Bauboom an allen Ecken

Trotz demographischen Wandels: In Witzenhausen wird viel gebaut

Witzenhausen. Es wird gebaut, geplant und renoviert, den günstigen Zinsen sei dank! Im Werra-Meißner-Kreis gibt es trotz der drohenden Bevölkerungsrückgangs viele kleine Entwicklungen, die Mut machen. In Witzenhausen laufen es derzeit etwa ungewöhnlich viele Bauprojekte.

Mit Bürgermeisterin Angela Fischer haben wir verschiedene Projekte besucht. Hier stellen wir einige vor:

1) Zigarrenfabrik: Neues Leben im Industriedenkmal 

Der Geologe Dr. Christian Dede hat 2013 einen Teil der ehemaligen „Engelhardschen“ Zigarrenfabrik an der Nordbahnhofstraße erworben und möchte darin auch seniorengerechte Wohnungen mit bodentiefen Fenstern und Terrasse einrichten. Da das Geld knapp sei, schreite der Umbau aber nur langsam voran, so Dede. Als erstes haben er und seine Partnerin das alte Zollhaus am Eingang renoviert, wo das Paar seit August auch lebt. „Das war am Anfang ziemlich rustikal“, sagt der Uni-Mitarbeiter schmunzelnd. „Aber wir schätzen den kurzen Weg ins Büro.“

Die alte Fabrik steht seit den 1980er Jahren leer. Laut Denkmalschutz muss Dede den Gebäudestand der 1920er Jahre erhalten. Was nach 1960 gebaut worden ist, darf er abreißen - und viele Nebengebäude sind bereits verschwunden. Kuriosester Fund beim Entrümpeln sei eine Packung mit 500 Zigaretten gewesen, die an den Khediven (Vizekönig) von Ägypten adressiert gewesen waren, so Dede. „Der wurde aber schon 1914 abgesetzt.“

Mehr Bilder vom Bauboom in Witzenhausen:

Bauboom in Witzenhausen

2) Bergschlösschen: Wohnungen in der Villa 

Ein italienisches Paar hat die als „Bergschlösschen“ bekannte Villa an der Straße „Unter den Brückenbergen“ erworben, berichtet Bürgermeisterin Angela Fischer. In dem Gründerzeitbau mit dem verwunschenen Garten sollen Wohnungen entstehen.

3) Deula: Unterrichtsräume werden renoviert 

Verliebt ins Industriedenkmal: Dr. Christian Dede saniert die alte „Ehrhard’sche“ Zigarrenfabrik an der Nordbahnhofstraße in Witzenhausen. Das Zollhaus (links im Bild) ist bereits bewohnbar.

Neuer Innenausbau, neuer Raumzuschnitt, bessere technische Ausstattung: Derzeit werden Am Sande die jeweils aus Klassenzimmer und Werkstatt bestehenden Unterrichtsräume der Deula Stück für Stück saniert. In einem ersten Schritt wurde bereits das undichte Dach erneuert. 2015 ist die energetische Sanierung der Außenfassaden an der Reihe, berichtet Deula-Geschäftsführer Henry Thiele. Das Ziel: Eine Reduktion der Heizkosten um 70 Prozent. Der Charakter der Gebäude mit ihren kleinteiligen Fenstern soll aber erhalten bleiben. Insgesamt werden 4,8 Millionen Euro von 2011 bis 2015 in Schulungsräume und Bodenhalle sowie den Bau der Hero-Ausstellungshalle auf dem Deula-Gelände investiert.

 4) Baugebiet „Am Johannisberg“: Nachfrage nach Bauplätzen steigt

Seit über zehn Jahren ist das Baugebiet „Am Johannisberg“ ausgewiesen, 13 Grundstücke sind dort erschlossen. Doch lange Zeit stand am Ende des Oberen Höhenwegs nur ein einsames Einfamilienhaus. Doch innerhalb der letzten ein bis zwei Jahre wuchs das Interesse an den Bauplätzen stark - vier weitere sind bereits verkauft und werden bebaut. Ein fünfter Bauplatz befinde sich gerade im Verkaufsprozess, berichtet das Bauamt der Stadt Witzenhausen.

