Ab Herbst 2024 wird auf Mindestklassengröße geachtet - als erstes droht die Gelbe Karte

Für manches Fach an den Berufsschulen im Werra-Meißner-Kreis wird‘s eng

Die Berufsschule an der Südbahnhofstraße in Witzenhausen.
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Steht vor Veränderungen: Die Berufsschule an der Südbahnhofstraße in Witzenhausen.

Die Berufsschulen in Hessen stehen vor Veränderungen. Das vom Land Hessen gestartete Projekt „Zukunftsfähige Berufsschule“ sieht dabei in einem ersten Schritt vor, dass die Mindestgrößen für die Klassen deutlich abgesenkt werden. Danach allerdings, wenn diese Mindestklassengröße zwei Mal hintereinander nicht erreicht wird, darf an der Schule keine neue Klasse für den betreffenden Ausbildungsberuf mehr eingerichtet werden.

Werra-Meißner – Das gilt dann für die Grundstufe, also für die Auszubildenden im ersten Lehrjahr, ebenso wie für die Fachstufe (zweites und drittes Lehrjahr). Dieser mögliche Neuaufnahmestopp soll erst zum Schuljahr 2025/2026 gelten. Das heißt, im Jahr zuvor, ab Herbst 2024, wird bereits auf die Zahlen geschaut. Haben sich für einen Beruf weniger als zwölf Schüler im ersten Lehrjahr an einer Schule angemeldet, gibt es für diesen Beruf die gelbe Karte. Danach soll es eine Bündelung der Azubis in regionalen Fachklassen, in Landes- oder gar Bundesfachklassen geben.

Ernst wird es also erst in drei Jahren. Und bis 2024 gibt das Land den Schulträgern, Schulen und der Wirtschaft auch Zeit, ein Standortkonzept zu erarbeiten. Dabei sollen die Berufsschulstandorte in Hessen nach und nach neu ausgerichtet werden, heißt es in einer Information des Hessischen Kultusministeriums.

Die Schulen sollen in den Regionen jeweils thematische Schwerpunkte entwickeln, „um sowohl die Berufsschulstandorte zu sichern, als auch den ländlichen Raum zu stärken“. Als Ziel der Umstrukturierung gibt Kultusminister Alexander Lorz an, „trotz sinkender Schülerzahlen den Fortbestand aller Ausbildungsberufe in Hessen“ zu sichern und „auch weiterhin eine möglichst betriebsnahe Beschulung“ zu ermöglichen.

Inzwischen regen sich nicht nur im Werra-Meißner-Kreis erste Bedenken, dass es dabei zu Verschlechterungen bei der beruflichen Ausbildung im ländlichen Raum kommen könnte – insbesondere durch die Schwächung der Beruflichen Schulen in Witzenhausen und Eschwege mit Verlagerung von Berufskursen nach Kassel.

„Höhere Mindestgrößen für Schulkassen können in Ballungsräumen einfach erreicht werden, bei uns ist das oft schwieriger zu realisieren“, gab FDP-Sprecher Erhard Niklass neulich auch im Kreistag zu Bedenken. Und der CDU-Abgeordnete Wilhelm Gebhard berichtete von ähnlichen Sorgen bei Handwerksmeistern im Kreis Hersfeld-Rotenburg wegen der Beruflichen Schulen in Bebra.

Große Sorgen um „seine“ Schule macht sich Ekkehard Götting, der Leiter der Beruflichen Schulen am Südring in Eschwege. Er spricht bezüglich der Pläne des Landes von einer „fatalen Systemänderung“.

Mit dem Senken der Mindestgrößen für die Klassen komme man auch den kleineren Schulen entgegen, erkennt er an. Aber er kritisiert, dass die Marken zugleich Ausschlusskritierien sein sollen. Sind nicht mindestens 12 Schüler für einen Beruf angemeldet, führe dies im zweiten Jahr bei zu geringem Interesse bereits dazu, dass der Unterricht in diesem Beruf nicht mehr angeboten werden darf.

Bislang habe man die Möglichkeit, auch bei etwas weniger Schülern als pro Klasse gefordert flexibel zu reagieren. So würden die Auszubildenden beispielsweise bei ähnlichen Berufen wie Industrie-, Konstruktions- und Zerspanungsmechaniker übergreifend zusammen unterrichtet.

Während in den in Eschwege angebotenen Berufsfeldern Wirtschaft und Verwaltung – hier mit Ausnahme der Bankkaufleute – und Fahrzeugtechnik (Kfz-Mechatroniker) voraussichtlich auch in den kommenden Jahren stets genügend Auszubildende vorhanden sind, macht er sich um die schulische Ausbildung in anderen Berufen große Sorgen. Dazu gehören die Metallbauer und die zahnmedizinischen Fachangestellten ebenso wie die Hotel- und die Restaurantfachleute. Werkzeugmechaniker, Fliesenleger, Straßenbauer, Tiefbaufacharbeiter und Zimmerer müssten schon heute nach dem Grundkursus ab dem zweiten Lehrjahr nach Kassel beziehungsweise Bebra.

