Dem Handel helfen – aber wie?

Mehrere Vorschläge: Witzenhausen soll Gutscheinsystem zur Wirtschaftsförderung erhalten

Sorgenkind Innenstadt: „Das schleichende Sterben hat sich durch die Corona-Pandemie noch beschleunigt“, sagt Bürgermeister Daniel Herz über die Witzenhäuser Einzelhandels-Landschaft.
+
Sorgenkind Innenstadt: „Das schleichende Sterben hat sich durch die Corona-Pandemie noch beschleunigt“, sagt Bürgermeister Daniel Herz über die Witzenhäuser Einzelhandels-Landschaft.

Wie kann man die örtlichen Einzelhändler und Dienstleister stärken, die von den Einschränkungen der Pandemie hart getroffen worden sind?

Aktualisiert am 28. Mai 2021, 17.49 Uhr

Witzenhausen - Dazu liegen in Witzenhausen gleich zwei Entwürfe für Gutschein-Systeme auf dem Tisch, die am Dienstag, 1. Juni, diskutiert werden sollen. Die gemeinsame öffentliche Sitzung von Stadtentwicklungs- und Finanzausschuss findet ab 19 Uhr in der Turnhalle Unterrieden statt.

Die Verwaltung

Nach einem Antrag der Bunten Liste/AfW vom Februar hatten die Stadtverordneten die Verwaltung damit beauftragt, eine lokale Förderung für den Einzelhandel in Höhe eines Fonds von 50.000 Euro einzurichten. Das übernahm eine Arbeitsgruppe im Rathaus, die seit Sommer 2020 das Strukturkonzept „Altstadt neu denken“ entwickelt. Am Dienstag soll ein Vertreter der Firma ReBoS (Bochum) im Ausschuss ein Konzept für ein Regionales Bonussystem vorstellen, das so ähnlich schon in Limburg eingesetzt wird. Es wäre „Hilfe zur Selbsthilfe“, wie Johannes Siebold (Pro Witzenhausen GmbH) sagt.

Geplant sind umweltverträgliche Gutscheinkarten, die die Witzenhäuser kaufen und in heimischen Geschäften einlösen können. Beim Kauf könnte die Stadt im ersten Jahr einen Teil des Guthabens dazugeben. Das System soll laut Bürgermeister Daniel Herz langfristig angelegt sein: Es soll mit der Online-Plattform Witzenhausen-Shop verbunden werden, wäre durch ein Bonus-Punkte-Modell (wie etwa Payback) erweiterbar und könnte von Firmen als steuerfreie Arbeitgeberzulage an ihre Mitarbeiter ausgegeben werden.

Dieses Modell müsse aber von Bürgern und Firmen aktiv genutzt werden, damit es zu einem Erfolg werden kann, sagt Siebold. Es habe den Vorteil, dass keine Gutscheine in Schubladen liegenblieben. Mit einer Anschubfinanzierung, bei denen man den ersten Geschäften die Teilnahme finanziere, könnte man Einzelhändler und Dienstleister in Stadt und Dörfern ermutigen, das System auszuprobieren, so Herz. „Wir wollen einen Mehrwert schaffen“, sagt Hauptamtsleiter Michael Zimmermann. Die Wirtschaft könne nicht nur mit Geld der Stadt angekurbelt werden, auch die Bürger müssten sich beteiligen.

Die Koalition

SPD und CDU beantragen im Stadtparlament derweil ein eigenes Gutschein-System – aber sie wollen dafür 430.000 Euro verteilen: Unabhängig vom Einkommen könnten alle Witzenhäuser über 18 Jahre dann pro Person eine Förderung von 20 Euro erhalten, Kinder unter 18 Jahren von 50 Euro.

Die Gutscheine, die von der Stadt versandt werden und mit einer App verknüpft sein sollen, könnten auf Wunsch der Koalition bei teilnehmenden Firmen in Stadt und Dörfern eingelöst und via QR-Code abgerechnet werden – am liebsten schon nach der Sommerpause vor dem Weihnachtsgeschäfts.

Laut SPD-Fraktionschef Lukas Sittel soll das Modell, das so ähnlich in Marburg genutzt wird, über Überschüsse im Haushalt finanziert werden. Diese könnten für das Jahr 2020 laut einer Schätzung von Kämmerer Norbert Heinemann von Anfang März bei rund 2,5 Millionen liegen. Der endgültige Haushaltsabschluss ist laut Herz aber noch nicht fertig. Dennoch geht Sittel davon aus, dass eine beträchtliche Summe an Gewerbesteuereinnahmen übrig bleiben wird, von denen den Bürgern etwas zurückgegeben werden sollte.

