Kinogeschichte

Ein Chef kämpft um sein Kino - Ralf Schuhmacher und das Capitol

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Freude über die wiederholte Auszeichnung: Auch 1999, zehn Jahre nachdem er das Kino übernommen hatte, erhielt Ralf Schuhmacher für sein herausragendes Programm beim Hessischen Kinopreis eine Ehrung, wie unser Archiv-Foto zeigt.  

Das Capitol Kino in Witzenhausen wird in diesem Jahr 90 Jahre alt aus diesem Grund blickt Stadtarchivar Matthias Roeper für uns zurück in die Kinogeschichte. Heute: Der ehemalige Student Ralf Schuhmacher führte das Kino in die Neuzeit.

Witzenhausen. Das Jahr 1989 ist nicht nur das Jahr der friedlichen Revolution in der DDR, sondern auch das Geburtsjahr des modernen Capitol Kinos. Der Freiburger Ralf Schuhmacher war zum Studium nach Witzenhausen gekommen und hatte sich dem studentischen Filmclub „Joketown“ angeschlossen. Als dieser nach nur einem Jahr die Kinoleitung wieder abgab, bekam Schuhmacher von Kino-Besitzer Hans Georg Moré das Angebot, das Capitol zu leiten. Schuhmacher meldete als Subunternehmer sein Gewerbe an.

Ein Vierteljahr, nachdem das Team Schuhmacher/Moré Mitte November 1993 den „Hessischen Kinopreis“ wegen der „herausragenden Qualität seines Filmprogramms 1992“ bekommen hatte, präsentierte Moré einen neuen Pächter und setzte Schuhmacher über Nacht vor die Tür. Mit „Unstimmigkeiten und einem gestörten Vertrauensverhältnis“ begründete Moré diesen Schritt. Schuhmacher fühlte sich „ausgebootet“. „Ich kenne das Kino von der Pike auf, das Programm trägt meine Handschrift“, sagte er damals. Nach reiflicher Überlegung und mit solider Finanzierung habe er sich entschlossen, das Kino zu kaufen. Moré habe ihm bereits eine mündliche Zusage gegeben. Schließlich trat Michael Lillig, der neue Pächter, vom Vertrag zurück und Moré willigte doch in den Verkauf an Schumacher ein.

Dieser hatte sofort viel zu tun, denn das Kino besaß zwar einen guten Ruf, war aber sanierungsbedürftig. Also ging es an die Arbeit – mit Ideen des Publikums und freiwilligen Helfern. Parallel lief der Kinoalltag weiter und das im „Kino 2“ gezeigte alternative Programm erhielt mehrfach bundesweite Preise.

Ausgerechnet das stellte den Betrieb 1996 aber plötzlich vor Probleme: Das Kreisbauamt ordnete „bei Androhung eines Zwangsgeldes“ die sofortige Schließung des Raumes im Obergeschoss an. Als Grund wurden das Fehlen eines zweiten Fluchtweges sowie Brandschutzmängel angegeben. Pikant war, dass die Behörde diesen Zustand dreißig Jahre geduldet hatte und nun plötzlich „Gefahr im Verzuge“ witterte. Zudem kam heraus, dass das „Kino 2“ seit jeher ohne Baugenehmigung betrieben wurde, ohne dass das Amt eingeschritten wäre.

Nach nur einem Jahr, Investitionen im sechsstelligen Bereich und viel Eigenleistung war der Umbau geschafft und das „Kino 2“ im Obergeschoss wurde wieder in Betrieb genommen. Ab 2011 wurde das Kino dank staatlicher Fördermittel zum Kulturzentrum, einem Raum für Theater, Konzerte, Lesungen und Debatten – wie er bereits 1927 von Kino-Gründer August Beck angedacht war.

Seit November 2013 bietet das Kino Filme in 3D-Technik und Dolby Surround an – die gleiche Technik wie bei großen Kinos. Möglich wurde dies auch durch den Förderverein „Freunde des Capitols – Förderverein für Kultur und regionale Kommunikation“, der seit 2010 Schuhmacher ideenreich unterstützt. 

