Stadtarchivar schaut zurück

Blick in Witzenhausens Geschichte: Nazis retteten Capitol-Kino mit Propaganda

Propaganda im Kino: Bei einer NSDAP-Veranstaltung, aber auch im regulären Programm zeigte das Capitol-Kino im Januar 1941 auch den Hetzfilm „Der ewige Jude“. Repro: Steensen

Witzenhausen. Das Capitol-Kino wird in diesem Jahr 90 Jahre alt. Stadtarchivar Matthias Roeper blickt für die HNA zurück: Die Nazis nutzten das Kino für ihre Propaganda - und retteten es damit.

1929, nur vier Monate vor der großen Weltwirtschaftskrise, übernahmen Peter Fiege und Martin Morth das Capitol.

Die miserable Wirtschaftslage in Witzenhausen spiegelte sich natürlich auch in der finanziellen Situation des Kinos wieder: Bei der Abgabe der Gewerbesteuererklärung für 1929 wies man Einnahmen von 10.420 Mark und Ausgaben von 10.517 Mark aus – einen Verlust von 97 Mark. Auch für die nähere Zukunft wurde der städtischen Steuerbehörde keine Gewerbesteuer in Aussicht gestellt. Doch die Lage besserte sich: 1930 erwirtschaftete das Kino 2000 Mark Gewinn, 1931 immerhin ein Plus von knapp 1200 Mark.

Das lag aber weniger an zahlungskräftigen Filmfreunden, sondern an der Vermietung des Kinosaals für politische Veranstaltungen, die für das Kino überlebensnotwendige Regel wurden. Trotz der Einweihung der Turn- und Festhalle 1930 nutzten die Witzenhäuser Nationalsozialisten das Capitol als bevorzugten Veranstaltungsraum. Das brachte auch NS-Prominenz nach Witzenhausen: Bei der ersten großen Versammlung des an der Kolonialschule gegründeten „Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes“ stand am 1. Dezember 1931 der spätere Reichsjugendführer Baldur von Schirach im Capitol am Rednerpult.

Daher muss es den Nazis besonders verwerflich erschienen sein, als Ende April 1931 im Auftrag der Freien Gewerkschaften der Antikriegsfilm „Im Westen nichts Neues“ gezeigt werden sollte. Darauf ließ das „nationale Lager“ die Witzenhäuser in einer großen Anzeige im Kreisblatt wissen, dass der Film nichts anderes sei, als eine „…Verhöhnung des Frontsoldatentums, der Ehre und des nationalen Gedankens.“ Jeder Besuch des Films sei ein Verrat und eine Unterstützung der „vaterlandslosen Sozialdemokratie“.

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 war das Capitol in erster Linie wieder Kino. Natürlich wurden neben den gängigen UFA-Filmen auch propagandistische Filme gezeigt. So lief etwa Leni Riefenstahls Film „Triumph des Willens“ über den NSDAP-Parteitag 1934 ab dem 18. Januar 1936 mehrere Wochen im Capitol und wurde auch Schulklassen vorgeführt. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wurden Tanzveranstaltungen, Fasching, bunte Abende, die Erntefeste und Kirmesfeiern zunächst verboten. Die Ausnahme: Kino und Film, denn sie besaßen eine wichtige politische Funktion. Die Zahl der im staatlichen Auftrag produzierten Filme stieg, antisemitische Filme wie „Jud Süß“ (1940) oder „Der ewige Jude“ (1941) bereiteten den Holocaust filmisch vor.

Aber auch im Krieg liefen im Capitol zumeist Unterhaltungsfilme. Neben Melodramen mit Zarah Leander, Kristina Söderbaum und Brigitte Horney war heitere Kost äußerst populär. Revuefilme und Komödien – wie „Die Feuerzangenbowle“ (1944) mit Heinz Rühmann – boten Zerstreuung und sorgten für die von Propagandaminister Joseph Goebbels als kriegswichtig deklarierte gute Laune.

„Februar-Krawalle“ vor dem Kino

Während der sogenannten „Kampfzeit“ Anfang der 1930er Jahre wurde das Capitol-Kino auch Schauplatz von Krawallen: Nachdem es bereits am 11. Februar 1932 zu Auseinandersetzungen im vollbesetzten Kinosaal gekommen war - das Thema der Nazi – Versammlung lautete „Kampf der Not, Kampf dem Marxismus“ – erweiterten sich die Ereignisse eine Woche später zur regelrechten Straßenschlacht.

Der Saal war so voll, dass selbst der berühmte Apfel keinen Platz zum Fallen gefunden hätte. Zusätzlich versammelte sich in der Mühlstraße eine fast 1000-köpfige Menschenmenge, die das Kreisblatt in seinem Bericht vom 19. Februar von einer „…Heerschau der Nationalsozialisten und Kommunisten“ sprechen ließ. Während die Versammlung im Kino selbst – auch aufgrund der massiven Polizeipräsenz – völlig ruhig geblieben war, lieferten sich Nazis und Kommunisten bis weit nach Mitternacht an verschiedensten Stellen der Stadt heftigste Auseinandersetzungen, so dass die Lokalzeitung in ihrem Bericht den Begriff der „Witzenhäuser Februar-Krawalle“ prägte.

Diese Versammlungen bildeten jedoch erst den Auftakt für einen Versammlungsmarathon, den die NSDAP während der kommenden Monate im Capitol veranstaltete.

Von Matthias Roeper

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