Geo-Naturpark und Stadt arbeiten zusammen

Neues Projekt: Chancen der Kirschen aus Witzenhausen besser nutzen

Sie sollen besser genutzt werden: Unser Bild zeigt blühende Kirschbäume oberhalb des Nordbahnhofs am Sandwald bei Witzenhausen.
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Sie sollen besser genutzt werden: Unser Bild zeigt blühende Kirschbäume oberhalb des Nordbahnhofs am Sandwald bei Witzenhausen.

„Erhaltung und Förderung des Kirschenanbaus in Witzenhausen“ heißt das neue Projekt des Geo-Naturparks Frau-Holle-Land und der Stadt Witzenhausen. Wir stellen es vor.

Werra-Meißner – Von den rund 800 Betrieben, die in den 1960er-Jahren auf 400 Hektar rund um Witzenhausen Kirschen anbauten, sind noch 25 übrig, davon nur zwei im Haupterwerb. Professionell bewirtschaftet werden noch 100 Hektar, viele alte Plantagen verfallen. Der Geo-Naturpark Frau-Holle-Land und die Stadt wollen mit einem neuen Projekt das Witzenhäuser Markenzeichen retten.

Das Projekt hat mehrere Aufgaben, erklärt Dr. Sabine Budde vom Geo-Naturpark: Zunächst soll es den Betrieben helfen, den Kirschenanbau wirtschaftlicher zu machen. Gleichzeitig sollen so der Tourismus gefördert und die vom Obstanbau geprägte Kulturlandschaft bewahrt werden. Auch sollen die Menschen im Werra-Meißner-Kreis für den besonderen Leckerbissen sensibilisiert werden, der vor ihrer Haustür wächst. „Das Ziel ist eine nachhaltige Regionalentwicklung“, bilanziert Budde.

Regional-Trend besser nutzen

Damit soll das Projekt an den Trend zu regional, nachhaltig und transparent produzierten Lebensmitteln anknüpfen. Hier hatte eine Studie des Uni-Fachbereichs „Ökologische Agrarwissenschaften“ aus Witzenhausen schon 2015 gezeigt, dass immer mehr Menschen nach dem Motto einkaufen: „Je regionaler, desto besser.“

In der Corona-Pandemie gab es mehr Nachfrage nach regionalen Produkten

Laut einer Umfrage der Hessischen Ökomodellregionen (ÖMR) stieg in der Pandemie das Interesse an regionalen und Bio-Produkten. „Hofläden und Bioläden boomen“, bilanziert Sabine Marten (ÖMR) die Antworten von 19 Betrieben aus Nordhessen. Auch bei den Bio-Feierabendmärkten im Werra-Meißner-Kreis sei die Nachfrage hoch gewesen. Mehr Produzenten werben daher gezielt mit Regionalität: Die Plattform Regionale Entdeckungen listet mittlerweile 190 Betriebe aus dem Werra-Meißner-Kreis und kann gezielt und interaktiv durchsucht werden. (fst)

Für das Projekt finanziert die Stadt Witzenhausen über das europäische Regionalförderprogramm Leader für zwei Jahre eine eigene Stelle. Die hat Charlotte Graulich inne, die 2020 bereits ihre Masterarbeit im Fach Regionalmanagement zum Thema „Kirschenanbau in Witzenhausen“ geschrieben hat.

Damit Gäste und Einheimische nicht nur im Frühjahr die Kirschblüte bewundern, will der Geo-Naturpark sein Erfolgskonzept „Mohnblüte“ nutzen: Dazu wird Familie Breun bei Wendershausen Mohn anbauen, der zur Zeit der Kirschenernte blüht. Das Team hofft, dass mehr Menschen so auch Zugang zu den heimischen Kirschen finden.

Darum ist die Lage der Kirschenanbauer problematisch

Die Kirschenanbauer leiden vor allem unter mehr Trockenheit im Sommer, steigenden Auflagen im Bereich Pflanzenschutz, neue Schädlinge, Personalmangel, Preisdruck durch billige Import-Kirschen und unzureichende zentrale Vermarktungsmöglichkeiten, erklärt Charlotte Graulich vom Geo-Naturpark. Die meisten Plantagen würden von Familien bewirtschaftet, die im Nebenerwerb kaum noch rentabel arbeiten könnten. Statt der Vermarktung an den Großhandel bliebe ihnen vorwiegend der Direktverkauf, oft an Straßen. Auch die Frage der Nachfolge sei schwierig.

