Zeitungsbericht der Werra-Nachrichten

Erntefest: Ab 1966 Frühstück fürs ganze Volk

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Da waren die Männer noch unter sich: 1962 fand das Festfrühstück hinter verschlossenem Vorhang statt, am Mikrofon steht der damalige Erntefestpräsident Joseph Pott (1954-1973).

Witzenhausen. Vor 50 Jahren gab es eine fast schon revolutionäre Änderung im Programm des Erntedank- und Heimatfestes in Witzenhausen:

Darüber berichteten die „Werra-Nachrichten" unter der Überschrift „Ein alter Zopf ist abgeschnitten". Am Festfrühstück, so wurde angekündigt, sollten auch Frauen teilnehmen dürfen.  In dem Zeitungsbericht damals heißt es:

„In diesem Jahre wird das 109. Erntefest gefeiert. Zum ersten Male wird ein Brauch durchbrochen, der in den letzten Jahren immer wieder Anlass zu Diskussionen gab: Das Festfrühstück soll nicht mehr hinter einem „Vorhang“ - gleichsam nur für die Honoratioren und den Festausschuss und abgetrennt vom übrigen „Volk“ - stattfinden. Dieser Vorhang soll nach einem entscheidenden Beschluss des Festausschusses in diesem Jahre fallen. Dieser Beschluss wird sicher wieder mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Während ein Teil der Kreisstädter befreit sagen wird, „ein alter Zopf ist abgeschnitten“, werden andere, Verfechter einer seit über 100 Jahren gepflegten Tradition, diese Konzession an den „Zeitgeist“ bedauern.

Zwei Gründe mögen ausschlaggebend gewesen sein: die Tatsache, dass dieses Festfrühstück am Montag seit Jahren nicht mehr so großen Zuspruch findet, viel von der Bedeutung einbüßt, die es einst hatte, und dass diese Art des Frühstücks im Zeitalter der „klassenlosen Gesellschaft“ als Relikt einer überholten Zeit empfunden werden musste.

Wahrscheinlich waren die Frauen mit ausschlaggebend, dass man diese Konzession, zumindest den Vorhang fallen zu lassen, machen musste.

Bisher war das Festfrühstück eine ausgesprochene Herrenangelegenheit, denn Frauen waren vom Festschmaus ausgeschlossen und durften nicht in den durch Vorhang abgetrennten Zeltteil „eindringen“. Nur einmal wurde die Tradition durchbrochen, und auch dies geschah nur durch einen Versehen. Der Festausschuss hatte die Stadtverordneten „en bloc“ eingeladen, ohne zu bedenken, dass im Parlament auch zwei Frauen Sitz und Stimme hatten. (...)

Sie erschienen zum Festfrühstück, beriefen sich auf die Einladung und mussten geduldet werden. (...)

Vielleicht war es auch das Beispiel, das andere Städte des Kreises bei ihren Heimatfesten gaben, wo Männlein und Weiblein in schöner Eintracht gemeinsam frühstückten. Und „Eintracht krönt das Fest“ ist doch seit jeher das Motto des Witzenhäuser Erntefestes - vielleicht besann man sich erst jetzt so richtig auf seinen Sinn.

Jedenfalls versprechen sich viele von der neuen Regelung, dass das Fest nur gewinnen könne, wenn auch am Montag eine Gemeinschaft demonstriert wird, die das ganze „Volk“ umschließt.“

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