Klinik Hoher Meißner ist multidisziplinäres, medizinisches Kompetenzzentrum

Bad Sooden-Allendorf bundesweit erste Adresse für Contergan-Geschädigte

Verwaltungsleiter Michael Abert (von links), Orthopädie-Chefarzt Dr. Volker Stück und Alfonso Fernandez, Vorsitzender des Landesverbandes Hessen der Contergan-Geschädigten.
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Freuen sich über die Klassifizierung der Klinik Hoher Meißner: Verwaltungsleiter Michael Abert (von links), Orthopädie-Chefarzt Dr. Volker Stück und Alfonso Fernandez, Vorsitzender des Landesverbandes Hessen der Contergan-Geschädigten.

Nach langem Anlauf ist es jetzt offiziell: Die öffentlich-rechtliche Conterganstiftung mit Sitz in Köln hat der Rehabilitationsklinik Hoher Meißner in Bad Sooden-Allendorf das Prädikat eines multidisziplinären, medizinischen Kompetenzzentrums für die Behandlung Contergan-Geschädigter verliehen.

Bad Sooden-Allendorf – Damit ist das 265-Betten-Haus mit orthopädischer und neurologischer Abteilung bundesweit die erste Adresse für jene Menschen, die Ende der 1950er- und Anfang der 1960er-Jahre mit Missbildungen der Extremitäten zur Welt gekommen sind, nachdem während der Schwangerschaft die Mütter das Beruhigungsmittel Contergan des Stolberger Pharmaunternehmens Grünenthal eingenommen hatten.

Die Landesverbände und der Bundesverband der Contergan-Opfer hatten die Klassifizierung angeregt. Damit wollen sie den Betroffenen einen Fingerzeig geben, wo sie bei Reha-Maßnahmen die kompetenteste Hilfe erhalten können. Nicht jeder Mediziner sei in der Lage diese anzubieten. Das gaben der Chefarzt der Orthopädie, Dr. Volker Stück, und der selbst contergangeschädigte Vorsitzende des Landesverbandes Hessen, Alfonso Fernandez. (Frankfurt), in einem Gespräch mit unserer Zeitung bekannt.

Neben geschultem medizinischen- und Pflegepersonal bedürfe es speziell ausgestatteter Patientenzimmer und einer guten Vernetzung mit Haus- und Fachärzten. Diese Kriterien für ein Kompetenzzentrum würden von der Klinik Hoher Meißner in vollem Umfang erfüllt, sagte Fernandez.

Das Patienten-Klientel dort setzt sich laut Dr. Stück vorwiegend zusammen aus Contergan-Geschädigten, die infolge ihrer Behinderungen aufgrund falscher oder Überbelastung unter Beschwerden an Rücken und Gelenken sowie Haltungsschäden litten. Psychische Belastungen täten ihr Übriges.

Anfang der 1990er Jahre noch vereinzelt und seit acht Jahren in einer eigenen Elf-Betten-Station behandele die Klinik mit individuell abgestimmten Therapien Contergan-Geschädigte, die oft zwischen dem 50. und 60 Lebensjahr nicht mehr fähig seien, ihren Beruf auszuüben, pro Jahr im Schnitt 100 Patienten.

Rund 10 000 Menschen in Deutschland seien durch das Präparat Contergan schwer geschädigt worden, bilanzierte Fernandez. Die Hälfte von ihnen sei wegen weiterer schlimmer Begleiterscheinungen schon in den ersten Stunden nach der Geburt gestorben. Von den einst 5000 Überlebenden gebe es jetzt nur noch 2000, in Hessen etwa 180. 15 Contergan-Fälle seien selbst in der DDR aufgetreten, weil West-Bürger das Präparat ihren Geschenkpaketen nach Ostdeutschland beigegeben hätten.

Fernandez steht aktuell am Ende einer dreiwöchigen Kur in der Klinik Hoher Meißner. Damit ist der 59-jährige Ex-Bankvorstand zum achten Mal dort zur Reha. Er sei froh, „dass wir auf hessischem Boden eine so gute Klinik haben“, sagt er und fügt hinzu: „Jedes Mal komme ich mit Schmerzen hierher und gehe beschwerdefrei wieder nach Hause.“

Vor 60 Jahren wurde Contergan vom Markt genommen

Am 27. November jährt sich zum 60. Mal der Tag, an dem das Beruhigungs- und Schlafmittel Contergan wegen seiner unheilvollen Auswirkungen vom Markt genommen worden ist. Das nehmen Bundes- und Landesverbände der Contergan-Geschädigten am selben Tag dieses Jahres zum Anlass für ein Online-Treffen in Hamburg. Es soll unter dem Titel „Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“ Impulse für nachhaltige und positive Veränderungen in Politik und Gesellschaft geben. Das soll „zugunsten von Betroffenen des Contergan-Skandals sowie anderer Medikamentenskandale“ geschehen.

An der Veranstaltung, die öffentlich live ausgestrahlt wird, nimmt auch Dr. Volker Stück teil, Orthopädie-Chefarzt der Badestädter Klinik Hoher Meißner, die soeben als Kompetenzzentrum für Contergan-Geschädigte klassifiziert worden ist. Das wurde an gleicher Stelle vor wenigen Tagen mit einem Treffen des Landesverbandes gefeiert.  (zcc)

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