Am Berufsschulstandort Witzenhausen gibt es auch zwei Ausbildungsberufe, für die die Beschulung unter den neuen Vorgaben auslaufen würde. Friseure und Köche nennt Begga Breiding, die stellvertretende Leiterin der Beruflichen Schulen an der Südbahnhofstraße. Ansonsten erachtet sie die Situation als „gut“. Manche Berufsgruppen hätten wegen der Corona-Pandemie aber auch nur schwer ausbilden können, spricht sie von einem Ausbildungsproblem bundesweit. Im gewerblich-technischen Bereich sei man in Witzenhausen „auf einem guten Weg“.

Breiding begrüßt, dass laut Kultusminister alle Standorte erhalten bleiben sollen. Die Konzepte dazu müssten noch erarbeitet werden. Beim Bilden von regionalen Bildungsstandorten sieht sie Witzenhausen in einer schlechteren Position als Eschwege, weil der Standort im Norden des Kreises vom Öffentlichen Personennahverkehr schlecht angebunden sei. Für einen nicht volljährigen Friseurlehrling sei es aber eine Zumutung, schon im ersten Ausbildungsjahr zur Berufsschule beispielsweise nach Fulda zu gehen.

Die gelben Karten „machen schon Sinn“, sagt Breiding. Sie hält eine „Flurbereinigung“ im beruflichen Bildungsbereich auch für richtig und notwendig und sieht das Problem in erster Linie bei der Wirtschaft sowie den Kunden und Konsumenten, wenn Schulen nicht adäquat ausbilden. Wichtig sei, wie die neuen Pläne des Landes umgesetzt würden. Da komme es auf die Konzepte an, die noch gemeinsam von Wirtschaft, Schulen und Schulträgern erarbeitet werden sollen.

Als Ursache für den Schwund an Auszubildenden sieht der Eschweger Schulleiter Götting den demografischen Wandel am Rande Hessens, auch das Lehrstellenangebot der Betriebe ginge zurück. Und manche Betriebe, die ausbilden wollten, fänden nicht mehr die geeigneten Bewerber.

Er geht davon aus, dass auch beim Bilden von regional gebündelten Fachklassen der Berufsschulstandort Eschwege deutlich mehr Angebote abgeben muss als er Schüler von außerhalb aufnehmen darf. Und Götting befürchtet noch eine negative Auswirkung für die heimischen Betriebe: Wenn man die mit dem Schulbesuch in Kassel, Bebra oder noch weiter entfernt verbundenen Folgen wie längere Fahrzeiten, höhere Fahrtkosten und den Verlust privater Kontakte sehe, dürfte es für sie künftig noch schwieriger werden, Auszubildende zu finden.

Daher wünscht sich Götting statt der nackten Zahlen, die demnächst entscheiden sollen, „eine flexible Lösung für den ländlichen Raum“.

Die Wirtschaft selbst hat sich offenbar noch keine eingehenden Gedanken gemacht. Das Projekt befinde sich in der Startphase, bescheidet jedenfalls Dr. Thomas Fölsch von der IHK Kassel-Marburg – auch im Namen der IHK-Servicesstelle Werra-Meißner – die Anfrage unserer Zeitung. Erst nach detaillierteren Informationen, die es im Winter gebe, wolle man auch die Ausbildungsbetriebe befragen, so der bei der IHK für Aus- und Weiterbildung zuständige Bereichsleiter. Man werde „auf möglichst betriebs- und wohnortnahe Beschulung“ schauen.

Für das Handwerk begrüßt Kreishandwerksmeister Robert Kunz grundsätzlich, dass „wir die Fachklassen behalten können“.

Positiv findet er auch, dass die Mindestgröße für die Klassen gesenkt werden, zumal man bei verschiedenen Kursen bereits an die Grenze komme. Als Problem sieht Kunz, wenn die regionalen Standorte weiter entfernt liegen. Dann sei die Frage, ob die Auszubildenden bereit seien, weite Strecken auf sich zu nehmen und ob diese zusätzliche Belastung ihre Entscheidung für oder gegen eine Ausbildung beeinflusst. Von Witzenhausen nach Bebra zu kommen, sei für Nichtvolljährige mit einem öffentlichen Verkehrsmittel schon heute schwierig.

Vorgabe: Statt 15 nur noch 12 Schüler im 1. Lehrjahr

Bislang sollen in Hessen Berufsschulklassen durchgängig mindest 15 Auszubildende haben. Die künftige Vorgabe des Ministeriums sieht 12 Schüler für die Eingangsklasse, also für die Azubis im 1. Lehrjahr, vor. Im 2. Ausbildungsjahr müssen noch 9 statt 15 Schüler das Angebot nutzen, im 3. Ausbildungsjahr 8 und im 4. noch 5 Azubis. Prinzipiell sollen Azubis in der laufenden Ausbildung „ihre“ Schule nicht wechseln müssen. (sff)

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