Sechs Monate Corona: Eine Bilanz von Landrat Stefan Reuß und Ärztlichem Direktor Dr. Peter Schott vom Klinikum

„Die Solidarität im Werra-Meißner-Kreis war großartig“

Solidarische Hilfe: Ende März schon lief in Bad Sooden-Allendorf eine Hilfsaktion an. Bedürftige konnten sich im Seniorentreffpunkt gespendete Lebensmittel abholen. Unser Bild zeigt Annette Ruske-Wolf (links) und Alexandra Kobusch packen Tüten mit Lebensmitteln.
+
Solidarische Hilfe: Ende März schon lief in Bad Sooden-Allendorf eine Hilfsaktion an. Bedürftige konnten sich im Seniorentreffpunkt gespendete Lebensmittel abholen. Unser Bild zeigt Annette Ruske-Wolf (links) und Alexandra Kobusch beim Packen von Tüten.

Vor gut einem halben Jahr wurde klar, die Corona-Pandemie wird keine Kleinigkeit sein. Es kam zum Lockdown, das öffentliche Leben kam fast gänzlich zum Stillstand. Zeit für eine erste Bilanz.

Werra-Meißner – Sowohl Landrat Stefan Reuß als auch Dr. Peter Schott, der Ärztliche Direktor des Klinikums Werra-Meißner, dürften diejenigen gewesen sein, die wegen der Corona-Bedrohung die meiste Verantwortung übernahmen. Wir baten beide um einen kurzen Rückblick:

Vor einem halben Jahr sorgte die Furcht vor dem Covid-19-Virus für den Lockdown auch im Werra-Meißner-Kreis. Was hat sich in dieser Zeit geändert – im Negativen als auch im Positiven?

Stefan Reuß: Die letzten sechs Monate haben vieles geändert. Zunächst ist die enorme Hilfsbereitschaft zu nennen, die sich eingestellt hat, um denen zu helfen, die durch den Lockdown besonders betroffen waren und sind. Diese Solidarität war großartig. Sie hat sich natürlich in den letzten Wochen seit den Lockerungen auch wieder zurückentwickelt. Positiv ist sicherlich auch die Zusammenarbeit auf der kommunalen Ebene zu nennen, viele Dinge konnten schnell und zielsicher umgesetzt werden, wir hatten auch mit weiteren Behörden, beispielsweise der Polizei, sehr schnell eine Kommunikationslinie gefunden. Ebenso haben wir schnell und unbürokratisch mit vielen Einrichtungen zusammengearbeitet. Die Zusammenarbeit mit unserem Klinikum hat prima geklappt. Besonders positiv ist auch die Zusammenarbeit innerhalb der Kreisverwaltung zu nennen. Insbesondere die systemrelevanten Bereiche haben reibungslos und schnell funktioniert.

Der Informationsfluss mit den Landesbehörden war, insbesondere in der ersten Zeit, mehr als schwierig. Vieles musste improvisiert werden. Je länger der Lockdown dauerte, umso mehr Bürgerfragen, aber auch Beschwerden kamen bei uns an. Der Ton wurde dabei insgesamt rauer. Insgesamt hat die Diskussion über demokratische Spielregeln eine neue Atmosphäre erhalten, die nicht unbedingt demokratieförderlich ist.

Peter Schott: Nicht die Furcht vor Covid, sondern eine klar definierte Bedrohung durch das Virus führte zum Lockdown im Werra-Meißner-Kreis. Dank dieses Lockdowns starben lediglich 16 Patienten an Covid in unseren Krankenhäusern trotz der durchgeführten stationären Therapie. Bei über 70 Patienten musste aufgrund einer schweren Covid-Infektion eine stationäre Therapie durchgeführt werden. Zahlreiche dieser Patienten haben jetzt noch mit den Folgen der Erkrankung zu kämpfen. Ohne Lockdown wäre es wahrscheinlich wie in den umliegenden europäischen Ländern zu Engpässen in der stationären Versorgung mit deutlich höheren Todeszahlen gekommen.

An positiven Effekten kann ich durch die Covid-Pandemie lediglich feststellen, dass die deutschen Krankenhäuser offensichtlich deutlich leistungsfähiger sind als die unserer europäischen Freunde. Entsprechend ist es aus meiner Sicht überaus negativ zu bewerten, dass wir in Deutschland nicht deutlich mehr Patienten aus europäischen Ländern behandelt haben, deren Systeme kollabiert waren. Wir hätten wahrscheinlich deutlich mehr Menschen das Leben retten können, wenn es hier früher eine strukturierte Verteilung kritisch erkrankter Patienten aus Italien, Spanien, Frankreich etc. gegeben hätte. Hoffentlich wird das in den nächsten Monaten besser gemacht.

Was war in den zurückliegenden sechs Monaten Ihre größte Sorge, was Ihre wichtigste Erkenntnis?

Schott: Die größte Sorge bestand in den ersten Wochen aufgrund der Hochrechnungen an zu erwartenden Intensivpatienten im Werra-Meißner-Kreis, dass wir ähnlich katastrophale Situationen erleben müssen wie unsere südlichen Nachbarn. Trotz Mobilisation sämtlicher apparativer und personeller Ressourcen hätten wir ohne Lockdown nur einen Bruchteil der erkrankten Patienten auf den Intensivstationen versorgen können. Dank des Lockdowns wurde dies verhindert und wir konnten die Anzahl der stationären Fälle gut versorgen.

