Wie einst ein Schmied im Dorf

Ende einer Ära: Fotografenmeister Thiermann schließt sein Geschäft

Selbstbildnis vor 49 Jahren: 1965 machte Götz Thiermann dieses eigenwillige Selbstporträt, indem er sich Fotopapier auf sein vorher mit Nivea-Creme eingeriebenes Gesicht legte. An den Stellen, auf denen sich Fett abgedruckt hatte, reagierten die Entwickler-Chemikalien nicht, sie blieben hell. Ein aktuelles Bild möchte Thiermann von sich nicht in der Zeitung sehen.

Witzenhausen. Vor 80 Jahren, 1935, hatte Thiermanns Onkel Friedrich Rühle aus Nordhausen das Geschäft eröffnet. Als er im Zweiten Weltkrieg fiel, übernahm es Schwager Walter Thiermann.

Der gelernte Buchdrucker machte 1948 in Kassel die Meisterprüfung als Fotograf. Das sei nämlich ein Handwerksberuf wie Schlachter und Schreiner, erklärt sein Sohn Götz – um dann aber gleich einzuräumen, dass ein Fotograf auch künstlerisches Geschick haben muss.

Götz Thiermann lernte seit 1960 vom Vater die kleinen Fotografen-Tricks, verdingte sich dann 1965 als freischaffender Schiffsfotograf auf der „Atlantis“, die zwischen Norderney und Helgoland 500 Passagiere pro Überfahrt an Bord hatte. 1969 zog es Thiermann nach Kuwait. Er machte zunächst für die Regierung Industrieaufnahmen, war er doch der einzige, der Farbfotos selbst mit der Hand im eigenen Kleinlabor entwickelte. So war er schnell und hatte auch, als er sich in dem Wüstenstaat zwei Jahre später selbstständig machte, lange die Nase vorn. 16 Jahre arbeitete Thiermann in dem Emirat und lernte den ganzen Nahen Osten kennen – und seine Frau. Die arbeitet noch heute auf der arabischen Halbinsel in Dubai. Das Paar sieht sich zwei- bis dreimal im Jahr – meist zu Weihnachten und zu Ostern – im eigenen Haus in Südfrankreich. Weil sie in Ägypten aufwuchs, kann sie, so ihr Mann, „die Kälte hier nicht ab.“

1985 brach der Witzenhäuser seine Zelte ab: Er wollte den Laden seines 1978 verstorbenen Vaters wieder aufmachen. Dazu musste er noch den Fotografenmeister machen. An einer Privatschule in Hamburg gelang ihm das binnen eines Jahres – mit dem besten Meisterstück. Thiermann selbst bildete in Witzenhausen fünf Lehrlinge aus.

Dass das Fotografengeschäft in einer Kleinstadt langsam „den Bach runtergeht“, habe er 2007 gemerkt. Mit der Digital-Fotografie werde es den Amateuren zu einfach gemacht, sagt Thiermann. Fotografierte er früher bis zu 90 Hochzeiten im Jahr und hatte damit sein gutes Auskommen, waren es in diesem Jahr zwei – und 2013 sogar nur eine. Früh stellte Thiermann um, mit biometrischen Passbildern kam wieder Geld in den Laden.

Und heute? Da gebe es (nur) noch etliche Anfragen an sein umfangreiches Archiv. Jüngst habe es zwei Tage ganz ohne Kundschaft gegeben. Ohne Groll und Gram höre er nun auf: „Mein Beruf ist wie ein Schmied im Dorf, er wird nicht mehr gebraucht.“ Da er aber auch sein Hobby ist, will er künftig das ablichten, was kein Geld brachte und wofür er bislang keine Zeit hatte. Damit an Fotowettbewerben teilzunehmen, kann er sich als neue Herausforderung durchaus vorstellen.

Von Stefan Forbert

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