Zwei Transplantationen 

Es ist ihr drittes Herz: Witzenhäuserin lebt seit 25 Jahren mit Spenderorgan

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Vor ihr, auf dem Tisch, eine Blume aus Plastik: In Andrea Gorczynskis Haus gibt es keine Pflanzen, da sich in der Erde Keime bilden könnten. 

Witzenhausen. Kürzlich hat Andrea Gorczynskis Körper versucht, ihr Herz abzustoßen. Es ist ihr drittes. Für zehn Tage musste sie danach ins Krankenhaus, zur Kortison-Therapie. Wieder einmal.

Drei Herzen in einem Leben. Das bedeutet zwei Herztransplantationen. Um ihren Hals trägt die 59-Jährige ein Geschenk ihrer Tochter, eine silberne Kette, an der drei ineinander verschlungene Ringe hängen, in die je ein Datum graviert ist. „Meine drei Geburtstage“, sagt sie.

Das erste Mal wiedergeboren wird Andrea Gorczynski am 13. April 1992. An diesem Montag bekommt die damals 33-Jährige in Göttingen zum ersten Mal ein neues Herz. Zwei ihrer Brüder und ihre Mutter hat sie zu diesem Zeitpunkt bereits an ihr Herzleiden Dilatative Kardiomyopathie (DCM) verloren (siehe Hintergrund).

Andrea Gorczynski aber hat Glück. Im Dezember 1991 bemerkt sie, dass sie nicht mehr flach liegen kann, dass es ihr immer schwerer fällt, Luft zu holen. Auf den Autofahrten nach Bad Sooden-Allendorf, wo sie als Röntgen-Assistentin im Klinikum Hoher Meißner arbeitet, kurbelt sie die Fenster runter, zu Hause öffnet sie alle Türen. Nachdem Ärzte sie untersucht haben, ist schnell klar, wie ernst es um sie steht.

Drei Wochen dauert es, bis ihr Spender gefunden wird. Drei Wochen – eine kurze Zeit. „Da hab’ ich Schwein gehabt“, sagt sie heute. Weil ihre Blutgruppe B selten ist, warten nicht viele auf ein dazu passendes Organ.

Die Transplantation glückt, doch ihr Körper bekämpft das Herz im Nachhinein. Sogenannte Immunsuppressiva sollen dies zwar verhindern – die Medikamente schwächen das Immunsystem. Trotzdem muss sie immer wieder zurück in die Klinik.

Mit Kortison wird gegen die Abstoßung gekämpft. Durchschnittlich 15 Tabletten nimmt Gorczynski seitdem täglich. Morgens und abends misst sie Blutdruck, Puls, Fieber und Gewicht. Ihr Körper signalisiert, wenn etwas nicht stimmt.

Die Immunsuppressiva machen sie anfällig für Krankheiten. Einkaufen geht sie nur mit Mundschutz, sie schüttelt keine Hände, vermeidet Umarmungen. In ihrem Haus in Hubenrode, wo sie mit ihrem Mann lebt, gibt es keine Pflanzen. In der Erde könnten sich Keime bilden.

Aus ihrem lichtdurchfluteten Wohnzimmer kann Andrea Gorczynski in ihren grünen Garten und die Felder am Rande von Hubenrode blicken. Während der vergangenen Wochen ist es für sie zu kalt dort draußen, sie verlässt das Haus nur, wenn es nötig ist. Kälte lässt ihr Herz schmerzen, weil die Gefäße sich zusammenziehen.

Am 3. Februar 2017 hat Andrea Gorczynski ihre zweite Transplantation. Fast 25 Jahre hatte sie zuvor mit ihrem Spenderherz gelebt – hat sie überlebt. Dass das selten ist, weiß sie. Die herztransplantierten Menschen, die sie damals in Göttingen kennenlernte, leben alle nicht mehr.

13 Stunden dauert die Operation in Bad Oeynhausen. In der Zeit davor ging nichts mehr, sagt sie. „Man kriegt die Beine nicht mehr voreinander.“ Nach der Transplantation fällt es Gorczynski schwer, das Herz zu akzeptieren. Ein Neuanfang. Sie hat Angst, etwas falsch zu machen.

Dass die Zahl der Organspenden in Deutschland zurückgeht, berührt sie. „Ich finde das ganz schrecklich“, sagt Andrea Gorczynski. Sie denkt an die anderen Menschen, die auf ein Organ, auf ein Herz warten. „Ich kriege nicht nochmal eins, das ist mir klar.“

Hintergrund: Der Herzmuskel wird müde

Dilatative Kardiomyopathie, kurz DCM, ist eine Herzmuskelerkrankung. Sie führt dazu, dass der Herzmuskel müde, dünn und weich wird, sodass er den Körper nicht mehr ausreichend mit Blut versorgen kann. Zu den Symptomen gehören Luftnot, allgemeine Schwäche, Wasseransammlungen, Müdigkeit, Herzklopfen, Ohnmachtsanfälle und Brustschmerzen. Es kommt vor, dass DCM vererbt wird. Die Ursache kann unter anderem aber auch unbekannt sein sowie bei einer Virusinfektion, Alkohol- und Medikamentenkonsum oder einer Autoimmun- oder Stoffwechselerkrankung liegen. Ist die Krankheit zu weit fortgeschritten, sodass sie nicht mehr medikamentös behandelt werden kann, hilft nur noch eine Herztransplantation. 

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