Nichtbewirtschaftung bietet Chance für seltene Tier- und Pflanzenarten

Einige Wälder im Werra-Meißner-Kreis werden immer wertvoller

Eine uralte, gefallene, dem Verfall preisgegebene Eiche liegt im Urwald im Reinhardswald nahe der Sababurg.
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In Naturwaldreservaten werden Stämme und Äste liegen gelassen, so wie hier eine uralte gefallene, dem Verfall preisgegebene Eiche im Urwald im Reinhardswald nahe der Sababurg.

Artenschutz und Forschen sind Gründe, derentwegen im Werra-Meißner-Kreis Waldflächen aus der Bewirtschaftung genommen worden sind. Das geschieht zum Beispiel für Naturwaldreservate, wo Wälder einer natürlichen Entwicklung überlassen werden. „Das sind oft sehr wertvolle Bereiche für den Naturschutz“, sagt Matthias Dumm, Leiter des Forstamts Hessisch Lichtenau.

Werra-Meißner – Sie steigerten langfristig auch den Erholungswert des Waldes. „Totholzbewohner wie Pilze und Käfer haben dort zugenommen.“

Diese Lebewesen profitierten von liegen gelassenen Stämmen und Ästen sowie von Bäumen, die oft älter und daher dicker und knorriger sind als auf wirtschaftlich bewirtschafteten Flächen, so Dr. Jonas Hagge von der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt. Die Einrichtung forscht im Kreis an den Niestehängen, bei der Ruine Reichenbach, am Meißner und am Hohestein in der Hessischen Schweiz.

„Tiere, die sich von Totholzbewohnern ernähren, profitieren auch von den Flächen“, sagt Hagge. Am Meißner seien zum Beispiel sieben Fledermausarten gesichtet worden, darunter die für Hessen besonders seltene Art der Nordfledermaus. Am Hohestein seien Zikadenwespen beobachtet worden – der erste Nachweis dieser Art in Hessen. „Die Flächen sind zudem Brutgebiete für seltene Vögel wie Schwarzspechte.“ Auch einige Flechten setzten sich auf solchen Waldflächen stärker durch, so der Wissenschaftler. Am Meißner seien zum Beispiel die seltenen Kugelfrüchtigen Tupfenflechten gesichtet worden.

Doch der Nutzen der Flächen könne noch nicht endgültig bewertet werden. „Bäume brauchen mehrere Hundert Jahre zum Wachsen“, erklärt er. Die Naturreservate im Kreis seien aber erst etwas mehr als 30 Jahre alt. Zu den Niestehängen und der Ruine Reichenbach seien noch keine Ergebnisse veröffentlicht worden. Ein Problem der Flächen sei jedoch, dass dort Bäume wie Buchen und Eiben verstärkt aufträten und den Wald verdunkelten, so Dr. Thomas  Rysavy, Leiter des Forstamts Wehretal. „Daher bekommen die Pflanzen am Boden oft weniger Licht.“

Im Wald des Forstamts Hessisch Lichtenau sind etwa 1050 Hektar im Staatsgebiet und etwa 350 Hektar im Kommunalwald aus der Bewirtschaftung genommen, sagt Forstamtsleiter Matthias Dumm. „Das halte ich für angemessen.“

Die Ausweisung von Naturwaldreservaten im Staatswald des Forstamts habe zwar erst vor etwa 35 Jahren begonnen – wirtschaftlich nicht genutzte Flächen gebe es aber schon immer, erklärt Dumm. Grund dafür seien zum Beispiel schwer zugängliche Bereiche und schwachwüchsige oder qualitativ schlechte Baumbestände, die für die Bewirtschaftung nicht geeignet seien.

Im Wald des Forstamts Wehretal werden etwa 1465 Hektar im Staatswald nicht bewirtschaftet, so Forstamtsleiter Dr. Thomas  Rysavy. „Das sind 20 Prozent unseres Staatswaldes.“ Dort seien unter anderem Brutgebiete von Uhus und Wanderfalken. Zudem gebe es Sonderstandorte bei Quellen und einen Blaugras-Buchenwald.

„Bei der Auswahl aus der Bewirtschaftung genommener Waldflächen werden vor allem ökologisch hochwertige, größere Bereiche ausgewählt“, sagt Dumm. „Die Flächen sollten sich wegen der Verkehrssicherheit möglichst nicht in der Nähe von Straßen befinden.“ Rysavy fügt hinzu, dass auch der Wille des Flächeneigentümers wichtig ist.

Pläne, künftig weitere Flächen im Werra-Meißner-Kreis aus der Bewirtschaftung zu nehmen, sind den beiden Forstamtsleitern zurzeit allerdings nicht bekannt.

Besucher von Flächen, die aus der Bewirtschaftung genommen sind, sollten vorsichtig sein. „Es gilt zwar das Waldbetretungsrecht“, sagt Dumm. „Da sich im nicht bewirtschafteten Wald jedoch im Lauf der Jahre tote Äste und Bäume mehren, sollten diese Wälder bei Wind und Sturm nicht betreten werden.“

In Naturwaldreservaten, von denen es beispielsweise eines auf dem Meißner gibt, sei das Betreten verboten. (fab)

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