Fachmann kritisiert Vorgehen von Bund und Handel

Fleischkauf: Das müssen Konsumenten über die neuen Regeln wissen

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Gutes Leben auch für Schlachtschweine: Das wünschen sich auch viele Verbraucher. Damit sie die Herkunft des Fleischs besser beurteilen können – und weiterhin Fleisch kaufen – haben sich die Handelskonzerne auf eine einheitliche Kennzeichnung der Haltungsbedingungen geeinigt.

Zwei Siegel sollen den an Tierwohl interessierten Kunden bald die Entscheidung beim Fleischkauf erleichtern. Warum das nur für mehr Verwirrung beim Kunden sorgt, erklärt Prof. Dr. Ulrich Hamm.

Der Leiter des Fachbereich für Lebensmittelmarketing von der Universität Kassel am Standort Witzenhausen  erwartet zudem, dass Label des Handels vermutlich mehr fürs Tierwohl tun wird als das der Bundesregierung. 

Warum gibt es auf einmal zwei Tierwohlsiegel?

Der Druck der Verbraucher ist groß: Viele wollen wissen, wo ihr Fleisch herkommt. Eine unserer Studien zeigt, dass zwei Drittel aller Veganer wegen der Bedingungen in der Tierhaltung auf Fleisch verzichten. Das Bundeslandwirtschaftsministerium hat es in drei Jahren nicht geschafft, ein staatliches Siegel einzuführen. Die Supermärkte haben dann eigene Kennzeichnungen entwickelt, die Verwirrung beim Kunden war groß. Daher hat sich der Handel nun auf ein gemeinsames Label geeinigt.

Dann bekommen ja Verbraucher jetzt Informationen über ihr Fleisch.

Eine verpflichtende gesetzliche Verordnung wäre sinnvoller – so wie bei den Eiern. Da gibt es vier Stufen: 3 für Käfighaltung, 2 für Bodenhaltung, 1 für Freilandhaltung und 0 für Bio. Bei der neuen Kennzeichnung des Handels für Fleisch ist es genau anders herum – da steht die 1 für die unterste Stufe, 4 für die beste. Es wäre vernünftiger gewesen, sich an der Eier-Kennzeichnung zu orientieren, daran haben sich die Verbraucher gewöhnt. Jetzt aber wird es mehr Verwirrung geben.

Hat die Eier-Kennzeichnung denn die Haltung der Hennen verbessert?

Seit 2002 die Eier-Kennzeichnung eingeführt wurde, ist der Anteil von Freiland- und Bioeiern im Handel von zusammen zehn auf 25 Prozent gestiegen, die Kunden zahlen einen höheren Preis, wenn es den Hennen besser geht. Ein Freiland-Ei ist immerhin doppelt so teuer wie ein Bodenhaltungsei.

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Gleichzeitig blieben Käfig-Eier zunehmend in den Regalen liegen, Aldi hat sie 2008 als Erster aus dem Sortiment genommen. Heute werden Käfig-Eier vor allem weiterverarbeitet. Jetzt fürchtet natürlich der Bauernverband, dass bei einer entsprechenden Kennzeichnung bald kein Kunde mehr Fleisch der untersten Stufe kaufen will – also aus der konventionellen Haltung auf Spaltenböden.

Kritiker fürchten, dass die Schweinehalter in Europa nicht mehr wettbewerbsfähig wären, wenn eine deutsche Kennzeichnung Haltungsbedingungen verschärft.

Das ist Unsinn. Bei beiden Siegel-Entwürfen gilt: Alles Fleisch, bei dem die Haltungsform der Tiere nicht überprüfbar ausgewiesen ist, wird automatisch in die unterste Kategorie eingeordnet. Auch Importeure haben daher ein Interesse daran, für bessere Produktionsbedingungen zu sorgen, da sie ihr Fleisch sonst nicht mehr loswerden. Ein deutsches Label könnte sogar eine Sogwirkung auf das Ausland haben.

