Kristof Heller nimmt als Bundestrainer an den Paralympics teil

Ehemaliger Sportinternatler aus Bad Sooden-Allendorf fliegt nach Tokio

Para-Boccia-Sportler Boris Nicolai (im Rollstuhl) bespricht mit Bundestrainer Kristof Heller eine Spielsituation.
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Teilnehmer an den Paralympics in Tokio: Para-Boccia-Sportler Boris Nicolai (im Rollstuhl) mit Bundestrainer Kristof Heller, der etliche Jahre in Bad Sooden-Allendorf lebte und noch viele Kontakte hierher pflegt.

Die Olympischen Spiele in Tokio sind seit ein paar Tagen Geschichte, nun stehen die Paralympics genannten Olympischen Sommerspiele für Sportler mit Körperbehinderung – ebenfalls in Japan – bevor. Daran wird auch jemand als Bundestrainer teilnehmen, der enge und langjährige Beziehungen zu Bad Sooden-Allendorf hat: Kristof Heller, ein früherer Sportgymnasiast des ehemaligen Sportinternats der Badestadt, der später auch noch fünf Jahre als Physiotherapeut in der Reha-Klinik Hoher Meißner gearbeitet hat.

Bad Sooden-Allendorf/ Stuttgart – Heller trainiert Boris Nicolai, den ersten deutschen Athleten, der in der Sportart Para Boccia zu den Paralympics fährt – beziehungsweise fliegt. Der Elf-Stunden-Flug ins Land der aufgehenden Sonne startet schon am heutigen Samstag um 13.30 Uhr.

Damit wird in gewisser Weise auch ein Traum des heute 31 Jahre alten Kristof Heller wahr. Der gebürtige Allgäuer hatte schon 2004, als er 14-jährig von Lindenberg zum Sportinternat an der Werra kam, als ein Ziel neben dem Abitur genannt, an den Olympischen Spielen 2012 in London teilnehmen zu wollen – als Mittelstreckenläufer über 1000 Meter.

Es kam anders, aber nun nur ein wenig. Und darauf freut er sich: Olympia ist eines der größten Events überhaupt, auch ohne Zuschauer, sagt er angesichts der coronabedingten Einschränkungen. „Das muss man im Leben gemacht haben.“

Ende 2020 war Heller offiziell zum Bundestrainer für die deutschen Para-Boccia-Athleten ernannt worden, nachdem der Amtsinhaber überraschend im Jahr zuvor gestorben war. Von dem hatte Heller, der 2019 schon als Pflegeassistent beim Para-Boccia-Weltcup mitfuhr, viele Dinge mitgegeben bekommen, wie er sagt.

Ausgangspunkt seiner Karriere war aber die Fachklinik für Rehabilitation Hoher Meißner. Dort lernte er zwei Patienten kennen, die von der nicht heilbaren Krankheit Muskelschwund betroffen waren und der Para-Boccia-Nationalmannschaft angehörten. Und so kam es zum Angebot, als Pflegeassistent beim Weltcup mitzufahren.

Ebenso folgte Heller den Leistungssportlern und ist seit Anfang 2020 am Olympiastützpunkt in Stuttgart hauptberuflich als Physiotherapeut tätig. Den Job als Bundestrainer mache er quasi in der Freizeit auf Honorarbasis, müsse auch Urlaub dafür nehmen. Er ist also sozusagen der Hansi Flick mit einem anderen Gehaltsscheck.

In Japan werden Heller, Paralympionike Nicolai und ein Pflegeassistent zunächst eine Woche ein Trainingslager in der 500 Kilometer von Tokio entfernten Stadt Tsuruoka beziehen, bevor das Trio am 23. August ins paralympische Dorf einzieht. An der Eröffnung der Spiele am Folgetag werde teilgenommen, berichtet Heller.

Spannend wird es dann am letzten August-Wochenende, wenn am Samstag, Sonntag und Montag je ein Vorrundenspiel stattfindet. Aus jeder Vierergruppe kommen nur der Beste sowie die zwei besten Zweitplatzierten weiter.

Am 31. August werden Viertel- und Halbfinale ausgetragen, am 1. September dann das Finale und das Spiel um Platz 3 beziehungsweise die Bronzemedaille.

Wie weit will Boris Nicolai, immerhin Zweiter der Weltrangliste, Dritter der jüngsten Weltmeisterschaft und Vize-Europameister, kommen? „Wir wissen nicht, was die Gegner machen“, antwortet Heller, weil wegen der Pandemie seit eineinhalb Jahren keine internationalen Wettkämpfe mehr stattfanden. „Wenn es gut läuft, holen wir eine Medaille.“ Weil man schon für die Spiele in Paris 2024 plane, wolle man jetzt aber vor allem Erfahrungen sammeln „und genießen“, sagt der Bundestrainer auch.

Bald nach Tokio übrigens will der 31-Jährige für ein, zwei Wochen nach Bad Sooden-Allendorf kommen. „Um mich von drei Wochen Japan zu erholen“, wie er sagt. Und freut sich auch schon darauf, denn: Auch wenn er vor eineinhalb Jahren weggezogen sei, sei es noch „so ein Nachhausekommen zu den Freunden“, von denen er eine ganze Menge hier habe. Und das Erntefest 2022 hat Heller auch schon „fest eingeplant“.

Das ist Para Boccia

Para Boccia ist eine noch recht unbekannte Sportart. Sie ist vergleichbar mit dem Boulespiel auf Kiesplätzen, wird aber mit Lederbällen in der Halle gespielt. Seit 1984 gehört sie zum paralympischen Aufgebot.

Durch die erste Teilnahme eines deutschen Athleten, der sich für Tokio qualifizierte, hofft Bundestrainer Kristof Heller auf einen ersten großen Schritt, die Sportart in Deutschland bekannt zu machen.

Gestartet wird in vier, je nach Maß der Beeinträchtigung, Wertungsklassen. Der 36-jährige, aus St. Ingbert in Saarland kommende Boris Nicolai, der im Rollstuhl sitzt, startet in der Klasse BC4. Diese Teilnehmer sind schwer körperlich behindert, benötigen aber im Wettkampf keine Hilfe.

Ein Spiel besteht aus vier Sätzen, wobei die beiden Kontrahenten abwechselnd insgesamt sechs Bälle auf den sogenannten Jackball, kurz Jack, werfen. Ziel ist, so nahe wie möglich an den Jack heranzukommen, heißt es bei boccia-germany.com. Die Bälle, die dem Jack näher liegen als der erste Ball des Gegners, zählen zum Satzende einen Punkt.  (sff)

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