Beauftragter für Konfirmandenfragen im Interview

Darum lassen sich immer weniger Jugendliche konfirmieren

Eschwege. Die evangelischen Kirchen beobachten seit Jahren den Rückgang der Konfirmationen. Das sei vor allem dem demografischen Wandel, also etwa der niedrigen Geburtenrate, geschuldet.

Pfarrer Joachim Meister, Beauftragter für Konfirmandenfragen im Kirchenkreis Eschwege kennt weitere Gründe.

Hat das ausschließlich demografische Gründe?

Joachim Meister: Vielerorts werden die Schulklassen kleiner oder Schulen gar geschlossen. Das ist der demografische Aspekt. Daneben gibt es ein Stadt-Land-Gefälle. Auf den Dörfern werden meist 100 Prozent der evangelischen Jugendlichen im Konfirmationsalter erreicht, in der Stadt sind es weniger.

Ein möglicher prozentualer Rückgang könnte auch dadurch begründet sein, dass Eltern – anders als noch in den Jahrzehnten zuvor – den Kindern die Entscheidung freistellen, den Konfirmandenunterricht zu besuchen und diese die Mühen eines einjährigen Zusatzunterrichts scheuen. In finanzschwachen Familien kann auch die Scheu vor einer kostenintensiven Feier eine Rolle spielen – sicher sind das aber Einzelfälle und höchst spekulativ.

Pfarrer Joachim Meister

Welche Motivation haben die, die sich konfirmieren lassen?

Meister: Zu Beginn der Konfirmandenzeit frage ich die Motivation ab und schließe mit einem Feedback am Ende der Konfirmandenzeit. Dabei ist der Wunsch, mehr über den christlichen Glauben zu erfahren im Ranking meist knapp vor „gemeinsam Spaß in der Gruppe haben“. Natürlich spielt auch die Vorfreude auf Geschenke eine Rolle. Zunächst kommen die Jugendlichen erst einmal, weil es der Tradition entspricht, und wissen anfangs zwar in Ansätzen, was Konfirmandenunterricht beinhaltet, haben aber nur eine vage Vorstellung davon, „wofür Konfirmation gut ist“.

Die Mitarbeit ist unterschiedlich ausgeprägt und vom Typus des jeweiligen Jugendlichen abhängig. Insgesamt kann ich sagen, dass die meisten Jugendlichen sehr engagiert dabei sind.

Wie unterscheidet sich Konfirmandenunterricht vor 25 Jahren zu heute?

Meister: Sicher wird der Schwerpunkt heute nicht mehr so stark auf das „Auswendiglernen“ von Inhalten gelegt, sondern wir versuchen, die Relevanz der christlichen Botschaft für die Lebenswelt der Jugendlichen zu vermitteln. Dabei ist zu sagen: Glaube lässt sich nicht vermitteln, sondern nur bezeugen - also über sich selbst und aus eigener Erfahrung zu sprechen. Wir als Pfarrer und Pfarrerinnen geben den Konfirmandinnen und Konfirmanden nur die Werkzeuge an die Hand, über die der Zugang zum Glauben möglich ist. Glaube war, ist und bleibt immer Wirken des Heiligen Geistes und damit ein Geschenk.

Muss man den Jugendlichen mehr bieten?

Meister: Das denke ich nicht. Meiner Ansicht nach muss man heute wie damals die Jugendlichen „mitnehmen“, sich auf sie und ihre Lebenswelt und Fragen einlassen. Das ändert sich nicht. Wohl ändert sich die Methodik des Arbeitens. Der Unterricht wird heute vielerorts mit erlebnispädagogischen Elementen gestaltet. Freizeiten werden oft in größeren Gruppen veranstaltet („KonfiCamps“), wo man den Jugendlichen weitergehende Angebote machen kann, als das in einer kleineren Gruppe möglich ist. Aber Konfirmandenfreizeiten an sich gehören schon lange zum Programm.

Was überwiegt, sich für die Konfirmation zu entscheiden? Religiöse Gründe oder die Aussicht auf Feier und Geschenke?

Meister: Ich denke, das eine schließt das andere nicht aus. Für viele Konfirmanden ist die Konfirmation sehr wichtig und es ist für sie entscheidend, mit ihrem Ja die Zusage Gottes in der Taufe zu beantworten. Natürlich freuen sich alle auf die Geschenke – und das ist gut so.

Wie schafft man es, die Jugendlichen nach der Konfirmandenzeit für Kirche zu begeistern?

Meister: Ein festes oder gar einheitliches „Begeisterungsprogramm“ für Jugendliche gibt es nicht. Es ist schwer, Jugendliche zu begeistern – eine vielgehörte Klage. Doch die Termindecke vieler Jugendlicher ist heute deutlich dichter als vor 30 bis 40 Jahren – viele sind konzentriert auf Schule, Freunde und Freizeitaktivitäten (Sport, Musik) – da bleibt oft wenig Zeit. Ich denke, Kirche muss flexibel bleiben, immer wieder neu auf die Lebenswirklichkeit der Jugendlichen schauen und die Methoden dementsprechend anpassen, um christlichen Glauben im Alltag der Jugendlichen erlebbar werden zu lassen.

Als Kirche versuchen wir, durch Freizeitangebote, Wochenendprojekte und regelmäßigen Angeboten der kirchlichen Jugendarbeit wie z.B. Ten Sing das Interesse der Jugendlichen zu wecken. Einige lassen sich für die Mitarbeit in Kindergottesdienst oder Konfirmandenunterricht und -freizeiten gewinnen. Neue Gottesdienstformen mit viel Musik werden ausprobiert. Erlebnispädagogische Angebote werden gemacht, Theaterworkshops, Band und Gesang.

Rubriklistenbild: © epd

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