Corona-Blues statt Gesang

Vereine und Corona: Zwangspause für die Witzenhäuser Kantorei

Haben seit März 2020 nicht mehr in großer Runde geprobt: Eva Riks, Christopher Weik und Claudia Krabbes (v. l.) von der Kantorei der Witzenhäuser Liebfrauenkirche.
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Haben seit März 2020 nicht mehr in großer Runde geprobt: Eva Riks, Christopher Weik und Claudia Krabbes (v. l.) von der Kantorei der Witzenhäuser Liebfrauenkirche.

Erfahrung als Solisten sammeln die Talentiertesten und Mutigsten unter den gut 80 Sängern der Witzenhäuser Liebfrauen-Kantorei.

Maximal zu viert stehen sie im Gottesdienst vor der Gemeinde. Da ist jede einzelne Stimme deutlich zu hören. Die übrigen Chormitglieder befinden sich seit dem zweiten Lockdown erneut in einer Zwangspause.

„Im März 2020 haben wir das letzte Mal in großer Runde geprobt“, berichtet Bezirkskantor Christopher Weik. Im Sommer traute sich etwa die Hälfte der Sänger, die zwischen zwölf und 88 Jahre alt sind, zu kurzen Open-Air-Proben vor der Kirche. Die anderen fürchteten um ihre Gesundheit oder um die älterer Familienangehöriger. Im Herbst übten dann jeweils zwölf Sänger im Gemeindehaus. Damit ist seit November Schluss. Daran wird sich nach Einschätzung des Kantors frühestens nach Ostern, eher wohl zum Sommer hin etwas ändern.

„Statt Oratorien einzustudieren, kämpfen wir mit dem Corona-Blues“, fasst Weik die Lage zusammen. Das für Herbst geplante Konzert hat er abgesagt, verspricht aber, es zu gegebener Zeit nachzuholen. Der Kantor hatte die Hoffnung, dass der Chor wenigstens zu Weihnachten auftreten kann – vergeblich.

Der Neustart nach so langer Zeit ohne Probe wird nicht einfach werden: „Die meisten von uns haben in den vergangenen Monaten auch zuhause nicht mehr gesungen“, gibt Claudia Krabbes vom Chorbeirat zu bedenken. Es wird eine Weile dauern, bis die Stimmmuskulatur wieder trainiert sind. Unklar ist zudem, wer überhaupt zurückkehrt. Der Kontakt zur Universität droht abzureißen. Gut zehn Prozent der Kantoreimitglieder sind Studierende. Sie machen Freunde auf den Chor aufmerksam. So gibt es immer junge Nachrücker, wenn Ältere nach dem Examen Witzenhausen verlassen.

„Wegbleiben werden wohl auch die, die schon länger ans Aufhören gedacht haben“, befürchtet Weik. Auf ein Drittel schätzt er die Gruppe der unsicheren Kantonisten. Dieses Problem haben seiner Einschätzung nach auch andere Chöre. Manches Ensemble wird sich wohl auflösen, erwartet der Kantor.

Damit der Kontakt nicht abreißt, haben es die Sänger mit Online-Proben versucht. „Das Problem ist der Zeitversatz im Netz zwischen Singen und Hören“, erläutert Eva Riks vom Chorbeirat. Nach Versuchen mit unterschiedlichen Programmen gab der Chor auf. Denkbar hält der Kantor für die Zeit nach dem Lockdown indes eine Hybridlösung. Eine Gruppe singt im Probenraum. Die anderen singen zuhause bei ausgeschaltetem Mikro mit. Da wird Weik allerdings nicht hören können, wo noch Probenbedarf besteht.

Zu schaffen macht dem Kantor, dass Singen mittlerweile als „gefährlich“ gilt. Dabei werden beim lauten Sprechen mehr Aerosole freigesetzt, als beim leisen Singen, erklärt er kämpferisch.

(Michael Caspar)

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