Fragen an den Kino-Besitzer

Welcher Film lief in Witzenhausen zuletzt unerwartet gut? 

Ralf Schuhmacher: "Hinter den Wolken"! Diesen belgischen Spielfilm zeigte ich Anfang Januar 2017 im Seniorenkino. Obwohl der Film weitgehend unbekannt ist, war das Kino bis auf den letzten Platz gefüllt, eine sehr angenehme Überraschung.

Was war der erfolgreichste Film, den Sie in den vergangenen Jahren in Witzenhausen gezeigt haben? 

2016 war es "Pets", 2015 "Honig im Kopf" und 2014 "Der Medicus". Der wurde zum Teil ganz hier in der Nähe, auf Burg Hanstein, gedreht.

Welchen Film wollten die Witzenhäuser wider Erwarten nicht gern sehen? 

Ausreißer nach unten gibt es immer wieder. Gerade bei dem umfangreichen Filmangebot im Capitol gibt es immer wieder einzelne Filmtitel, die über einstellige Besucherzahlen (auch insgesamt) nicht hinauskommen.

Welcher groß angekündigte Film hat Ihre Erwartungen vollkommen enttäuscht - und warum?

"Die Tribute vom Panem"! Hier war der erste Film wirklich vielversprechend. Teil 2 bis 4 waren enttäuschend und blieben sowohl von der Qualität als auch vom Besucheraufkommen weit hinter den Erwartungen zurück.

Ihr persönlicher Lieblingsfilm? 

Nach über 25 Jahren in der Kinobranche gibt es für mich nicht den Lieblingsfilm. Wenn ich mich tatsächlich auf fünf Filme aus 25 Jahren beschränken müsste, sind dies "Purple Rose of Kairo", "Pulp Fiction", "Jackie Brown", "Fünf Zimmer, Küche, Sarg" - und ganz aktuell "La La Land".

Welchen Film empfehlen Sie

- Bei Liebeskummer? "Tatsächlich Liebe" 

- Für ein erstes Date? "La La Land" 

- Für den besonderen Filmabend? "Fünf Zimmer, Küche, Sarg", eine Vampirkomödie aus Neuseeland 

- Für den Kindergeburtstag? "Zoomania" oder "Alles steht Kopf" - 

Für die ganze Familie? "Timm Thaler oder das verkaufte Lachen"

Was meinen Sie: Erst Buch zum Film lesen oder erst Film sehen? 

Hier hat sicherlich jeder seine eigenen Vorlieben. Ich bin da nicht festgelegt, beides hat seine Reize!

Welchen Regisseur würden Sie gern mal treffen? 

Woody Allen

In welchem Film würden Sie gern mal mitspielen? 

Schwer zu sagen! Wenn ein Film in Witzenhausen gedreht werden würde, wäre ich gern am Set dabei.

Was für ein Event würden Sie gern im Capitol Kino organisieren? 

Das kulinarische Kino ist seit Langem ein Traum von mir! Die Verbindung aus einem außergewöhnlichen Menü mit edlen Getränken und einem ganz besonderen Film stelle ich mir vielversprechend vor!

Nennen Sie uns ein paar gute Gründe, warum das Kino in Zeiten von Netflix, Pay-TV und "Film-Events im Ersten" noch Zukunft hat! 

Das gemeinschaftliche Filmerlebnis, die besondere Filmauswahl, die große Leinwand, gute Soundeffekte und eine nicht multitasking-fähige Umgebung ermöglichen es, Filme in einer einzigartigen Atmosphäre zu erleben.

Kino-Inhaber Ralf Schuhmacher stammt aus Freiburg im Breisgau. Der heute 57-Jährige kam 1987 zum Studium der Internationalen Agrarwissenschaften nach Witzenhausen. Seit Januar 1988 ist er in der Kino-Branche aktiv. "Dazu gekommen bin ich aus der puren Begeisterung für den Film als Kunstform." Das Studium schmiss Schuhmacher später zugunsten der Kinokarriere. Seit 1989 leitet er das Capitol Kino.

Von Matthias Roeper

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