Interview mit Agrarwissenschaftler Christoph Steiner

Urban Gardening: Gemüse- und Obstanbau in der Stadt liegt im Trend

Urbaner Garten: Am Huttenplatz unterhalb der Kasseler Stadthalle gibt es bereits seit Jahren ein Gartenprojekt der Anwohner mitten in der Stadt. Archivfoto: privat

Kassel/Witzenhausen. Lebensmittel, die mitten in der Stadt angebaut werden - geht es nach Dr. Christoph Steiner, ist das Urban Gardening nicht nur ein Trend. Ein Gespräch über Nahrungsmittelversorgung und warum wir auch in Deutschland nicht dauerhaft von Importen leben können.

Was ist eigentlich Urban Gardening - zählt da auch das Kräuterbeet im Vorgarten zu? 

Christoph Steiner: Die Forschung definiert den Begriff unterschiedlich. Für mich ist Urban Gardening allerdings jede Form der Landwirtschaft in städtischen Gebieten. Wenn man so will, zählt da auch die Tomatenpflanze auf dem heimischen Balkon zu.

Wie kommt es, dass immer mehr Menschen in der Stadt Obst und Gemüse anpflanzen? 

Steiner: Wirklich neu ist das nicht. Früher gab es noch keinen schnellen Transport über lange Strecken, da wurden Obst und Gemüse beinahe in jeder Stadt und im Umland angepflanzt. Heute stehen auf den ehemaligen Feldern oft Shoppingcenter, aber vor allem in den USA und Europa ist es schon länger Trend, dass kleine Gruppen gemeinsam ein paar Beete in der Stadt beackern. Auch die erhöhte Nachfrage nach Schrebergärten gehört dazu.

Wie wichtig sind die Beete für die Nahrungsversorgung? 

Steiner: In den westlichen Gesellschaften braucht man Urban Gardening derzeit nicht, um eine ausgewogene Ernährung sicherzustellen, aber das selbstgezogene Gemüse ist einfach qualitativ hochwertiger. In anderen Teilen der Welt sind die in Städten angebauten Nutzpflanzen tatsächlich nötig, um ausreichend Lebensmittel zu haben.

Wozu brauchen wir dann hierzulande überhaupt Urban Gardening?

Steiner: Die wichtigste Funktion bei uns sehe ich in der Bildung. Bereits Kinder müssen erfahren, wo Lebensmittel herkommen, denn durch unsere Überversorgung geht das Wissen um elementare Zusammenhänge der Ernährung und Nahrungssicherheit verloren.

Außerdem wird es ohnehin höchste Zeit, dass wir uns auch in Deutschland darüber Gedanken machen, wie wir den regionalen und städtischen Anbau fördern: Hier leben wir im Moment größtenteils von Importen und verbrauchen viel Energie und andere Ressourcen, bis die Erzeugnisse endlich bei uns sind. In Zukunft wird es noch wichtiger werden, Nährstoffkreisläufe zu schließen. Das kann man im eigenen Garten lernen und ist umso einfacher je kürzer die Distanz zwischen Produzenten und Verbraucher ist. Wenn die Ressourcen knapp werden, werden auch die Lebensmittel immer teurer.

Wirkt sich die Verschmutzung der Städte aber nicht negativ auf den Anbau aus? 

Steiner: In europäischen Großstädten nicht. Hier ist die Luftqualität immer noch gut genug, dass sie kaum Auswirkungen auf das angepflanzte Obst und Gemüse hat. Viel wichtiger ist es, dass der Boden viele Nährstoffe enthält und das Klima passt.

Welche Möglichkeiten gibt es noch, die städtische Landwirtschaft weiter voranzutreiben? 

Steiner: Wenn wir in die Zukunft schauen wollen, könnten wir uns Megastädte wie zum Beispiel Tokio ansehen. Dort gibt es schon länger Anbau innerhalb von Gebäuden und auf Dächern, das ginge auch hier.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.