Zum Studium in Nischni Nowgorod

Drinnen bitte nicht pfeifen: Witzenhäuserin tappt in Russland in Fettnäpfchen

+
Es wird grün an der Wolga: Greta Zeuner hat sich für uns nochmal in Nischni Nowgorod fotografieren lassen – „ dieses mal allerdings aus dem Kreml heraus und mit Frühlingsgefühlen. Im Hintergrund sieht man wie gehabt das WM-Stadion, das übrigens vor vier Wochen eröffnet wurde.“

Witzenhausen. Greta Zeuner aus Witzenhausen studiert für zwei Semester in der russischen Stadt Nischni Nowgorod. Für uns berichtete sie heute über Fettnäpfchen in Russland.

Seit ich in Nischni Nowgorod wohne, gerate ich immer mal wieder in missverständliche, unangenehme oder peinliche Situationen, die kulturellen Unterschieden geschuldet sind. Dies betrifft nicht nur den Lebensstandard und die Sprache, sondern vor allem zwischenmenschliche Kommunikation und Bräuche.

So sind Russen beispielsweise sehr abergläubisch, weshalb man unter Anderem in geschlossenen Räumen nicht pfeifen darf, um kein Unglück anzuziehen. Gleichzeitig wird jedoch überall in Supermärkten, Cafés und Einkaufszentren immer Musik gespielt, die mich oft zum fröhlichen Mitpfeifen anregt. Diesen Fehler bemerke ich zumeist anhand der verwirrten Blicke meiner Mitmenschen recht schnell.

Auch gilt es als unverzeihlich, sich die Nase zu putzen, wenn jemand im Raum ist – man verlässt also immer den Raum oder gar das Gebäude und achtet auch dann darauf, dass niemand in der Nähe steht. Zu Beginn erntete ich diesbezüglich einige empörte Kommentare, bis man mir erklärte, dass sich das nicht gehöre. Ich habe mich bis heute nicht daran gewöhnt, dass sich ein Handschlag unter Männern und Frauen nicht gehört und man sich auch bei offiziellen Treffen lediglich mit einem Kopfnicken einander vorstellt, während Männer sich herzlich die Hände schütteln und so sofort eine ganz andere Beziehung zueinander aufbauen können als Frauen.

Das bis heute am häufigsten auftretende Missverständnis ist das Lächeln: Russen lächeln nur aus echter Freude oder tiefer Zuneigung. Ein freundliches oder dankbares Lächeln einem Kellner, Passanten oder Busfahrer gegenüber gilt als aufgesetzt und wird oft anzüglich verstanden. Da ich jedoch meistens lächle, bin ich schon oft in unangenehme Situationen mit Kellnern, Barkeepern oder Kommilitonen gekommen. Auch, wenn ich von einer Kassiererin oder Passanten schroff angefahren wurde, fiel es mir zu Beginn schwer, dies nicht persönlich zu nehmen. Mit der Zeit lernte ich jedoch die russische Mentalität so gut kennen, dass ich mich selbst daran nun gewöhnt habe.

Mittlerweile kommt es sogar vor, dass ich mich ertappe, wie ich selbst deutlich „russifiziert“ bin. Am deutlichsten bemerke ich es wohl beim Verabschieden am Telefon: Wenn ich mit meiner Familie oder Freunden in Deutschland telefoniere, folgt ihrerseits zum Ende des Gesprächs eine lange Verabschiedung mit zahlreichen Floskeln. Oft lege ich dagegen nach russischer Manier komplett ohne ein Abschiedswort auf oder ringe mir grade noch ein „daway!“ (Los!) oder „vsjo!“ (Das ist alles.) ab, was sie gewiss als ebenso unfreundlich empfinden, wie ich zu Beginn meiner Zeit in Nischni.

Zur Person:

Greta Zeuner ist 22 Jahre alt und in Witzenhausen/Stiedenrode aufgewachsen. Seit 2015 studiert sie European Studies (Europa-Studien) mit Schwerpunkt Osteuropa in Magdeburg und lernte dafür unter anderem zwei Jahre lang Russisch. Seit August verbringt sie zwei Auslandssemester in Russland. „Ich wollte das Land abseits von Medien und Tourismus erleben, weshalb ich mich gegen Sankt Petersburg oder Moskau und für die mit 1,3 Mio. Einwohnern fünftgrößte russische Stadt, Nischni Nowgorod, entschied“, sagt Zeuner. Weitere Anekdoten und Erfahrungen aus ihrem Alltag in Russland teilt die 22-Jährige regelmäßig auf ihrem Blog.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.