Müssen bald alle mehr für Fleisch ausgeben?

Es geht nicht darum, dass alle nur Premiumfleisch kaufen. Die Kennzeichnung ist keine Erziehungsmaßnahme, sondern hilft den Kunden bei der Wahl, wie ihr Fleisch produziert sein soll. 75 Prozent der Verbraucher kaufen bis heute keine Freiland- oder Bio-Eier. Es wird immer Kunden geben, die sich höhere Preise nicht leisten können – oder wollen. Letztere sind in der Mehrheit, viele Menschen legen keinen Wert auf eine hohe Qualität ihres Essens, sondern eher auf ihre Küchenausstattung oder ihren Grill.

Schauen wir uns das Siegel des Handels an: Garantiert es wirklich mehr Tierwohl?

Es beschreibt nur die Haltung, nicht das Futter und die Medikamentengabe. In Stufe 1 („Stallhaltung“) wird einem 110 Kilo schweren Schwein 0,75 Quadratmeter Platz zugestanden, der gesetzliche Mindeststandard. Auf Stufe 2 („Stallhaltung Plus“) sollen die Tiere zehn Prozent mehr Platz bekommen – das ist ein Witz. Man erreicht das mit einem Schwein weniger in der Bucht, an den grundsätzlichen Lebensbedingungen ändert sich nichts. 

Prof. Dr. Ulrich Hamm, Uni Witzenhausen, Lehrstuhl Agrarökonomie und Lebensmittelmarketing

Bei Stufe 3 („Frischluft“) muss eine Seite des Stalls offen sein, es soll 40 Prozent mehr Platz geben als bei Stufe 1. Erst bei Stufe 4 („Premium“) bekommen die Schweine auch Auslauf. Das entspricht etwa der Haltung von Freilandhühnern, Bio-Qualität wäre es noch nicht.

Sie kritisieren auch das staatliche Siegel. Warum?

Die Vorgaben des Landwirtschaftsministeriums sollen über die des Handels-Labels hinausgehen, auch Tiertransporte, Schlachtung, Kastration von Schweinen und das Schnäbelkürzen bei Hühnern sollen berücksichtigt werden. Das klingt gut, wird aber nicht viel bringen, weil die Teilnahme am staatlichen Siegel freiwillig sein soll. Somit hat der Bund kein Druckmittel – anders als der Handel, der im Zweifel seinen Lieferanten nichts mehr abkaufen wird, wenn die Vorgaben nicht eingehalten werden.

Kann man sich sicher sein, dass das Fleisch hält, was die Siegel versprechen?

Gerade weil der Handel das Siegel einführt, wird er auf scharfe Kontrollen pochen, denn keine Supermarktkette kann sich einen Skandal wegen falsch etikettiertem Fleisch leisten.

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Die Pläne: Mehr Informationen auf Fleisch im Supermarkt

Ab April wollen fast alle großen Supermarkt- und Discounterketten ihre Kunden mit einem Siegel auf Frischfleisch (nicht auf Wurstwaren) über die Haltungsbedingungen von Schweinen, Rindern und Geflügel informieren. Ausgearbeitet wurde es von der Initiative Tierwohl, an der sich alle großen Handelsketten (außer Real) beteiligen. Die Initiative finanziert auch die Kontrollen. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) hat bis 2020 ein staatliches Tierwohlsiegel angekündigt, dessen Kriterien über das des Handels hinausgehen soll. Die genauen Bedingungen sind noch offen.

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Zur Person

Prof. Ulrich Hamm ist seit 2003 Professor für Agrar- und Lebensmittelmarketing am Standort Witzenhausen der Universität Kassel. In verschiedenen Beiräten berät der 66-Jährige die Bundesministerien für Bildung und Landwirtschaft. Hamm ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in der Gemeinde Gleichen (Landkreis Göttingen). 

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