Zehn Prozent Steuerrückgang erwartet

Corona setzt auch Kirchen zu: Noch keine Auswirkungen auf Werra-Meißner-Kreis

Die St. Crucis-Kirche in Bad Sooden-Allendorf überragt das Fachwerk der Stadt.
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Ihre Sanierung geht trotz Sparvorgaben weiter: Die St. Crucis-Kirche in Bad Sooden-Allendorf.

Die Coronakrise reißt auch in die Kirchenkassen ein Loch. Die evangelische und die katholische Kirche in der Region rechnen mit Einbußen von etwa zehn Prozent beim Kirchensteueraufkommen.

Werra-Meißner – Grund für den Rückgang der Kirchensteuer, die an die Lohn- und Einkommenssteuer gekoppelt ist, ist vor allem die Kurzarbeit in der Pandemie. Auf Kurzarbeitergeld wird keine Kirchensteuer erhoben. Die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck (EKKW) erwartet für 2020 einen Fehlbetrag von 20 Millionen Euro. 2019 hatte sie Einnahmen in Höhe von 190,4 Millionen aus der Kirchensteuer. Laut Vizepräsident Dr. Volker Knöppel rechnet man für dieses und das kommende Jahr mit einem Minus von neun bis zehn Prozent.

Im Bistum Fulda der katholischen Kirche ist es ähnlich: Statt der für 2020 veranschlagten 113 Millionen Euro erwarte man jetzt Einnahmen in Höhe von 100 Millionen Euro, so ein Sprecher des Bistums. Zusätzlich belasten coronabedingte Ausfälle in Bildungshäusern die finanzielle Lage der beiden Kirchen. So haben etwa die Evangelische Akademie Hofgeismar, das katholische Bildungsforum St. Michael (Kassel) und die jeweiligen Familienbildungsstätten seit Monaten kaum Einnahmen.

Sparen beim Bauprojekten und beim Personal

Als Reaktion stellt die katholische Kirche Baumaßnahmen zurück. So sollen in diesem Jahr 11,1 Millionen Euro eingespart werden, sagt der Bistumssprecher. 800.000 Euro können eingespart werden, indem man auf Neuanschaffungen verzichte und frei werdende Personalstellen nicht neu besetze. In den Gemeinden macht sich das noch nicht bemerkbar, sagt Pfarrer Hans-Jürgen Wenner vom Pastoralverbund St. Michael, Werra-Meißner. Große Baumaßnahmen stünden nicht an, die Gemeindehaushalte für dieses Jahr seien genehmigt und würden umgesetzt. Änderungen erwartet Wenner frühestens für 2021.

Auch die evangelische Landeskirche hat eine Wiederbesetzungssperre bis Jahresende beschlossen. Ausgenommen seien Pfarrstellen, sagt Knöppel. Zudem gelte ein Investitionsstopp für große Baumaßnahmen. Betroffen sei davon das Millionenprojekt einer eigenen Schule im Kirchenkreis Hanau. Die Bauarbeiten an den Kirchen in Hundelshausen, St. Crucis in Allendorf und der Neustädter Kirche in Eschwege im Kirchenkreis Werra-Meißner gehen laut Dekanin Ulrike Laakmann wie geplant weiter. Bleibt die Situation 2021 klamm, seien gekürzte Zuweisungen an die Kirchenkreise laut Knöppel nicht auszuschließen.

Werra-Meißner – Einer Kirche geht es immer nur so gut wie ihren Mitgliedern. Seit 2015 hätte man sich innerhalb der Evangelischen Kirche Kurhessen-Waldeck (EKKW) wegen absehbarer sinkender Mitgliederzahlen auf geringere Einnahmen aus der Kirchensteuer eingestellt und Sparmaßnahmen begonnen, sagt Ulrike Laakmann, Dekanin des Kirchenkreises Werra-Meißner.

Steueraufkommen profitierte vor Corona von guter Wirtschaftslage

Zuletzt profitierten die großen Kirchen in der Region bei ihren Einnahmen aus der Kirchensteuer allerdings von der guten wirtschaftlichen Lage. Wenn die Menschen gut verdienen, zahlen sie mehr Steuern – auch an die Kirche, sofern sie dazugehören. So war trotz sinkender Mitgliederzahlen das Kirchensteueraufkommen zuletzt gestiegen. Auch Anfang dieses Jahres war dieser Effekt in den Kirchenkassen spürbar: Bis März lagen sowohl das Bistum Fulda als auch die EKKW über dem Vorjahresniveau. Das Plus betrug laut EKKW-Vizepräsident Dr. Volker Knöppel fünf bis zehn Prozent. Doch mit der Coronakrise kam der Einbruch. Inzwischen geht die Landeskirche von einem Minus von zehn Prozent bei den Kirchensteuern aus.

Noch könne man aus dem im ersten Quartal angelegten Polster die Mindereinnahmen ausgleichen, sagt Knöppel. Daher sei noch nicht klar, ob der Fehlbetrag in diesem Jahr tatsächlich bei den erwarteten 20 Millionen liege. Fest stehe, dass man in das nächste Jahr ohne finanzielles Polster gehe. Das bestätigt auch Laakmann. Im Kirchenkreis Werra-Meißner, wo es wegen der Fusion derzeit Doppelhaushalte über zwei Jahre gibt, werde sich das aber wohl erst mit dem Doppelhaushalt für die Jahre 2022/23 bemerkbar machen.

Die Gläubigen in den Gemeinden werden zunächst wenig von den Mindereinnahmen spüren. „Wir haben den Druck noch nicht in die Fläche unserer Landeskirche weitergegeben“, sagt der Vizepräsident. Als Erstes schnallt die Landeskirche den Gürtel in der Verwaltung enger, wo Mitarbeiterstellen bis Jahresende nicht neu besetzt werden sollen. Knöppel schätzt, dass dies etwa 20 bis 30 Stellen betreffen könnte – etwa im Bereich Kirchenmusik, Jugendarbeit und Verwaltung. Eine wünschenswerte Personalaufstockung im Kirchenkreisamt muss daher warten, sagt die Dekanin.

Pfarrer werden dringend gesucht

Pfarrstellen sind vom Einstellungsstopp ausgenommen. Weil viele Pfarrer demnächst in den Ruhestand gehen und es wenig Nachwuchs gebe, drohen ohnehin schon mehr Vakanzen, sagt Laakmann. „Wir können uns ja keine Pfarrer backen.“ Von den aktuell 44,5 Pfarrstellen sind im Kirchenkreis aktuell frei: In Hessisch Lichtenau (künftig als halbe Stelle), Berneburg (75-Prozent-Stelle), Großalmerode (halbe Stelle) und Frankershausen.

Neben der Haushaltssicherung wird die Kirche vermutlich auch auf ihre Rücklagen zugreifen müssen, um coronabedingte Defizite auszugleichen – etwa durch den brachliegenden Tagungsbetrieb in der Evangelischen Akademie Hofgeismar. Über den Nachtragshaushalt der Landeskirche entscheidet im November das Kirchenparlament.

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