Ehrenamtliche Helfer sind überlastet

Bedarf an Sozialarbeit für Geflüchtete im Werra-Meißner-Kreis steigt

Gemeinschaftsunterkunft „Am Frauenmarkt“ für Geflüchtete in Witzenhausen
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Die Bewohner der Gemeinschaftsunterkunft „Am Frauenmarkt“ für Geflüchtete in Witzenhausen werden von Mitarbeitern der Awo in schwierigen Lebenslagen begleitet. Wer in eine eigene Wohnung zieht, muss bisher allein zurecht kommen.

Der Bedarf an Sozialarbeit im Werra-Meißner-Kreis ist gestiegen – vor allem bei Geflüchteten und bei Einheimischen, die von Grundsicherung leben.

Werra-Meißner – Den Mangel bestätigen Kreisverwaltung und Arbeiterwohlfahrt (Awo) auf Anfrage unserer Zeitung, nachdem in den politischen Gremien von Witzenhausen auf Antrag der Bunten Liste um eine neue Sozialarbeiterstelle gerungen wird.

Sechs Jahre, nachdem eine Vielzahl von Geflüchteten in den Kreis gekommen ist, leben die meisten von ihnen in Privatwohnungen – auf sich allein gestellt. „Die Sozialbetreuung für die Gemeinschaftsunterkünfte besteht aus Beratung und Begleitung der Bewohner im Alltag, Unterstützung der Geflüchteten in Krisen, Konflikten und schwierigen Lebenssituationen“, berichtet Awo-Fachbereichsleiterin Runa Aasland-Jost. Ihre Mitarbeiter helfen bei Behördengängen, der Gesundheitsversorgung und der Integration in Schule und Kindergarten. Nach dem verpflichtenden Auszug aus der Gemeinschaftsunterkunft müssten die Menschen diese und auch alle anderen Wege allein gehen, so Aasland-Jost. Es sei nicht leicht, die richtigen Ansprechpartner zu finden, wenn man die Sprache nicht gut spreche und die deutsche Gesellschaft nicht gut kenne.

Das bestätigt Sozialarbeiterin Annette Ruske-Wolf, die in Bad Sooden-Allendorf Geflüchtete betreut. Diese kommen zu ihrer Sprechstunde im Rathaus, aber dazu sei viel Vertrauensarbeit und der Einsatz von Integrationshelfern nötig gewesen, die etwa Kurdisch und Arabisch sprechen. Der Einsatz ehrenamtlicher Helfer, von denen es in der Badestadt etwa 70 gibt, sei wichtig, sagt Ruske-Wolf. Aber gerade traumatisierte Geflüchtete bräuchten fachkundige Hilfe durch Pädagogen, Psychologen und Sozialarbeiter. Das betont auch die Initiative „Seebrücke“.

Betreuung nur in Gemeinschaftsunterkünften

Der Werra-Meißner-Kreis ist nach dem Landesaufnahmegesetz für die Betreuung von Asylbewerbern zuständig, die in Gemeinschaftsunterkünften leben, sagt Kreissprecher Jörg Klinge. Damit hat der Kreis die Awo als Dienstleister beauftragt. Der Betreuungsschlüssel liegt bei 1:120, wie Mitarbeiter der Awo im Witzenhäuser Sozialausschuss erklärten.

Wenn ihr Asylantrag bearbeitet worden ist, wechseln Geflüchtete in den Rechtskreis SGB II („Grundsicherung“) und müssen in Wohnungen umziehen. Im Rechtskreis SGB II ist laut Bundesgesetz keine soziale Betreuung vorgesehen.

Die Schaffung von Sozialarbeiterstellen sei nicht Aufgabe des Kreises, sondern eine freiwillige Leistung der Kommunen, erklärt Kreissprecher Jörg Klinge. Solche Stellen könnten nicht über das Landesaufnahmegesetz finanziert werden, Städte und Gemeinden müssten sehen, was sie sich leisten könnten. In Bad Sooden-Allendorf liegt deshalb derzeit eine Stelle für eine Integrationshelferin auf Eis, weil wegen der aktuellen Haushaltssperre nur Pflichtausgaben getätigt werden dürfen. In Witzenhausen, das sich Ende 2020 feierlich zum „sicheren Hafen“ für Geflüchtete erklärt hatte, hat das Parlament nach erbitterter Debatte die Verwaltung beauftragt, eine Sozialarbeiterstelle zu prüfen. (Friederike Steensen)

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