Ausstellung von Kunst und Geschichte

Treppen, Keller, Hinterhöfe: Einstiges Hospital in Witzenhausen öffnet seine Türen

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Erforschen die Geschichte: Eva Riks (links) und Birgit Hackl organisieren die Öffnung des Hauses Walburger Straße 43 bei „Treppen, Keller, Hinterhöfe“. Das Haus, in dem früher das Spital untergebracht war, ist erstmals bei TKH dabei.

Witzenhausen. Jahrhunderte lang bot es armen Senioren Obdach, in den 1970er Jahren wäre es fast abgerissen worden – wer auf der Walburger Straße an Haus Nummer 43 vorbeifährt, ahnt nicht, welch besondere Geschichte das schmucke Gebäude hat.

Beim Kulturfestival „Treppen, Keller, Hinterhöfe“ (TKH) können Besucher das frühere Hospital der Stadt Witzenhausen erstmals erkunden.

„Ich bin großer Fan des Festivals und konnte mir gut vorstellen, dass das Haus einmal Standort wird“, sagt Birgit Hackl, der das Haus seit 2016 gehört. Mit Bewohnerin Eva Riks versucht sie nun so viel wie möglich über das historische Bauwerk herauszufinden, um seine Geschichte in einer kleinen Ausstellung bei TKH vorzustellen. Auch im HNA-Archiv wurden die beiden fündig – und waren begeistert, dass sie anhand der historischen Fotos verschiedene Sanierungsschritte nachvollziehen konnten.

So das Hospital bis Mitte der 1970er Jahre aus: Die Fassade war mit Ziegeln verhängt. Im Hintergrund rechts sieht man den Turm der Michaelskapelle.

Derzeit sieht man die Fachwerk-Konstruktion des Gebäudes, „aber das Haus war bis etwa 1975 auch mal mit Ziegeln verhängt, die zeitweise sogar gelb gestrichen waren“, sagt Riks. Sie hat viele Gespräche mit Nachbarn und älteren Witzenhäusern geführt und konnte einige überreden, bei TKH als Zeitzeugen über das Schicksal des Hospitals zu erzählen.

Vieles von der Geschichte liegt noch im Dunkeln. Gesichert scheint, dass das Haus im 14. Jahrhundert außerhalb der Stadtmauern gebaut wurde, zusammen mit der Michaelskapelle direkt nebenan. Die Herren von Bodenhausen, Hansen und von Melchior unterhielten es gemeinsam mit der Stadt über eine wohltätige Stiftung, vermutlich um ehemalige Knechte und Mägde, die zu alt oder zu gebrechlich waren, dort im Alter zu versorgen. „Es war wohl eher ein Altenheim als ein Krankenhaus“, erklärt Hackl den ungewöhnlichen Namen „Hospital“.

Wahrscheinlich wurde das Haus im Lauf der Geschichte mehrmals zerstört, abgebrannt, teilweise abgerissen und umgebaut. Als Expertin für Materialkunde und Bauwerksdiagnostik ist, geht Riks davon aus, dass der Großteil des jetzigen Hauses im 18. Jahrhundert errichtet wurde.

Heute leben zehn Menschen jeden Alters in den vier Wohnungen in den Obergeschossen, im Erdgeschoss sind Geschäftsräume untergebracht.

Für Birgit Hackl hat das Haus eine ganz besondere Atmosphäre: „Es ist mit den Fachwerkhäusern auf den Dörfern überhaupt nicht zu vergleichen“, schwärmt sie. Anders als dort gibt es im ehemaligen Hospital hohe Decken, das Haus wirke großzügiger. Hackl und ihr Partner Bertram Schäfer versuchen nun Schritt für Schritt, das Gebäude denkmalgerecht zu sanieren und dabei alte Bausünden zu eliminieren: „Der Gipskarton wird fliegen“.

Eva Riks liebt das Gebäude mit seinen Lehmwänden seit ihrem Einzug 2011: „Für mich hat sich damit ein Kindheitstraum erfüllt“, gibt sie zu. „Die Wohnqualität ist viel besser als in einem Block aus den 1970er- Jahren.“

Service

Cembalo-Musik mit Christian Schäfer kann man am Samstag, 8. September, hören – ab 14 Uhr in der Michaelskapelle und ab 16 Uhr im Hospital St. Michael. Dazwischen ist ab 15 Uhr eine Kaffeerunde mit Zeitzeugen geplant. 

An allen drei Tagen zeigt zudem Künstlerin Shanti Ines Kassebom aus Hann. Münden Gemälde und Figuren, zudem ist die Ausstellung über die Geschichte des Hauses im Flur zu sehen. 

Chronologie

1386: Erste urkundliche Erwähnung des Hospitals in Verbindung mit der St.-Michaels-Kapelle. 

1392: Datum der Gründungsurkunde. Stadtrat und Pfarrer bitten um Almosen für den Bau der Kapelle und des zugehörigen Hauses für arme Leute. 

1536: Die Herren von Bodenhausen gründen das Hospital, dessen Betrieb 1527 offenbar eingestellt worden war, neu. Die Stiftung für das Hospital wird mehr als 400 Jahre bestehen. 

1745: Laut dem städtischen Kataster leben zwölf Bewohner im Hospital, die Herren von Bodenhausen unterstützen sie mit „15 Malter Korn, 13 1/2 Malter Hafer, 6 Malter Gerste, 1 1/2 Malter Erbsen“, die Stadt tätigt die nötigen Ausgaben für den Verwalter. Er verdient jährlich „8 Reichsthaler 4 Albus“ und darf sich Gemüse im Hospitalsgarten nehmen. 

etwa 1900 bis 1945: In der benachbarten Michaelskapelle ist ein Kindergarten untergebracht. 

1969: Die Stadtverwaltung übernimmt das Hospital und das zugehörige Grundstück von der Stiftung, die zwischenzeitlich auf die Kirche übergegangen war. Die Ablösesumme von 150 000 Mark wird zum Bau von Altenwohnungen am Haus Salem verwendet.

1974: Die städtischen Gremien diskutieren, ob das alte Gebäude abgerissen oder saniert werden soll. Die Landesdenkmalpflege verhindert letztlich einen Abriss. Die letzten verbliebenen Bewohner ziehen aus, ein Privatmann kauft das Haus. 

um 1980: Das Gebäude wird saniert und soll Verlagshaus werden. 

1994: Nach einer weiteren Sanierung und Modernisierung werden die Wohnungen im Obergeschoss bezogen. 

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