Ziel der Koalition ist schnelle, lokale und direkte Hilfe in der Pandemie für Bürger und Händler, sagt Stephan Brübach (CDU). Angst, dass Ketten wie Aldi, Tegut oder Rossmann vom Geld der Stadt profitieren können, hat CDU-Fraktionschef Andreas Gerstenberg nicht. Beim Koalitions-Entwurf müssten sich die Geschäftsleute selbst anmelden, um die Gutscheine einlösen zu können: „Große Ketten registrieren sich für so etwas nicht.“

Die Aktionsgemeinschaft „Handel und Gewerbe“

Dankbar für die Unterstützung aus Politik und Verwaltung ist die Aktionsgemeinschaft „Handel und Gewerbe“. Da SPD und CDU den Händlern ihr Projekt noch nicht näher vorgestellt haben, kann Vorsitzender Michael Schäfer aber zu den Details wenig sagen. Die große Summe, die ausgeschüttet werden soll, überrascht den Apotheker aber. Er fürchtet allerdings, dass nicht alles bei den lokalen Händlern ankommt, und fragt sich, ob mit den OR-Code-Gutscheinen Missbrauch getrieben werden könnte.

Wichtig ist Schäfer: Gutschein- oder Bonussysteme müssen im Alltag von den Händlern ohne großen Aufwand abgerechnet werden können. Zudem müsse noch Überzeugungsarbeit geleistet werden, damit die Händler nach früheren Projekten wie dem Internetportal „Witzenhausen erleben“ und dem Witzenhausen-Shop bei einer weiteren Aktion mitmachen. Mit Geschenk-Schecks für Witzenhäuser Geschäfte, die die AG selbst herausgibt, haben die Händler gute Erfahrung gemacht. Die Gruppe bevorzugt ein langfristiges, flexibles Konzept. Da scheint der Bonuskarten-Vorschlag aus dem Rathaus nach jetzigem Stand besser zu passen.

Der Ausblick

Im Ausschuss soll eine Empfehlung für die Stadtverordnetenversammlung Mitte Juni beschlossen werden, damit die Hilfe schnell anrollen kann – dazu wäre wohl auch ein Nachtragshaushalt nötig. Der städtische Wirtschaftsförderer Christoph Schösser hält die Vorschläge für ähnlich genug, ein Kompromiss scheint ihm möglich. Auch Sittel schließt eine Kombination des eher kurzfristig angelegten Koalitions-Entwurfs und des langfristigen städtischen Vorschlags nicht aus. (Friederike Steensen)

Ergänzung: „Die Partei“ überbietet SPD/CDU-Vorschlag um 20.000 Euro

Wie aus den Unterlagen für die Stadtverordnetenversammlung am Dienstag, 15. Juni, hervorgeht, hat auch die Satire-Partei „Die Partei“ einen Antrag auf die Einführung eines Gutscheinsystems für Witzenhausen gestellt. Darin überbietet sie die Investitionssumme von SPD und CDU um 20.000 Euro auf 450.000 Euro - jeder Erwachsene soll demnach einen Gutschein über 21 Euro erhalten, jedes Kind über 51 Euro.

Die Begründung zum Antrag von „Die Partei“-Stadtveordneten Gualter Barbas Baptista: „Am 26. September ist Bundestagswahl und da sollten wir den Menschen ein kleines Almosen zukommen lassen, damit sie uns wählen. Zudem hat Schinkel‘s Brauhaus gerade erst eine Limo auf den Markt gebracht und davon sollte vor allem die örtliche Jugend profitieren, daher die höhere Summe für Bürger*innen <18. Um alle Bürger*innen zu erreichen werden die Förderbeträge per berittenem Boten (Daniel Herz) an die Bürger*innen ausgesandt. Die ausgegebene Förderung soll eine Befristung bis zum 31.12.2021 erhalten.“ Weitere Details für eine Umsetzung nennt Baptista nicht.

Auf der Tagesordnung für die gemeinsame Sitzung von Stadtentwicklungs- und Finanzausschuss am Dienstag, 1. Juni, steht der Antrag von „Die Partei“ indes nicht. (fst)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.