Eine große Sorge ist und war stets die Sicherheit des Personals. Weltweit sind zahlreiche Krankenschwestern, Pfleger und ärztliches Personal durch eine während der Arbeit erworbene Infektion zu Tode gekommen. Daher war es für uns absolut entscheidend, funktionierende Hygienekonzepte auf den Stationen mit ausreichender Schutzausrüstung und ausreichender Schulung des Personals sicherzustellen, um Infektionen zu vermeiden. Dennoch haben sich Mitarbeiter des Klinikums mit Covid infiziert, in einigen Fällen können wir eine Infektion während der Arbeit nicht sicher ausschließen. Zum Glück gab es unter den Mitarbeitern keine sehr schweren Verläufe.

Die wichtigsten Erkenntnisse sind ja immer relativ. Eine wichtige Erkenntnis ist, dass man als Krankenhausleitung in solchen Krisensituation manchmal stündlich neue Entscheidungen treffen muss und Konzepte stets kritisch evaluieren muss. Wir konnten uns zwar am „Pandemieplan“ des Werra-Meißner Kreises orientieren, haben aber ziemlich schnell erkannt, dass das Virus ein überaus hinterlistiger Gegner ist. Zum Beispiel haben wir relativ schnell lernen müssen, dass wir aufgrund vieler atypischer Verläufe eigentlich kaum einschätzen können, ob eine Covid-Infektion vorliegt oder nicht. Entsprechend haben wir recht schnell begonnen, jeden Patienten im Krankenhaus auf Covid zu testen, auch wenn er keine typischen Beschwerden hatte, um Infektionsketten im Krankenhaus zu verhindern. Bisher hat sich das sehr bewährt.

Reuß: Meine große Sorge war, dass wir bestimmte Bevölkerungsgruppen aus dem Blick verlieren und diesen nicht ausreichend Unterstützung gewähren können als Staat. Ebenso gilt nach wie vor meine Sorge der finanziellen Belastung durch die Pandemie und den Auswirkungen auf die kommunalen Haushalte in den nächsten Jahren. Aus meiner Sicht war die Finanzkrise 2008 eher klein im Verhältnis zu den jetzigen Auswirkungen.

Meine wichtigste Erkenntnis war und ist, dass Menschen in der Krise Informationen benötigen, um Vertrauen in die Führung zu haben. Aufklärung ist wichtig. Gelernt habe ich aber auch, dass übergeordnete Politik am Ende doch von parteipolitischen Motiven des Wahlerfolges geleitet wird.

Wagen Sie eine Einschätzung? Kehren wir demnächst wieder zur „alten“ Normalität zurück oder müssen wir uns auf dauerhafte Veränderungen im Alltag einstellen?

Reuß: Die „alte“ Normalität, wie wir sie kennen und schätzen, wird nicht so schnell wiederkehren. Aus meiner Sicht müssen wir uns – unabhängig von der Einführung eines Impfstoffes – darauf einstellen, dass einige Dinge weggebrochen sind und nicht mehr existieren, dass wir uns auf die Schnellebigkeit der Gesellschaft anders einstellen müssen und die Kommunikationswege sich deutlich weiter verändern werden.

Schott: Ich fürchte, dass es im gesellschaftlichen Leben noch lange dauern wird, bis wir wieder zur „alten“ Normalität zurückkehren können. Warten wir mal die Ergebnisse der Impfstoffentwicklung ab. Das Virus scheint keine saisonalen Verläufe wie die Influenza zu haben und wird uns daher dauerhaft beschäftigen. Für die Krankenhäuser wird es kein Zurück zur alten Normalität geben können.

Unter den momentanen räumlichen Strukturen in den Krankenhäusern mit wenig Isolierstationen und kaum Einzelbettzimmern werden wir wahrscheinlich noch mehrere Jahre nicht in der Lage sein, so viele Patienten wie bisher zu versorgen, da wir durch unsere neuen Hygienemaßnahme erheblich an Bettenkapazitäten einbüßen müssen. Hier ist die Gesundheitspolitik gefordert, neue Konzeptionen der stationären Krankenhausversorgung zum Beispiel durch bauliche Konzepte unter Berücksichtigung der neuen Hygiene-Voraussetzungen zu entwickeln und umzusetzen. Auch im Werra-Meißner-Kreis sind wir da durch die vorhandenen Gebäudestrukturen diesbezüglich limitiert.

Worauf sollten wir derzeit besonders achten, da der Werra-Meißner-Kreis von einem deutlichen Anstieg bei den Neuinfektionen mit Corona offenbar verschont wird?

Schott: Wir sollten die bisherige Disziplin bei den allgemeinen Maßnahmen wie Mund-Nasen-Schutz, Abstandsregelung, Händedesinfektion und -waschen weiterhin konsequent einhalten. Wahrscheinlich wird es in den nächsten Wochen aufgrund der aktuellen Entwicklungen in den Großstädten auch im Werra-Meißner Kreis wieder zu einem deutlichen Anstieg der Infektionszahlen kommen. Ganz besonders entscheidend wir es dann sein, dass es uns gelingt, die Menschen mit einem hohen Risiko besonders zu schützen.

Reuß: Wir sollten weiter besonders auf Abstand und Hygiene achten. Umsicht, Vorsicht und Sicherheit sind dabei ganz wichtig. Nicht Leichtsinnigkeit hilft uns weiter, sondern die gebotenen Regeln einzuhalten und auch den Mut zu haben, diejenigen anzusprechen, die der Auffassung sind, dass wir es übertreiben.

Wenn wir das beachten, werden wir individuell wahrscheinlich gar nicht soviel Einschränkung oder Veränderung der Lebenssituation erfahren.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.