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Chemische Keule in Bad Sooden-Allendorf ein Tabu

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Von: Christoph Cortis

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Mechanische Unkrautvernichtung: Markus Mader, Chef des Baubetriebshofes Bad Sooden-Allendorf, erläutert die Funktion des Wildkrautbesens.
Mechanische Unkrautvernichtung: Markus Mader, Chef des Baubetriebshofes Bad Sooden-Allendorf, erläutert die Funktion des Wildkrautbesens. © Chris Cortis

Auf dem Weg zu einer pestizidfreien Kommune, wie sie deutschlandweit vom Umweltbundesamt und dem Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) propagiert wird, geht die Stadt Bad Sooden-Allendorf mit gutem Beispiel voran. Das wurde am Donnerstagabend in einer öffentlichen Sitzung des Energie- und Umweltausschusses des Stadtparlaments deutlich.

Bad Sooden-Allendorf – So verzichtet die Stadt nach Auskunft von Bauamtsleiter Helmut Franke zur Bekämpfung von Unkraut schon „seit Längerem“ auf den Einsatz der chemischen Keule im Kurpark sowie auf den öffentlichen touristischen und sonstigen Grünanlagen. Blumenbeete seien völlig frei von Giftstoffen. Unter dem ökologischen Aspekt hinnehmbar sei deshalb auch, wenn hier und da mal eine Distel oder Brennnessel sprieße. Die rote Karte gezeigt habe die Stadt bereits vor Jahren dem Glyphosat, einem umstrittenen Pflanzenschutzmittel, das bis Ende nächsten Jahres in Deutschland nur noch eingeschränkt verwendet werden darf.

Franke sprach sich, wie mancherorts schon geschehen, für das Anlegen weiterer ganzjährig blühender Wiesen aus, was auch der Insektenvielfalt zugute komme.

Markus Mader, Chef des städtischen Baubetriebshofes, wies darauf hin, dass beispielsweise beim Freihalten von Straßen und Wegen von unerwünschtem Bewuchs ebenfalls auf Pestizide verzichtet werde. Stattdessen werde dafür seit fünf Jahren bereits ein so bezeichneter Wildkrautbesen eingesetzt. Dabei handelt es sich um ein Gerät, das an die Kehrmaschine angehängt wird. Von rund 50 stabilen Drahtzöpfen an einer rotierenden Scheibe wird der Wildwuchs buchstäblich erschlagen.

Revierförster Johannes Thomas gab mit Blick auf den 2000 Hektar großen Stadtwald bekannt, dass in der Vergangenheit Chemie „nur verschwindend wenig“ zum Einsatz gekommen und im laufenden Jahr „überhaupt nicht geplant“ sei. Abzuwarten sei freilich, was möglicherweise im Zuge des Klimawandels an Schädlingsinsekten „auf uns zukommt“.

Für die Friedhöfe gab es keine erschöpfende Auskunft, weil Ansprechpartner nicht erschienen waren. Festgehalten wurde im Energie- und Umweltausschuss jedoch, dafür zu werben, dass die Vorgaben zum Verzicht auf Chemie, wie sie in Friedhofsordnungen verankert sind, auch eingehalten beziehungsweise um diesen Passus ergänzt werden.

Ausdrücklich begrüßte der Ausschuss, dass die Friedhofsverwaltungen auf Verstöße achten. Weil in Einzelfällen zur Grabpflege immer noch Chemie, Essig oder Salz eingesetzt werde, befürwortet das Gremium schriftliche Hinweise an den Grabstätten, die ohne Androhung von Sanktionen ein Umdenken bewirken sollen.

Unterstützt wurden die Ambitionen des Ausschusses durch den Jugendrat, der in großer Zahl vertreten war. Antonia Meister (16) sprach sich dafür aus, das Augenmerk nicht nur auf Pflanzenschädlinge, sondern auch auf Nützlinge zu richten.

Für Ausschussvorsitzenden Martin Herrmann (Grüne) noch „ein offenes Handlungsfeld“ ist, wie die Bürger mit der Thematik umgehen. Ziel sein könne nur die Motivation, wie er sagte. Denn: „Wir sind keine Gesetzgeber.“

In gesonderten Sitzungen ab Anfang März will sich der Energie- und Umweltausschuss mit der Problematik aus der Sicht der Landwirtschaft befassen. Das könnte spannend werden.

Antrag der Grünen als Grundlage

Die Beratungen im Energie- und Umweltausschuss gehen zurück auf einen Antrag von Bündnis 90/Die Grünen, der im September 2019 vom Stadtparlament verabschiedet worden war und für den das Gremium erst vor knapp zwei Monaten Grundsätze erarbeitet hatte. Nach Überzeugung der Grünen sind Unkraut- und Schädlingsbekämpfungsmittel nicht nur verantwortlich für den Rückgang vieler Tierarten, sondern stehen auch im Verdacht, dem Menschen schwere gesundheitliche Schäden zuzufügen.

Weil Bad Sooden-Allendorf in besonderer Weise dem Thema Gesundheit verpflichtet sei, sollte auf den Einsatz dieser Mittel möglichst vollkommen verzichtet werden. Als Kur- und Rehabilitationsstandort werde die Stadt von einem offensiv vermarkteten Label „pestizidfreie Kommune“ profitieren und den als „natürlich“ beworbenen Tourismus stärken. Bislang haben sich bundesweit knapp 600 Städte und Gemeinden dem Ziel verschrieben, pestizidfrei zu werden.   (zcc)

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