Die Kirche im Dorf lassen: Doppelheiligenfibel gibt Hinweis zu Vorgängerbau

St.-Crucis-Kirche in Bad Sooden-Allendorf war einst Ziel von Pilgern

Die barocke Kanzel von 1684 ziert eine Jakobsmuschel und weist damit auf die Tradition der Kirche als Pilgerkirche hin.
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Die barocke Kanzel von 1684 ziert eine Jakobsmuschel und weist damit auf die Tradition der Kirche als Pilgerkirche hin.

47 Gotteshäuser der evangelischen Kirche gibt es im ehemaligen Kirchenkreis Witzenhausen. Jedes hat mindestens eine Geschichte zu erzählen. Heute steht die St.-Crucis-Kirche in Allendorf im Fokus.

Bad Sooden-Allendorf – Mit ihrem 62 Meter hohen Turm ist die St.-Crucis-Kirche in Bad-Sooden-Allendorf nicht nur das höchste und weithin sichtbarste, sondern auch das älteste Wahrzeichen der Badestadt. Die heutige gotische Saalkirche hat eine Kapazität von über 700 Sitzplätzen. Es gab am selben Ort wohl schon einen romanischen Vorgängerbau mit sechs Altären, der mindestens bis ins 9. Jahrhundert zurückreichte. Der Legende nach habe Bonifatius selbst die Kirche geweiht, wie Beate Kostka in der Stadtchronik schreibt. Die als heilig verehrten Solequellen der Stadt zogen Pilger schon seit vorchristlicher Zeit an.

Die Funde

Wie kommt man auf das 9. Jahrhundert? 2006 wurde bei Ausgrabungen südlich der Kirche eine seltene „Doppelheiligenfibel“ gefunden. Zwei abgebildete Figuren können als Apostel Petrus und Paulus gedeutet werden. Diese nur drei Zentimeter große Metallscheibe, eine Gewandspange, wurde nur in spätkarolingischer Zeit getragen. Sie zeichnete ihren Träger, der in der Kirche bestattet wurde, als bekennenden Christen aus. Beim Fundort geht man davon aus, dass dort eine kreuzförmige romanische Anlage mit Langhaus und Querschiff gestanden habe, wie sie dem Heilig-Kreuz-Patrozinium entspräche. Weitere Bestattungen in Steinkisten aus dem Jahr 1100 wurden unter dem Fundament einer alten Kapelle gefunden, außerdem ein mit Knochen gefülltes Beinhaus. Es gibt noch einen spannenden Fund: Ein Keramiktopf mit Linsenboden, datiert um 1300, war einem Skelett beigelegt worden, das unterhalb eines Grabsteins mit dem Kreuz des Deutschen Ritterordens lag.

Das Bauwerk

Die ältesten erhaltenen Mauerteile der Kirche an der südlichen Langhauswand stammen aus dem beginnenden 13. Jahrhundert. 1212 wurde Allendorf dem Kloster Fulda geschenkt. 1218 gab der Landgraf von Thüringen die St.-Crucis-Kirche an das Katharinen-Kloster in Eisenach. Der Kirchturm wurde 1424 begonnen. Älter ist aber die Turmhalle, die bereits im 14. Jahrhundert errichtet worden war. Doch entscheidende Fragen bleiben offen: Wann die einst zweischiffig überwölbte Haupthalle, der Chor und die zweigeschossige Taufkapelle erbaut wurden. Irgendwann im 14. oder zu Beginn des 15. Jahrhunderts?

Pfarrer Thomas Schanze vor dem evangelischen Beichtstuhl.

Der Einsturz

In der Taufkapelle wurde eine Lateinschule eingerichtet, in der man sich auf ein geistliches Studium vorbereiten konnte. Eine Inventurliste von 1525 erwähnt zudem eine kostbare Reliquie. Drei Splitter vom Kreuz Christi sollen damals unter dem klappbaren gotischen Hochaltar aufbewahrt worden seien. Gegen die Reformation wehrten sich die Ratsmitglieder der Stadt zunächst, was das Verhältnis zu den neuen Pfarrern trübte. Gerhard Rademacher, Experte für die Geschichte der Kirche, zeigt ein Baudetail außen am Chor, die Figur eines Pfänners, der dem Pfarrhaus den Rücken zukehrt. Doch der Figur fehlt der Kopf. „Auch hier kam es zum Bildersturm, den Figuren wurden die Köpfe abgeschlagen, die Verzierungen entfernt“, erklärt er. 1637 dann der Stadtbrand. In St. Crucis brannte der Dachstuhl und die Bibliothek wurde vernichtet, das Gewölbe der Halle stürzte ein.

Der Wiederaufbau

Anschließend musste wieder aufgebaut werden: Der Saal erhielt eine flache Decke. Die mit reichen Schnitzereien und Einlegearbeiten verzierte barocke Kanzel wurde 1684 hinzugefügt, ebenfalls der evangelische Beichtstuhl, und aus den Resten der Marienglocke wurde eine neue gegossen. Gebaut wurde an der riesigen Kirche eigentlich immer. 1899 wurde der Raum neu aufgeteilt, die Orgel kam auf die Westempore, der Altar hatte an der südlichen Seitenwand gestanden und wurde nun in den Chorraum verlegt. Als Taufstein diente eine romanisch anmutende Stele aus der Hospitalkapelle. 1959 wurden die Ausmalung und Verzierungen der Wände dann hell überstrichen und die mittleren drei Chorfenster vom Glasmaler Heinz Hirndorf gestaltet. 2018, zur 800-Jahr-Feier, wurde eine neue Orgel eingeweiht, die „Queen an der Werra“, eine der größten Kirchenorgeln der englischen Romantik. Hinter dem modernen Äußeren verbirgt sich das Innenleben einer viktorianischen Orgel aus Cambridge von 1852.

Der älteste erhaltene Teil der Kirche ist die südliche Langhauswand, sie stammt möglicherweise noch aus dem 13. Jahrhundert.

Bibelgarten und Hörspielkirche

Unter der Orgelempore befindet sich nun die durch eine Glaswand abgetrennte Winterkirche. Beliebt bei den Besuchern ist auch der 2008 eingeweihte Bibelgarten mit Café sowie die Hörspielkirche in der Taufkapelle, ebenso das umfangreiche Musikprogramm. Selbst während der Pandemie war und ist die Kirche am Radweg immer offen. In und rund um die Kirche engagieren sich rund 200 Menschen ehrenamtlich. Neuere Überblicke über die Geschichte der Kirche geben die Stadtchronik von 2018 sowie die Masterarbeit von Johannes Bajer von der Universität Weimar zur Raumstudie der Kirche 2011.  (zkw)

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