Kritik an heutiger Methode der Bekämpfung des Borkenkäfers

Witzenhäuser Naturschützer versteht die Welt nicht mehr

Naturschützer Jacob Maurer zeigt auf einen Fichtenstumpf im Wald.
+
Dorn im Auge: Dass die Stümpfe der vom Borkenkäfer befallenen Fichten, wie hier am Sandwald bei Witzenhausen, stehen gelassen werden, findet der Naturschützer Jacob Maurer alles andere als sinnvoll.

Mit der Art und Weise, wie die Forstleute heutzutage den Borkenkäfer im Wald bekämpfen, ist Jacob Maurer absolut nicht einverstanden. Da versteht er die Welt nicht mehr.

Witzenhausen – Dem mittlerweile 95 Jahre alten Witzenhäuser, ehemals Lehrer und über Jahrzehnte Vorsitzender des Naturschutzbeirates des Werra-Meißner-Kreises, ist das Stehenlassen der Stümpfe der von dem Insekt befallenen und gefällten Bäume ein Dorn im Auge. Mit dieser Methode werde man den Borkenkäfer nie vertreiben können, denn mit den Stümpfen biete man den Schädlingen einen Hort zum Überleben und Vermehren.

Folgenden Beweis tritt Jacob Maurer an: Ausgangspunkt sei der Naturpark Bayerischer Wald gewesen, der seit 1967 besteht. Als nach einem Sturm im Fichtenwald viele Bäume umgefallen waren, sei verfügt worden, dass an der Situation im Wald nichts verändert werden durfte. Die Natur, so lautete das Motiv dafür, sollte sich wieder selbst entwickeln – und zwar zu einem „Naturwald“. Also blieben die abgestorbenen Bäume liegen. Das habe der Borkenkäfer dort in Massen genutzt, die Stämme boten ideale Bedingungen zur Entwicklung der Population.

Im Nordharz, erläutert Maurer als Gegenbeispiel, habe es kurz nach dem Zweiten Weltkrieg Kahlschlag gegeben, weil die britische Besatzungsmacht das Holz als Reparationsleistung verlangte. Danach seien Äste, Rinde und Holzreste aber restlos vom Waldboden geräumt worden, bevor – aus heutigen Sicht fatalerweise – Millionen der schnell wachsenden Fichten gesetzt wurden. Zunächst habe es dort keine Probleme durch den Borkenkäfer gegeben, sagt Maurer. Erst, nachdem der Schädling nicht gleich bekämpft wurde, als er wieder auftrat, seien die Fichtenbestände nach der Trockenheit der vergangenen Jahre komplett „aufgefressen“ worden.

Die Krux ist nach Meinung Maurers, dass heutzutage der Holzabraum bewusst liegengelassen wird: „Das fördert den Borkenkäfer.“ Als Argument dafür, dass die Baumstümpfe bis 1,50 Meter Höhe samt Rinde nicht gerodet und entfernt werden, werde der Klimaschutz herangeführt, damit das darin gespeicherte Kohlendioxid nicht freigesetzt wird, sondern gespeichert bleibt. Das hält Maurer aber für, wie es heute „neudeutsch heißt, kontraproduktiv“. Wenn es notwendig sei, plädiert er sogar für den Einsatz von Chemie. Aber sogar die Borkenkäferfallen seien abgeschafft worden. Maurer: „Auch das ist nicht gut“.

Was sagt der Landesbetrieb Hessen Forst zu der Kritik Maurers an der Art der Schädlingsbekämpfung? Jan Brandes, Produktionsleiter beim Forstamt Hessisch Lichtenau, verfasste eine ausführliche Stellungnahme, aus der wir die wesentlichen Aussagen zusammenfassen:

Fichtenkronenholz und insbesondere das Reisig und die Nadeln bleiben liegen, weil sie einen Großteil der Nährstoffe enthalten, die im Baum gespeichert sind. Diese Nährstoffe sollen in den Boden zurückgeführt werden. Andernfalls bestünde auf einigen Waldstandorten das langfristige Risiko eines Nährstoffentzugs. Das wird vom hessischen Waldgesetz so gefordert, zu dieser Art der nachhaltigen Waldbewirtschaftung hat sich Hessen Forst für den Staatswald auch verpflichtet.

Zudem soll das verbliebene Holz so kurz und klein geschnitten und entrindet werden, dass es schnell austrocknet und dem Borkenkäfer nicht als Brutmaterial Futter liefert. Diese Methode ist in der Forstwirtschaft unter dem feststehenden Begriff „saubere Waldwirtschaft“ bekannt, auch wenn das Holz überhaupt nicht aus dem Wald geräumt wird.

Der Einsatz von konventionellen, zugelassenen Pflanzenschutzmitteln (Insektiziden) kann in diesem Konzept als letzte Möglichkeit genehmigt werden, wenn alle übrigen Handlungsmöglichkeiten gegen den Schädling ausgeschöpft wurden. Liegendes Kronenholz im Bestand wird nicht mit Pflanzenschutzmitteln behandelt, da es schnell austrocknet.

Zum Stehenlassen von Baumstümpfen führt Jan Brandes aus, dass der Stammbereich mit dickborkigerer Rinde nicht vom Buchdrucker, sondern dem Fichtenbastkäfer besiedelt wird. Dieser ist nicht bedrohlich für stehende, lebende Fichtenbestände.

Zudem erklärt er, dass im Forstamt Hessisch Lichtenau mehrere Borkenkäfer-Schlitzfallen im Einsatz sind. Damit kann aber nicht die gesamte Borkenkäferpopulation eingefangen werden. Die Fallen dienen zur Beobachtung, wie zahlreich die Schwärmflugaktivitäten der Käfer sind. Wirksame Maßnahme bei Borkenkäferbefall ist, die betroffenen Fichten zeitnah zu fällen und abzutransportieren, bevor die Eier und Larven der Insekten sich unter der Rinde entwickeln können. (sff)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.