„Wollten niemandem eine Impfung wegnehmen“

Werra-Meißner-Kreis: Landrat und Stellvertreter werden vorzeitig geimpft - und verteidigen sich

In ganz Deutschland wurden Amtsträger und Politiker geimpft, obwohl sie nicht an der Reihe waren. Auch im Werra-Meißner-Kreis kam es zu zwei Fällen.

  • Vielerorts wurde sich bundesweit bei der Corona-Impfung vorgedrängelt.
  • Im Werra-Meißner-Kreis wurde der Landrat und sein Stellvertreter geimpft - obwohl die beiden dafür nicht vorgesehen waren.
  • Die beiden verteidigen sich und geben an, die Impfungen aus Not angenommen zu haben.

Werra-Meißner – Es gibt auch im Werra-Meißner-Kreis mindestens zwei Fälle, bei denen Menschen eine Corona-Impfung erhielten, obwohl sie nicht zur Gruppe mit Impfpriorität 1 gehören. Die Nutznießer – Landrat Stefan Reuß und sein Stellvertreter Dr. Rainer Wallmann sowie Verwaltungsmitarbeiter des DRK-Kreisverbands Witzenhausen – bestätigen entsprechende Hinweise.

Reuß und Wallmann erhielten bereits beim allerersten Impftermin im Landkreis am Sonntag, 27. Dezember 2020, im Seniorenheim Birkenhof in Hermannrode eine der begehrten Spritzen. Dort habe das Impfteam beim Vorbereiten der Spritzen bemerkt, dass man aus einer Ampulle statt wie vorgesehen fünf tatsächlich sechs vollwertige Impfdosen ziehen kann.

Mehr Dosen als erwartet: Freiwillige wurden für Corona-Impfung gesucht

Dr. Peter Schott vom Klinikum Werra-Meißner leitete damals das erste Corona-Impfteam. Wie er berichtet, seien zunächst alle vorgesehenen 105 Impflinge – Bewohner und Mitarbeiter des Seniorenzentrums sowie das Impfteam – mit der Covid-19-Impfung versorgt worden. Danach habe man Freiwillige für die übrig gebliebenen 19 Dosen gesucht. „Zunächst wurden weitere Mitarbeiter des Heimes, die zuvor nicht geimpft werden wollten, überzeugt, und ließen sich dann impfen“, so Schott.

Enges Zeitfenster für Impfstoff von Biontech/Pfizer

Für den Corona-Impfstoff von Biontech/Pfizer, der für die ersten Impfungen im Werra-Meißner-Kreis verwendet worden ist, gelten strenge Regeln. Der Impfstoff, der bei -70 Grad gelagert werden muss, wird zur Anwendung aufgetaut und muss laut Biontech binnen sechs Stunden nach dem Verdünnen verabreicht werden. Eine aufgezogene Spritze muss laut Dr. Peter Schott (Klinikum) innerhalb von 60 Minuten verimpft werden, ein Transport ist dann nicht mehr erlaubt.

Corona-Impfung: Landrat Reuß und Stellvertreter Wallmann seien überredet worden

Als immer noch Dosen übrig waren, hätte die Impfärzte Reuß und Wallmann mehrfach aufgefordert, die übrigen Dosen als Spitze des Covid-Krisenstabs geimpft zu bekommen. Reuß und Wallmann betonen, dass sie nicht zur Impfung vorgesehen waren und auch nicht geimpft werden wollten. Sie hätten von den Ärzten überredet werden müssen, übrig gebliebene Dosen anzunehmen, die sonst hätten vernichtet werden müssen, weil das enge Zeitfenster der Haltbarkeit ablief.

Eine ähnliche Situation soll es auch im zweiten Fall gegeben haben, der unserer Zeitung von mehreren Seiten zugetragen wurde: Auch beim Impftermin im DRK-Seniorenzentrum in Witzenhausen im Januar seien Dosen übrig geblieben – damit seien Verwaltungsmitarbeiter des DRK-Kreisverbands geimpft worden, bestätigt Vorsitzender Wolfgang Fischer auf Anfrage. Man habe schnell Freiwillige finden müssen, da das Zeitfenster ablief.

Wie kam es zu der Situation, dass Landrat Stefan Reuß und Stellvertreter Dr. Rainer Wallmann bereits beim ersten Impftermin eine Impfung gegen das Corona-Virus erhielten? Fragen und Antworten.

Impfung im Werra-Meißner-Kreis: Knapp 20 Dosen mehr an Corona-Impfstoff als erwartet

Beim ersten Impftermin im Werra-Meißner-Kreis am 27. Dezember war der Corona-Impfstoff der Firma Biontech für lediglich fünf Impfdosen pro Vial zugelassen, berichtet Dr. Peter Schott vom Klinikum Werra-Meißner. Er leitete das erste Impfteam. Für 51 Bewohner des Birkenhofs, 46 Mitarbeiter und acht Mitarbeiter des Impfteams habe man 21 Vials (Fläschchen) abgezählt (5 Dosen aus einem Vial).

