Teile des Gotteshauses könnten aus der Zeit um 1300 stammen

Die Kirche im Dorf lassen: In Kammerbach rettete der Ruf der Glocke die Bewohner

Nicht mehr sichtbar: Die Kirche hatte ein Gewölbe. Es wurde entfernt, um Platz für die Emporen zu schaffen.
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Nicht mehr sichtbar: Die Kirche hatte ein Gewölbe. Es wurde entfernt, um Platz für die Emporen zu schaffen.

47 Gotteshäuser der evangelischen Kirche gibt es im ehemaligen Kirchenkreis Witzenhausen. Jedes hat mindestens eine spannende Geschichte zu erzählen. Heute steht die Kirche in Kammerbach im Fokus.

Kammerbach – Die Ursprünge der Kirche in Kammerbach liegen im Dunkeln. Während einige ältere Beschreibungen zur Baugeschichte von einer spätgotischen Kirche aus dem Jahr 1513 sprechen, identifizieren andere einen weit älteren, neun Meter breiten Mauerteil, der bereits um das Jahr 1300 erbaut worden sein soll. Möglicherweise gehörte er zu einer mittelalterlichen Kapelle, die später erweitert wurde.

Die älteste Glocke, die Sturm- oder Totenglocke, trägt eine Inschrift von 1477. Die Jahreszahl 1513 ist ebenfalls verbürgt, denn sie ist in römischen Ziffern am Portal angebracht. Allerdings – um es noch komplizierter zu machen – wurde die Kirche 1827 nach Westen erweitert und Teile des älteren Eingangs von 1513 im neuen Portal wieder eingebaut.

Die Sturmglocke warnte die Dorfbewohner vor Gefahr. Im 30-jährigen Krieg rettete ihr Ruf den Kammerbachern sogar das Leben. Wächter Claus Rüppel läutet die Glocke auf dem Turm der Kirche, als die Kroaten anrückten. Zusammen mit ihrem Vieh konnten sich die Dorfbewohner in Sicherheit bringen. Doch Claus Rüppel wurde von den Feinden im Kirchturm erwischt und hinter einem Pferd zu Tode geschleift.

Wenn man fragt, wann und wie oft an der Kirche gearbeitet wurde, lautet die Antwort: ständig. Seit 1655 liegen Abrechnungen vor, die Einblicke in die fortlaufenden Erneuerungen und Instandhaltungsmaßnahmen geben. Kirchenvorstand Hugo Schindewolf hat das umfangreiche Material zur Geschichte der Kirche gesammelt. Zusammen mit Roswitha Kölbel stellt er die Veränderungen vor. „Die ursprüngliche Kapelle war wohl sehr klein, sie bestand aus kaum mehr als dem Altarraum und einem weiteren kleinen Teil mit einer Gewölbedecke.“

Die ehemals katholische Kapelle scheint zudem zwei Altarnischen gehabt zu haben, die in der Reformation baulich verändert wurden. Eine der Nischen befindet sich heute in der Kirche, die andere ist kurioser Weise in der Außenmauer geöffnet worden.

Der Platz auf der Bank wird vererbt

Von den Umbaumaßnahmen seien nur die größten genannt: So wurde der Kirchturm in seiner jetzigen Form 1788 erbaut. 1827 wurde das Gotteshaus nicht nur erweitert, sondern auch neue „Weiberstände“ eingebaut, also Bänke für die Frauen. Männerstände hingegen befanden sich hinter dem Altar. 1839 wurden das Gewölbe sowie ein Bogen aus dem Inneren der Kirche ausgebaut, um Platz für zwei Emporen zu schaffen (von denen es heute nur noch eine gibt). Mit den herausgebrochenen Steinen wurde der Dorfbrunnen erneuert. Ein Schlussstein des Gewölbes mit steinernem Kopf ist in beschädigter Form erhalten geblieben. Damals wurden auch die Plätze auf den Kirchenbänken verlost und an die Familien verkauft. Sie blieben in ihrem Besitz und wurden vererbt. Auf der Empore konnte man jedoch sitzen, wo man wollte.

Die Einwohner zahlen Wachsgeld

1848 wurde eine neue Orgel eingebaut, 1925 eine elektrische Beleuchtung. Zuvor war die Kirche mit 40 Kerzen erleuchtet gewesen, weshalb jeder Haushalt im Dorf „Wachsgeld“ zahlen musste.

1963 fanden größere Veränderungen im Innenraum statt: Durch das Verrücken der Kanzel und die Herausnahme des „Männergestühls“ wurde im Chorraum mehr Platz geschaffen, sodass der Altar versetzt werden konnte. Auch der Fußboden wurde damals ausgehoben und gegen Wasser von unten abgedichtet.

Die letzte große Sanierung fand 2019 statt, als Dach und Turm erneuert wurden. Dabei wurden die blauen Almeröder Tonziegel von 1850 und 1901 wiederverwendet, da ihre Qualität bis heute überzeugt. Kristin Weber

Kirche von Kammerbach: Der älteste Bau befindet sich im Osten im Chorraum. Teile der Mauer könnten noch aus der Zeit um 1300 stammen. Damals muss die Kirche eine Kapelle gewesen sein.

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