Hennen fressen sich bei lebendigem Leib an

Gegen Kannibalismus im Hühnerstall: Witzenhäuser Forscher suchen Lösung

+

Witzenhausen. Halter von Hennen kennen das Problem: Wenn Hühner Stress haben, neigen sie dazu, ihren Artgenossen Federn auszupicken und sie sogar bei lebendigem Leib anzufressen.

In der konventionellen Haltung wird den Tieren daher in den meisten Betrieben der Schnabel gekürzt. Dieser Eingriff steht aber seit Jahren in der Diskussion. Der Fachbereich ökologische Agrarwissenschaften der Uni Kassel in Witzenhausen will den Betrieben nun mit einem neu entwickelten Beratungsinstrument beim Ausstieg aus dem Schnabelkürzen helfen.

„Dass Hühner Stress bekommen, kann viele Ursachen haben“, sagt Prof. Dr. Ute Knierim, Leiterin des Fachgebiets Nutztierethologie und Tierhaltung. Es könne am Futter liegen, an mangelnder Beschäftigung, an der Einstreu oder sogar an der Art der Belüftung. „Wenn es den Tieren aus einem oder mehreren dieser Gründe nicht gut geht, können sie ein Fehlverhalten entwickeln, dass sich in Federpicken oder gar in Kannibalismus äußert“, sagt Knierim. Dabei handle es sich um ein umorientiertes Verhalten. „Die Hühner bepicken ihre Artgenossen, als wären sie Futter oder ein interessantes Objekt“, erklärt die Wissenschaftlerin.

Ute Knierim

Schon das Federpicken bringe dabei eine Reihe von Problemen mit sich. „Das Herausziehen der Federn schmerzt die bepickten Hühner. Und wenn sie weniger Federn haben, ist ihnen schneller kalt und sie brauchen mehr Futter“, sagt Knierim. Außerdem steige die Gefahr anderer Verletzungen – und auch die des Kannibalismus. Schließlich seien Hühner Allesfresser. Aber auch das Kürzen der Schnäbel ist keine Lösung. Es ist nicht nur schmerzhaft für die Tiere, sondern behindert auch die Tastfunktion, die der eigentlich empfindliche Schnabel für die Hühner hat.

In ökologischen Betrieben werden daher schon jetzt keine Schnäbel gekürzt, sagt Knierim. Für die anderen Betriebe werde ein Ausstieg bis Ende 2016 diskutiert. Ein sogenanntes „Managementtool zur Verbesserung der Gesundheit von Legehennen“, das die Professorin und ihre Mitarbeiterin Dr. Christiane Keppler in einem Vorläuferprojekt mit Biobetrieben und Bioberatern entwickelt haben, soll nun Abhilfe schaffen.

Ergebnisse 2016

„Es ist ein Werkzeug für den Landwirt, mit dem er systematisch überprüfen kann, ob mit seinen Hennen alles in Ordnung ist“, sagt Knierim. Das geschehe zunächst anhand einer gründlichen Beurteilung der Legehennen. „Stellt der Landwirt Beeinträchtigungen fest, kann er wiederum systematisch schauen, in welchen Bereichen er ansetzen muss, damit Probleme wie Federpicken gelöst werden.“ Während der Forschungsphase, die bis Anfang 2016 läuft, betreut Keppler mehrere Legehennenbetriebe deutschlandweit – diesmal vor allem mit konventioneller Haltung.

Nach Abschluss des Projekts, das vom Bundeslandwirtschaftsministerium gefördert wird, sollen die Ergebnisse unter anderem im Internet veröffentlicht und somit jedem Landwirt zugänglich gemacht werden.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.