Erste Hilfe für die Seele

DRK-Kreisverband Witzenhausen baut Psychosoziale Notfallhilfe auf

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Gummibärchen, Taschentücher und Wasser versucht André Marczyk immer dabei zu haben, wenn er mit der Psychosozialen Notfallversorgung im Einsatz ist.

André Marczyk hilft Menschen, die traumatische Erlebnisse gemacht haben. Er leistet in Witzenhausen Erste Hilfe in der Pychosozialen Notfallversorgung beim Roten Kreuz.

Taschentücher, Gummibärchen und Wasser gehören neben Schreibunterlagen zur Grundausstattung von André Marczyk. Der 30-Jährige engagiert sich ehrenamtlich beim Roten Kreuz in der Pychosozialen Notfallversorgung (PSNV). Die kommt zum Einsatz, wenn Menschen traumatische Erlebnisse gemacht haben und eine erste Hilfe bei deren Verarbeitung brauchen.

Marczyk und seine Kollegen sind dabei als sogenannte Peers (englisch: gleichrangig) für die Einsatzkräfte zuständig. Auch Sanitäter und Feuerwehrleute können bei einem Einsatz Traumatisches erleben. „Nach dem Gondelunglück auf dem Hohen Meißner haben wir für die Kollegen der Feuerwehr Hessisch Lichtenau abends noch eine Gesprächsrunde angeboten, zunächst in der großen Gruppe und bei Bedarf im Anschluss auch in kleineren Gruppen.“

Die Peers geben ein freiwilliges Hilfsangebot und helfen den betroffenen Einsatzkräften in der akuten ersten Phase. „Wir sind keine Therapeuten, sondern Begleiter“, erklärt Marczyk, der Fachbeauftragter bei der PSNV beim DRK ist. „Oftmals helfen wir, indem wir einfach da sind und zuhören.“

Angehörige und Freunde stabilisieren einen Menschen am besten

In weiteren Schritten schalten sie das soziale Netzwerk der Betroffenen ein, indem sie Familienmitglieder und Freunde benachrichtigen. Denn Angehörige und Freunde stabilisieren einen Menschen am besten. Auch die Kontakte für professionelle Hilfe vermitteln sie. „Da ist es zwar schwierig, einen Termin zu bekommen, aber für Einsatzkräfte gibt es manchmal noch eine Möglichkeit.“

André MarczykPsychosoziale Notfallversorgung

Marczyk freut sich, dass sich in den vergangenen Jahren das Bewusstsein gegenüber den seelischen Belastungen bei Einsätzen geändert hat: „In den 80er-Jahren wurde den Kollegen auf die Schulter geklopft und gesagt: ,Das wird schon wieder’, wenn sie einen emotional belastenden Einsatz hatten.“

Heute können sich betroffene Einsätzkräfte zum Beispiel an die PSNV wenden, wenn sie Hilfe brauchen. Dabei sei es wichtig, dass das Angebot freiwillig sei und auch bestehen bleibe, wenn der Betroffene zunächst ablehne. „Es gibt Menschen, die das lieber mit sich selbst ausmachen. Als Peers können wir dann das Gesprächsangebot nur immer wieder erneuern und auf Warnzeichen bei den Kollegen achten.“

Über Einsätze reden und sie aufarbeiten

Wenn die Belastungen mitgeschleppt werden, könne es vorkommen, dass sie bei anderen Einsätzen blitzartig im Kopf auftauchen und den Betroffenen handlungsunfähig machen. „Unser oberstes Ziel ist es, dass alle Kollegen schadensfrei aus dem Einsatz zurückkommen.“ Es gäbe Berichte von großen Dienststellen, bei denen Einsatzkräfte den Beruf hätten wechseln müssen, weil sie mit dem Erlebten nicht mehr zurechtkommen. Deswegen sei es wichtig, über die Einsätze zu reden und diese aufzuarbeiten.

Die Peers versuchen, solchen Fällen vorzubeugen, indem sie ihren Kollegen auch präventiv Tipps zur Psychohygiene geben: „Jeder trägt täglich seine Päckchen mit sich rum: Sei es eine offene Rechnung, Stress im Job oder ein Streit in der Familie“, erklärt Marczyk. Diesen Päckchen versuchen sie, durch Gespräche das Belastende zu nehmen und so Stress bei den Einsatzkräften abzubauen.

Unterstützung für die Kirche

„Wir führen auch besonders mit unseren jungen DRK-Mitgliedern Gespräche, um sie darauf vorzubereiten, was bei einem Einsatz auf sie zukommen kann.“ Denn ihnen fehle es an Lebenserfahrung, die helfe, mit traumatischen Situationen, wie eine nicht geglückte Reanimation oder wenn Kinder betroffen sind, umzugehen.

Zudem planen die Peers, zum Beispiel für die Feuerwehren Kurse anzubieten. „Wir könnten ihnen Tipps geben im Umgang mit Betroffenen, wie sie auf ihre eigene Sprache achten, aber auch die Körpersprache der Betroffenen deuten.“Allerdings rät Marczyk auch dazu, dass jeder seine eigenen Grenzen kennen und respektieren sollte. 

Mehr Infos zur PSNV: beim DRK Hessen unter drk-hessen.deund bei André Marczyk unter andremarczyk@gmx.de

Zwei Jahre Lehrgänge und Praktika 

Die Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) des DRK befindet sich im Werra-Meißner-Kreis gerade erst im Aufbau. „Deswegen liegt bei uns die Notfallseelsorge bei der Kirche“, erklärt André Marczyk, Fachbeauftragter der PSNV. Das bedeutet, dass Pfarrer als Notfallseelsorger zur Hilfe gerufen werden, um Betroffene und deren Angehörige in akuten Belastungssituationen zu betreuen. Damit auch Ehrenamtliche des Roten Kreuzes in diesen Krisensituationen als PSNV eingesetzt werden können, müssten sie nach ihrer Grundausbildung beim DRK über zwei Jahre hinweg an den Wochenenden Lehrgänge und Praktika besuchen. Im Vergleich dazu dauert die Ausbildung zum Peer nach der Grundausbildung zwei Mal drei Tage. Deswegen fehle es an Freiwilligen für die Ausbildung zum Kriseninterventionshelfer, die die Zeit hätten und geeignet wären für die Aufgabe, so Marczyk. Stattdessen planen Marczyk und seine Peer-Kollegen, die Pfarrer und Priester bei Einsätzen zu unterstützen. „Bei medizinischen Fragen kommen sie häufig an ihre Grenze, da könnten wir aushelfen“, erklärt der Großalmeröder. Zudem könnten sie bei einem kooperativen System bei Betroffenen einspringen, die eine kirchliche Seelsorge ablehnen. „Wir haben bereits 2018 einen Versuch gestartet, die Kirche zu unterstützen. Das ist aber von unserer Seite aus gescheitert.“ Damals gab es Probleme bei der Finanzierung der Peer-Ausbildung. Dafür wird aktuell ein Konzept erarbeitet. Die PSNV wurde in ihrer Bedeutung angehoben, da sie innerhalb des Landesverbandes des DRK zu einem eigenen Fachdienst wurde.

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