Witzenhäuserin berichtet über ihre Erfahrungen

Gretas Jahr in Russland: Schnee gab’s erst im Dezember

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Ein schier endloser Blick: Greta Zeuner blickt im Schnee sitzend auf den einzigen Abfluss des Baikalsees, den Angara-Fluss. Im Hintergrund ist der gefrorene Baikalsee zu sehen. Er ist mit mehr als 1600 Metern der tiefste Süßwassersee der Welt. 

Witzenhausen. Greta Zeuner aus dem Witzenhäuser Ortsteil Stiedenrode studiert für zwei Semester in der russischen Stadt Nischni Nowgorod. Heute beschreibt sie ihre Erfahrungen mit dem Klimawandel im russischen Winter.

Der Klimawandel ist selbst im russischen Winter deutlich bemerkbar. Temperaturschwankungen zwischen minus zehn und plus fünf Grad, Regen, Tauwetter und ein später Wintereinbruch zeugen davon. Viele Russen beklagen sich, wie warm es geworden sei. Vor einigen Jahren hätte man noch einen schöneren, längeren und kälteren Winter gehabt. Doch auch ein vergleichsweise milder Winter hält einen Russen nicht davon ab, Stiefel, Mantel oder Fellmütze anzuziehen.

Nennenswerten Schnee hatten wir erst ab Mitte Dezember. Bis Anfang Februar schmolz dieser allerdings regelmäßig wieder und begrub die Straßen unter grauem Schneematsch. Dieser gefror dann zumeist recht schnell und verwandelte Bürgersteige und Fußgängerwege in eine Eisfläche. Jeder Schritt vor die Tür wurde zu einer gefährlichen Aufgabe, für deren Bewältigung ich mein ganzes akrobatisches Geschick benötigte.

Eine russische Freundin legte mir nahe, ich solle im Falle eines Sturzes einfach daran denken, dass jeder um mich herum in diesem Winter auch schon mindestens einmal hingefallen sei. Das erleichtere es, einfach aufzustehen und weiterzulaufen, als sei nichts gewesen. Recht hatte sie – die blauen Flecken an den Beinen blieben jedoch trotzdem.

Seit Anfang Februar ist die Stadt nun märchenhaft weiß, sämtlicher Schnee bleibt liegen, die Flüsse Wolga und Oka sind gefroren und die Temperaturen bleiben konstant unter minus zehn Grad. Das Minuszeichen vor Temperaturangaben lässt man mittlerweile weg, zurzeit haben wir also 22 Grad. Das wärmt das Gemüt, zusammen mit der Sonne, die ebenfalls seit Anfang Februar unablässig scheint.

Die Russen sagen, so bleibe es nun noch bis Ende März, wenn wir Glück hätten vielleicht sogar bis in den April hinein. Unter die aktuellen minus 25 Grad kämen wir diesen Winter wohl nicht mehr, vielleicht sogar nie wieder. Selbst bei meiner kürzlichen Reise zum Baikalsee nach Sibirien war es mit minus 22 bis minus 15 Grad wärmer als erwartet.

Schneeräumen im Akkord: Das Bild von Greta Zeuner zeigt, wie Arbeiter auf einer der Hauptstraßen in Nischni die Gehwege von Schnee und Eis befreien.

Zur Bewältigung der Schneemassen auf den Straßen gibt es spezielle Bagger und Traktoren, die als Räumfahrzeuge eingesetzt werden und den Schnee anschließend auf Lkw laden. Diese entsorgen ihn dann in einer Schneeschmelzanlage. In Ausnahmefällen wird auch Kies oder Erde gestreut, beispielsweise an einem steilen Hang. Gegen das Eis auf den Fußwegen der Hauptstraßen rücken Kleinbusse voller Arbeiter an, die mit einer Art Harke das zentimeterdicke Eis in Schollen zerlegen, damit es wiederum auf Lkw geladen und weggebracht werden kann.

Wer also das Bild eines langen, dunklen, russischen Winters im Kopf hat, der sei enttäuscht: Die passendere Beschreibung ist ein kurzer, kalter und schöner Winter nach einer sehr langen, nassen und dunklen Übergangsphase.

Von Greta Zeuner

Zur Person 

Greta Zeuner ist 22 Jahre alt und in Witzenhausen/Stiedenrode aufgewachsen. 2015 begann sie ihr Studium der European Studies (Europa-Studien) mit Schwerpunkt Osteuropa in Magdeburg und lernte dafür unter Anderem zwei Jahre lang Russisch. Seit August verbringt sie ihre zwei obligatorischen Auslandssemester in Russland. „Ich wollte das Land abseits von Medien und Tourismus erleben, weshalb ich mich gegen Sankt Petersburg oder Moskau und für die mit 1,3 Mio. Einwohnern fünftgrößte russische Stadt, Nischni Nowgorod, entschied“, sagt Zeuner. Ein weiterer Grund für diese Wahl war der gute Ruf der dort ansässigen linguistischen Universität, da sich Zeuner für Fremdsprachen begeistert. Weitere Anekdoten und Erfahrungen aus ihrem Alltag in Russland teilt die 22-Jährige regelmäßig auf ihrem

Blog.

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