Das hat Folgen für die Stadt: Die Witzenhäuser Kirschen sind das Markenzeichen der Stadt: Sie sind deutschlandweit bekannt und locken Gäste in die Region, sagt Dr. Sabine Budde vom Geo-Naturpark. Wenn die typische Kulturlandschaft nicht mehr erhalten werden kann, hätte das auch Auswirkungen auf viele Arbeitsplätze im Bereich Tourismus. Daneben sind die Plantagen ein wichtiger Lebensraum für viele Vogelarten, Fledermäuse und seltene Käfer, so Budde: „Sie sind sehr schützenswert.“ Deshalb können Grundstücksbesitzer seit Frühjahr 2020 dem Geo-Naturpark ihre Flächen zur Verfügung stellen, der im Gegenzug die alten Bäume pflegt und neue, hochstämmige Kirschbäume pflanzt.

So soll den Kirschenanbauern geholfen werden

„Viele Menschen haben unrealistische Vorstellungen davon, wie Kirschen aussehen müssen“, sagt Graulich. Für viele müssten diese groß, dunkel und fest sein – wie die im Supermarkt. Daher können Anbauer an den Handel vor allem solche Früchte verkaufen, die Ernte der übrigen Kirschen lohne sich kaum.

Ein Ziel des Projektes ist daher, mit Führungen und Bildungsangeboten über Anbau und Sortenvielfalt zu informieren, um bei den Einheimischen ein Bewusstsein für die Kirsche zu schaffen. Für eine bessere Wertschöpfung sollen Möglichkeiten zum Teilen von Arbeitskräften und Maschinen, für höhere Qualitätsstandards und zur Weiterverarbeitung der Kirschen geprüft werden. Im Gespräch sind auch der zusätzliche Anbau von Sauerkirschen, eine Regionalmarke und die Frage, wie man Witzenhäuser Kirschen in die Einkaufsmärkte bekommt – auch über die Region hinaus.

Wichtig ist für Budde und Graulich, dass den Betrieben nicht einfach etwas vorgesetzt wird, sondern dass gemeinsam passende Lösungen gefunden werden. Dazu soll ein starkes Netzwerk rund um alle Facetten der Kirsche in der Region aufgebaut werden.

Diese Pläne gibt es für den Bereich Tourismus

Ziel ist es, den Gästestrom von der Kirschblüte im Frühjahr auf den ganzen Sommer auszudehnen, sagt Budde. Denn die Kirschenanbauer profitierten nur, wenn sie auch Kirschen oder Kirschprodukte verkaufen.

Um Gäste anzulocken, werden bereits seit drei Jahren die Kirschwanderwege überarbeitet und teilweise neu angelegt. „Heute möchten Besucher mehr geleitet werden und etwas erleben“, sagt Budde. Der Geo-Naturpark setzt auf Rundwege für Wanderer und Radfahrer, an denen Gastronomiebetriebe liegen. „Wir machen das nicht zum Selbstzweck“, sagt Budde: Heimischen Firmen sollen profitieren. Das „Kirschkino“ bei Hof Kindervatter soll mit einem Imagefilm über die Bedeutung der Kirsche informieren, hinzukommen Informationen im Internet, eine Telefon-Hotline zum Stand der Kirschblüte und eine Beschilderung, die die Gäste am Parkplatz abholt.

Eine weitere Idee ist, Möglichkeiten zum Selbstpflücken anzubieten, sagt Budde. Ein erster Versuch auf der Plantage des Landesbetriebs Landwirtschaft bei Wendershausen sei im Vorjahr ein voller Erfolg gewesen. (Friederike Steensen)

Weitere Projekte zur Regionalentwicklung

Der Geo-Naturpark Frau-Holle-Land plant weitere Projekte zur Regionalentwicklung im Werra-Meißner-Kreis, sagt Mitarbeiterin Dr. Sabine Budde. Dazu gehört der Ausbau der Infrastruktur für Kanufahrer und Wasserwanderer auf der Werra. Zur Stärkung der Radreiseregion wurde im Oktober 2020 bereits der neue „Glück-Auf-Radweg“ um Cornberg, Nentershausen, Solz und Sontra eingerichtet.

Im Frühjahr soll der Premiumwanderweg 25 bei Kleinalmerode und der Kirschwanderweg 4 bei Witzenhausen eröffnet werden. Über das Projekt „Schaf schafft Landschaft“ soll im Frühjahr ein Onlineshop für regionale Produkte mit einer eigenen Marke eröffnet werden (wir berichteten). Es wird nicht über Regionalfördermittel finanziert, sondern über das Bundesamt für Naturschutz. (fst)

Weitere Informationen zum Kirschenanbau-Projekt:

Dr. Sabine Budde, Charlotte Graulich, Tel. 0 56 57 / 6 44 99 27 und E-Mail: graulich@naturparkfrauholle.land

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