Bundestagskandidaten im Porträt

Docta mit Gemeinsinn: Dr. Emmanuel Ngassa will Wahlkreis und Afrika helfen

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Der zeigende Finger ist sein Markenzeichen: FWG-Bundestags-Kandidat Dr. Emmanuel Ngassa betreibt nebenbei „Ask Docta!“, eine erfolgreiche Plattform für Videos, in denen afrikanische Ärzte Menschen in Afrika Krankheiten erklären. Ngassa produziert viele Videos von seinem Studio im Witzenhäuser Ortsteil Neuseesen aus.

Sieben Direktkandidaten bewerben sich im Wahlkreis 169 Hersfeld-Rotenburg/Werra-Meißner um den Einzug in den Bundestag. Wir stellen die Kandidaten in persönlichen Porträts vor. Heute: Dr. Emmanuel Ngassa (FWG).

Wer im 100-Einwohner-Dörfchen Neuseesen den unscheinbaren Anbau an einem alten Bauernhaus betritt, landet in einem Filmstudio und gewissermaßen auf einer Brücke nach Afrika. Hier lebt und arbeitet Dr. Emmanuel Ngassa, der für die Freien Wähler (FWG) in den Bundestag einziehen will.

Wenn der selbstständige Chirurg nicht gerade irgendwo in Deutschland in einem OP oder Notarztwagen steht, widmet er sich in seinem Studio einem besonderen Bildungsprojekt für Afrika: „Ask Docta!“ (Pidgin-Englisch für „Frag den Arzt“). Dazu bittet er afrikanische Ärzte, die in Deutschland arbeiten, vor der Kamera in ihrer Muttersprache Krankheiten zu erklären – etwa Diabetes oder Krebs. Ngassa bearbeitet die Videos, vertont und untertitelt sie in andere afrikanische Sprachen und lädt sie in Neuseesen über eine 16 Kilobit-Leitung ins Internet. „Manchmal dauert das 20 Stunden“, seufzt Ngassa. Aufhalten lässt er sich davon nicht. Im Grunde seien die Probleme seines Heimatlandes Kamerun und seiner neuen Heimat Nordhessen ziemlich ähnlich, findet Ngassa: Auf dem Land gibt es nicht genug Jobs, die Jungen gehen weg, die Alten bleiben zurück und die Infrastruktur verfällt. Um das im Wahlkreis 169 zu ändern, will der 51-Jährige nun in den Bundestag.

„Dabei hatte ich eigentlich keine politische Ambitionen, bis mich die FWG gefragt hat“, sagt Ngassa. Vor Ort engagiert hat er sich stets: Als Fußballer, Dorfchronist, Feuerwehrmann. „Es gab Zeiten, da bin ich nach Schichtende als Notarzt im Witzenhäuser Krankenhaus heim- und später mit der Feuerwehr zum nächsten Unfall gefahren.“ Auch überregional hat sich Ngassa eingesetzt – für die Rechte junger und ausländischer Ärzte, für die englischsprachige Bevölkerung Kameruns, für Nierenkranke in Afrika.

Den Gemeinschaftssinn habe er von seiner Oma, sagt Ngassa. Ihr Credo: „Wenn Dir etwas Gutes widerfährt, teile es mit anderen.“ Bereits im Studium schickte Ngassa regelmäßig Geld an seine Familie – wissend, dass die Oma es mit anderen Hilfsbedürftigen teilen würde. „Ich war der erste in der Familie, der nach Europa ging“, sagt Ngassa. Etwas zurückzugeben, sei selbstverständlich. Doch so privilegiert wie andere Ärzte in Deutschland ist Ngassa nicht, daran ändert auch sein deutscher Pass wenig. Er erlebt, wie ihm Name und Hautfarbe die Jobsuche erschweren und schlechtere Arbeitsbedingungen bescheren. „Früher hat mich so etwas mehr mitgenommen“, sagt er.

Heute konzentriert er sich darauf, seine Erfahrungen aus zwei Kontinenten für positive Dinge zu nutzen. „Bleib immer, wie du bist. Dann fügt sich alles!“, an diesen Rat der Oma glaubt Ngassa fest – und es scheint zu klappen. So wie mit den Ask-Docta!-Videos: Vor 18 Jahren kaufte er nach der Geburt von Tochter Lena eine Videokamera, Filmen wurde seine Passion. Heute kann er mit seinen Videos theoretisch 400 Millionen Afrikaner erreichen – falls sie einen Internetzugriff haben. Aber das Problem kennt Ngassa ja auch aus Neuseesen.

Zur Person

Dr. Emmanuel Anyangwe Ngassa (51) wurde in Kamerun geboren. Er kam 1987 dank eines Stipendiums nach Deutschland. Während des Medizinstudiums in Göttingen arbeitete er auch als Krankenpfleger. Ngassa ist Facharzt für Allgemeine Chirurgie und übernimmt als selbstständiger Arzt seit 2010 bundesweit Urlaubs-, Krankheits- und Fortbildungsvertretungen in Krankenhäusern. 2013 war er Schiffsarzt auf einem Kreuzfahrtschiff im Mittelmeer, wo er mit der Flüchtlingsproblematik konfrontiert wurde.
Neben seiner Tätigkeit als Arzt hat Ngassa 2013 mit „Manunga Publishing“ einen Verlag für afrikanische Literatur gegründet und selbst mehrere Bücher geschrieben – darunter ein Kinderbuch und ein Wörterbuch für Pidgin-Englisch. Zudem betreibt Ngassa seit 2014 die Video-Plattform „Ask Docta!“. Mit seiner Frau Susanne, die auch Ärztin ist, zog Ngassa in den Raum Witzenhausen: 1996 nach Kleinalmerode, 2001 nach Neuseesen. Der Vater dreier Kinder spricht sieben Sprachen (vier europäische, drei afrikanische). Vor Ort engagiert er sich in der Feuerwehr und führt Video-Interviews mit Zeitzeugen, um die Geschichte Neuseesens zu dokumentieren.

Das sind Ngassas politische Ziele für die Region

• Ärztliche Versorgung auf dem Land sicherstellen.
• Schnelles Internet.
• Anreize für junge Leute schaffen, im Kreis zu bleiben und ihre Geschäftsideen zu verwirklichen – etwa in den vielen alten Höfen in der Region, die sonst „totes“, weil ungenutztes Kapital wären.
• Kontakte zwischen dem Wahlkreis und Regionen in Afrika herstellen, um Menschen in beiden Gebieten berufliche Perspektiven zu bieten, etwa in der IT- und Dienstleistungsbranche.
• damit auch Fluchtursachen in Afrika bekämpfen.
• den Bürgerwillen in den Bundestag bringen, indem Menschen aus dem Kreis ihn als „Wahlkreis-Gremium“ bei der Parlamentsarbeit beraten. (fst)

Das ganze Wahlprogramm lesen Sie auf der Internetseite des Kandidaten.

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