Brückenstraße ist schlecht einsehbar. Liv Brübach fährt sehr langsam herum, denn wenn ihr jemand entgegenkommt, kann sie nicht ausweichen.

Werra-Brücke

Die Königsdisziplin ist für Liv Brübach die Brücke über die Werra in Witzenhausen. Weil der Fußweg so schmal ist, hat die 26-Jährige Angst, wenn sie über die Brücke muss. Kommt sie mit ihrem Rollstuhl zu dicht an die Kante, könnte sie auf die vielbefahrene Straße stürzen. Wenn ihr Menschen entgegenkommen, weiß Liv nicht mehr weiter, denn ausweichen kann sie nicht. „Das ist sehr anstrengend für sie“, sagt Mutter Vera Brübach. Immer wieder beruhigt sie ihre Tochter und gibt ihr Hilfestellungen.

Auf der Werrabrücke hat Liv Angst, denn der Fußweg ist sehr schmal, sodass sie keine Fehler beim Navigieren ihres Rollstuhls machen darf.

Das sagt Bürgermeister Daniel Herz: Veränderungen kommen mit Marktplatzumgestaltung und Ersatzbrücke

Wie Bürgermeister Daniel Herz mitteilt, seien bei den grundhaften Sanierungen von Straßen, wie der Nordbahnhofstraße und der Südbahnhofstraße die Vorgaben zur Barrierefreiheit mit ausgeführt worden. An der Nordbahnhofstraße sei zudem eine Treppe zum Felsenweg zurückgebaut und durch eine Rampe ersetzt worden. Auch am neuen Busbahnhof sowie bei nahezu allen Bushaltestellen im Stadtgebiet seien sogenannte Kasseler Bords verbaut, um einen möglichst barrierefreien Zugang zu Bussen zu garantieren. Beim Marktplatzumbau werde der Eingangsbereich des Rathauses angepasst.

Pflaster

Auch Bürgermeister Herz sieht die fehlenden Pflastersteine als Gefahrenquelle. Im kommenden Frühjahr soll mit dem Umbau des Marktplatzes begonnen werden. Danach sei der Platz viel besser zu begehen und zu befahren.

Weihnachtsmarkt

Das Problem der Hackschnitzel auf dem Weihnachtsmarkt habe Herz bereits in den vergangenen zwei Jahren mit der Geschäftsführung der Pro Witzenhausen GmbH besprochen. Der Entschluss blieb jedoch bestehen. Wegen dem Marktplatzumbau soll im nächsten Jahr der Weihnachtsmarkt in den Stadtpark verlegt werden. Da würden die Hackschnitzel entfallen.

Fußgängerampel

Mit der Sanierung des Marktplatzes soll der Bereich an der Walburger Straße zu einem verkehrsberuhigten Bereich werden. Alle Verkehrsteilnehmer sollen gleichberechtigt sein. Damit könnte die Ampel entfallen.

Fahrradfahrer

Einen eigenen Fahrstreifen für Radfahrer auf der Brückenstraße sei vor Jahren schon als nicht gangbar abgelehnt worden und Daniel Herz sehe auch den Sinn dahinter nicht. Das Ausweisen eines Fahrradstreifens stehe dem Streben nach Gleichberechtigung der Verkehrsteilnehmer entgegen.

Bordsteine

Herz will mit dem Leiter des Baubetriebshofes besprechen, ob es möglich ist, abgesenkte Bordsteine mit Leuchtfarbe zu kennzeichnen, damit sie besser zu erkennen sind.

Toilette

Da bisher nicht gemeldet wurde, dass die Toilette im Rathaus für elektrische Rollstühle zu eng ist, kann Herz nichts dazu sagen. Das Problem müsse man sich vor Ort anschauen.

Unterführung

Die Planungen zum Werraufer beziehungsweise der Ersatzbau der Werrabrücke werden die Einsehbarkeit zur Unterführung verändern.

Brücke

Dass der Fußweg der Werra-Brücke zu eng ist, ist bekannt. Aber es sei eine Brücke des Bundes. „Da dieser da nicht mehr ausbauen oder investieren wird, gibt es die Planungen für den Ersatzbau in Höhe der Stadtwerke“, schreibt Herz. Die Stadt sei da nicht berechtigt, etwas zu ändern.

(Evelyn Ludolph)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.