Die restlichen Grundstücke gehören zwei Privateigentümern und der Stadt. Damit auch sie verkauft und bebaut werden können, muss die Stadtverordnetenversammlung in einer ihrer nächsten Sitzungen deshalb noch über so genanntes Umlegungsverfahren entscheiden. Es gebe durchaus Interesse an den Grundstücken, aber noch keine Warteliste, heißt es aus dem Bauamt.

5) Berufliche Schulen: Neues Gebäude für Naturwissenschaften

Neben den Beruflichen Schulen an der Südbahnhofstraße wächst derzeit das „Copernicum“ in die Höhe: Der neue Gebäudetrakt soll zum naturwissenschaftlichen Zentrum der Schule werden, berichtet Schulleiter Bernd Funk. Ziel sei, dass mehr Versuche in den Bereichen Biologie, Physik und Chemie möglich werden. In diesem Jahr soll der Rohbau noch sein Dach erhalten, das gesamte Gebäude soll 2016 in Betrieb genommen werden können. Bauträger ist der Landkreis.

6) Seniorenwohnungen: Barrierefreies Wohnen geplant

Direkt neben dem Awo-Altenzentrum am Joachim-Tappe-Weg prangt in Richtung Gelster eine leere Fläche - noch. Hier will ein privater Investor laut Bürgermeisterin Angela Fischer auf dem städtischen Grundstück barrierefreie Wohnungen bauen, etwa für Senioren.

7) Parkdeck Wickfeldtstraße: Parkfläche soll bald kommen 

Das Parkdeck an der Wickfeldtstraße wird seit gestern abgerissen, an seiner Stelle soll eine Parkfläche mit 54 (statt wie bisher 72) Stellplätzen entstehen. Bauherr ist der Kreisverband Witzenhausen des Deutschen Roten Kreuzes. Er hat das Grundstück auf 20 Jahre von der Stadt gepachtet und will 44 Stellplätze für die öffentliche Parkraumbewirtschaftung der Stadt zur Verfügung stellen. Investiert werden 255.000 Euro, die Abbrucharbeiten sollen drei bis vier Wochen dauern.

8) Mühlstraße 13: Rettung für geschütztes Gebäude 

Silke Kirst und Christof Wanderer stellen sich einer Mammutaufgabe: Sie wollen das denkmalgeschützte Fachwerk-Ensemble mit der Nummer 13 an der Mühlstraße vor dem Verfall retten. Mit zwei Jahren Renovierungszeit rechnen die beiden, bevor sie ihr neues Domizil beziehen können. In diesem Jahr wollen sie die Balken reparieren und die ursprüngliche Raumstruktur wiederherstellen. Das Wohnhaus wurde 1750 errichtet, das Nebengebäude mit dem Ladengeschäft bereits 1535.

9) Faber’sches Haus: Ungewöhnliches Ladenprojekt 

Thomas Welzel will im denkmalgeschützten Faber’schen Haus, Ermschwerder Straße 19, ein besonderes Projekt ins Leben rufen: Den Pop-Up-Laden „Tante Erma“. „Pop Up“ steht dabei für „plötzlich auftauchend“, denn das Ziel des Architekten ist es, Interessierten für wenige Tage oder Wochen ein vollständig ausgestattetes Ladengeschäft zur Verfügung zu stellen, damit diese zum Beispiel eine Geschäftsidee ausprobieren können. Noch vor Weihnachten soll das Projekt beginnen. In den oberen Stockwerken, wo während des Kulturfestivals „Treppen, Keller, Hinterhöfe“ Kunst gezeigt wurde, sollen später Wohnungen eingerichtet werden.

10) Katharinenhof: Modernes Wohnen für jedes Alter 

Seit dem Frühjahr sind auch die beiden zweistöckigen Mietshäuser bezogen, die der Witzenhäuser Privatinvestor Gerhard Bretthauer in der Straße „Am Katharinenhof“ innerhalb von nur neun Monaten gebaut hat. Zur Verfügung stehen Wohnungen á 108 Quadratmeter mit Terrasse oder Balkon. Die untere Etage sei jeweils komplett barrierefrei, so Bretthauer. Das heißt: Es gibt breite Türen, einen Wendekreis für Rollstühle im Bad und keine Schwellen. „Solche Projekte bräuchten wir häufiger“, sagt Angela Fischer. Alle acht Wohnungen sind vermietet - an ein gemischtes Publikum. Bretthauer hat nach eigenen Angaben mehr als eine Million Euro investiert.

Von Friederike Steensen

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