„Zu unserer Überraschung war es jedoch ohne Probleme möglich, aus einigen Vials 6 Impfdosen aufzuziehen“, sagt Schott. Das sei zu diesem Zeitpunkt unbekannt gewesen. Insgesamt habe man statt der 105 Dosen für die 105 zur Impfung angemeldeten Personen 124 Dosen aufziehen können.

Erster Einsatz eines Corona-Impfteams im Werra-Meißner-Kreis: Bei diesem Termin am 27. Dezember 2020 im Seniorenzentrum Birkenhof in Neu-Eichenberg-Hermannrode wurden am Nachmittag auch Landrat Stefan Reuß (3. von links) und sein Stellvertreter Dr. Rainer Wallmann (7. von links) mit übrig gebliebenen Impfdosen geimpft.

Impfung mit Biontech/Pfizer: Wie ging man mit dem Überschuss des Corona-Impfstoffs um?

Wegen der überraschenden Lage habe man spontan handeln müssen, so Schott. Zunächst habe man weitere Mitarbeiter des Heims zur Impfung überredet, die ebenfalls zur Prioritätengruppe 1 gehören. Sie seien zur Impfung extra nach Hermannrode gekommen. „Nachdem dann noch einige Impfdosen verfügbar waren, waren alle Ärzte vor Ort einstimmig der Meinung, dass es mit unserem Berufsethos nicht vereinbar ist, Impfdosen zu vernichten.“

Reuß und Wallmann hatten morgens den Impfstart besucht und seien dann nach Hause gefahren. Da sie den Covid-Krisenstab beim Kreis leiten, hätten die Impfärzte ihnen die übrigen Dosen mehrfach angeboten, sagt Schott: „Dies geschah auch per amtsärztlicher Anweisung vonseiten des Gesundheitsamtes des Kreises. Erst nach mehrmaliger Aufforderung per Telefon, mit dem Hinweis, dass die Dosen sonst vernichtet werden, konnten wir beide zu einer Impfung überreden.“ Sie kamen für die Corona-Impfung zurück. Zusätzlich geimpft wurden auch Mitarbeiter des Gesundheitsamts und ein Mitarbeiter des Klinikums.

Werra-Meißner-Kreis: Reuß und Wallman wollen Corona-Impfung aus Not heraus angenommen haben

Eine Abrufliste mit Freiwilligen gab es zu diesem Zeitpunkt nicht. Zudem seien die rechtlichen Folgen unklar gewesen, wenn die 6. Dosis verwendet würde, betont Schott. Daher habe man nicht einfach einen beliebigen Menschen damit impfen können: „Eine ausdrückliche Zustimmung der Impflinge war ebenso erforderlich wie die eigenverantwortliche Entscheidung des Impfarztes, dass die 6. Dosis verimpft werden kann.“

Um zu verhindern, dass der Corona-Impfstoff weggeworfen werden muss, betonen Reuß und Wallmann. Sie hätten eine Impfung mehrfach abgelehnt: „Wir wollten niemandem eine Impfung wegnehmen.“ Es sei niemand zurückgestellt worden, damit sie geimpft werden konnten. Das bestätigt Dirk Wettig, der Leiter des Seniorenzentrums Birkenhof auf Anfrage.

Eine persönliche Stellungnahme der beiden kann man hier auf der Internetseite des Landkreises nachlesen.

Corona-Impfung: Reuß und Wallmann müssen sich erneut impfen lassen

Eine zweite Immunisierung nach 21 Tagen haben Reuß und Wallmann nach eigenen Angaben nicht bekommen – eben um sich nicht vorzudrängeln. „Wir müssen komplett neu geimpft werden“, sagt Wallmann. Das bestätigt Schott. Alle anderen am 27. Dezember Geimpften der Priostufe 1 hätten die zweite Dosis erhalten.

Die Nutzung der 6. Dosis sei seit 8. Januar offiziell vorgesehen, sagt Schott. Seither seien die Corona-Impftermine besser planbar. Mittlerweile gebe es eine Warteliste mit Freiwilligen der Priostufe 1, die Anfang Januar vom DRK erstellt worden sei. Diese greife auch, wenn Personen, die zur Impfung geplant waren, nicht erscheinen oder erkrankt sind, was in den Altenheimen durchaus vorkomme. Auch im Fall des Birkenhofs hätten deshalb nur 50 von 51 angemeldeten Bewohnern geimpft werden können. (Friederike Steensen)

Rubriklistenbild: © Kreisverwaltung Werra-Meißner

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