Interview zum Bläserfest

Darum ist der Posaunenchor Witzenhausen nach 121 Jahren immer noch beliebt

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Das allererste Foto: Die Aufnahme ist auf das Jahr 1895 datiert, aufgenommen wurde es im heutigen Dekanatsgarten. Es zeigt Pfarrer Reimann (hinten, 3. von links) im Kreis junger Bläser, die alle 1890 konfirmiert wurden.

Witzenhausen. Der Posaunenchor Witzenhausen ist eine der ältesten Gruppierungen der Stadt - er besteht seit mindestens 121 Jahren. Warum er trotzdem interessant für junge Leute ist, darüber haben wir mit Chorleiter Sebastian Selig und Bezirkskantor Christopher Weik gesprochen.

In den USA stehen „Brassbands“ für schmissige, flotte Musik und Elemente von Jazz, beim deutschen Wort „Posaunenchor“ kommen einem solche Bilder eher nicht in den Sinn. Warum nicht?

Christopher Weik:Posaunenchöre stehen in Deutschland eher für kirchliche Musik, Blasorchester eher für Volksmusik und Märsche, Spielmannszüge hört man im Karneval. Blechbläser haben ein breites Repertoire.

Sebastian Selig: Choräle und Weihnachtslieder sind ein normaler Teil unserer Arbeit. Seit ich den Chor leite, haben wir vermehrt jüngere Mitglieder und spielen auch schmissigere Musik. Trotzdem werden wir nicht mit Jazz auftreten – in unserer Ausbildung lernen wir, nach Noten zu spielen, nicht zu improvisieren.

Welche Musik haben Sie in Ihrem Repertoire?

Selig: Das meiste ist tatsächlich Kirchenmusik, aber nicht nur Choräle. Es gibt auch Bearbeitungen für Gospel und Klassik-Stücke. Beim Frühlingskonzert haben wir zum Beispiel jüdische Tänze und afrikanische Lieder gespielt.

Weik: Vor 20 Jahren haben Posaunenchöre noch andere Arrangements gespielt: Viele Märsche, das gibt es nicht mehr. Auch Volkslieder werden weniger, dafür gibt es nun Filmmusiken, Musical-Stücke oder Lateinamerikanisches.

Was zeichnet einen Posaunenchor aus?

Selig: Bei einem Freiluft-Gottesdienst ersetzen wir die Orgel und bieten mit unserem Tonvolumen eine sichere Begleitung, zu der die Besucher mitsingen können.

Weik: Ein Posaunenchor spielt Konzerte, er begleitet aber immer auch Sänger – das ist bei den anderen Blasformationen nicht so. Als Begleiter muss man sich in Lautstärke und Tempo den Sängern anpassen. Jemand, der nur solo spielen will, ist im Posaunenchor falsch.

Was für Menschen spielen eigentlich im Posaunenchor?

Selig: 2009 war der Posaunenchor fast tot, dann haben wir eine intensive Nachwuchsarbeit gestartet. Derzeit läuft es gut: Wir sind 25 Aktive. Der jüngste ist 14, der älteste 86. Ein Drittel sind Jugendliche, jüngere und ältere Musiker sind zu einer guten Truppe zusammengewachsen. Die Meisten haben wir im Posaunenchor selbst ausgebildet. Manche setzen nach den Anfängen im Posaunenchor noch Unterricht in der Musikschule drauf oder studieren Musik.

Was muss man können, um mit Ihnen zu muszieren?

Selig: Man kann prinzipiell ohne Vorkenntnisse anfangen, auch als Erwachsener. Seit 2009 haben wir in drei Durchgängen Bläser ausgebildet, Musikstudenten aus Kassel haben den Anfängerunterricht übernommen. Die Jungbläser proben meist mit mir vor der regulären Probe am Freitag einige Stücke und spielen dann mit den Fortgeschrittenen soweit sie können. Wir verleihen Instrumente an Anfänger – Posaune, Trompete, Horn und Tuba. Saxofon, Klarinetten oder Piccolo-Flöten, die man aus Jazz-Formationen oder Spielmannszügen kennt, haben bei uns keine Tradition.

Zur 121-Jahr-Feier haben Sie sich viel einfallen lassen. Worauf haben Sie Wert gelegt?

Weik: Wir wollten ein möglichst vielfältiges Programm und einen großen Workshop mit einem namhaften Lehrer – das Ganze musste aber bezahlbar sein. Jetzt freuen wir uns, dass Opus 4 kommen, das sind Musiker vom Gewandhausorchester Leipzig. Zudem wollten wir ein Festkonzert und etwas für die Jugendlichen anbieten: Landesposaunenwart Andreas Jahn tritt mit dem LaJuPo auf – das Blechbläser-Ensemble der Landeskirche. Darin spielen die besten Nachwuchsmusiker aus Nordhessen. Für alle, die mitspielen, ist das eine große Auszeichnung.

Wie soll es künftig mit dem Posaunenchor weitergehen?

Weik: Es kommen immer mal neue Mitglieder von Außen, oft Studenten, die in ihrer Heimat im Posaunenchor ausgebildet wurden. Aber wir bilden immer mehr selbst aus. Derzeit fehlt uns leider ein Lehrer für den Anfängerunterricht. Daher prüfen wir eine Kooperation mit der Musikschule Werra-Meißner.

Selig:Die wenigsten Jugendliche bleiben nach der Schule in Witzenhausen hier. Deshalb: Wer schon ein Blasinstrument spielt, kann gern bei uns mitmachen.

Zu den Personen:

Sebastian Selig (41) spielt seit 1998 im Posaunenchor Witzenhausen und hat 2009 die Leitung übernommen. Der Zimmerer lebt in Unterrieden. Mit neun Jahren bekam er erstmals Unterricht auf einem Horn. „Aber schon damals hab ich von der Tuba geträumt.“ 

Christopher Weik (54) ist seit 2011 Bezirkskantor in Witzenhausen. Er spielt Orgel, Klavier, Cembalo und Harmonium, dirigiert und fungiert als Chorleiter. In seiner Jugend hat er auch mal Geige und Posaune gelernt, sich aber schnell den Tasteninstrumenten verschrieben. (fst)

Wie der Posaunenchor entstanden ist und warum einige Mitglieder Mundstücke für Posaunen und Trompeten in die DDR schmuggelten, lesen Sie in der Montagsausgabe der HNA-Witzenhäuser Allgemeinen.  Das gesamte Programm für das Kirchenkreis-Bläserfest, das am 13. Juni beginnt, finden Sie hier.

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