Wiesen müssen nach Tieren abgesucht werden

Helfer retten Kitze vor dem Mäh-Tod

Rehkitz liegt im Gras
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Vor Feinden gut geschützt liegt das Rehkitz im hohen Gras - doch auch der Landwirt beim mähen sieht es dort nicht.

Überall auf den Feldern sind seit einigen Tagen die Landwirte unterwegs. Sie mähen ihre Wiesen und bringen das Heu ein. Wir waren dabei, als Jagdpächter Bernd Lehmann zusammen mit freiwilligen Helfern ein Feld vor der Mahd nach Rehkitzen abgesucht hat, denn ihre Leben sind durch die Mahd in Gefahr.

Witzenhausen – Um ihre Kinder zu schützen, legen Ricken die Jungen oft im hohen Gras ab. Die Kitze haben in ihren ersten Lebenstagen noch keinen Eigengeruch und liegen ganz still, sodass sie von Feinden kaum gefunden werden können. Und so unsichtbar wie sie für den Fuchs sind, sind sie es auch für den mähenden Landwirt. Darum sind schon oft Rehkitze den Mähmaschinen zum Opfer gefallen, für sie bedeutet das den sicheren Tod.

Auf der Suche: Jagdpächter Bernd Lehmann, von links, geht zusammen mit Christin Fahrenbach, Udo Köhler, Jennifer Wiegand und Christian Fahrenbach die Felder ab. In dem zum Teil hüfthohen Gras sind die Rehkitze schwer zu finden.

Aber auch für ihre Retter sind sie nur schwer, sie zu finden. Eng beieinander, mit höchstens 1,50 Meter Abstand, müssen sie die Felder und Wiesen Meter für Meter abgehen und im hohen Gras nach den gut versteckten Tieren suchen.

Landwirte sind laut Tierschutzgesetz dazu verpflichtet, ihre Felder vor dem Mähen nach abgelegten Kitzen absuchen zu lassen. In der Regel passiert das durch den örtlichen Jagdpächter und viele Freiwillige. Kommt der Landwirt dieser Vorsorgepflicht nicht nach und verletzt oder tötet beim Mähen ein Kitz, muss er mit einer Anzeige rechnen.

Zusammen mit sieben Helfern stand Bernd Lehmann jetzt wieder vor einer Wiese, etwa so groß wie zwei Fußballfelder, oberhalb der Bundesstraße zwischen Witzenhausen und Hundelshausen. Zehn bis zwölf solche Sucheinsätze gibt es für ihn jedes Jahr. „Die Zusammenarbeit mit den Landwirten in Witzenhausen klappt sehr gut“, betont er.

In diesem Jahr hat er zum ersten Mal mit der Rettungshundestaffel Werra-Meißner zusammengearbeitet, die über eine Wärmebildkamera verfügt. Gemeinsam haben sie früh morgens ein Feld bei Dohrenbach abgesucht und zwei Kitze gefunden. Eine Wärmebildkamera macht die Arbeit zwar deutlich einfacher, sobald die Sonne aber den Boden erwärmt, kann sie die Rehkitze nicht mehr aufspüren. Darum ist sie nur für Einsätze in den frühen Morgenstunden geeignet. Danach heißt es wieder selber laufen und suchen.

So geschehen am Abend des selben Tages. „Wir können nicht schon morgens das Feld absuchen, wenn erst abends gemäht wird. Bis dahin liegen wir neue Kitze im Gras“, erklärt der Jäger.

Nur mit Handschuhen: Christian Lehmann trägt das junge Kitz auf eine benachbarte Wiese.

Manchmal verraten Kuhlen und eingedrücktes Gras wo ein Rehkitz liegt. In den zum Teil mehr als einen Meter hohen Wiesen heißt es aber vor allem Suchen: Mohn, Klee und Gräser müssen auseinander gedrückt werden, mit Schwimmbewegungen, nach vorn gebeugt und den Blick auf den Boden gerichtet bewegen sich die acht Personen durch das Feld. Schon nach etwa 20 Minuten ruft Christian Lehmann: „Hier liegt eins!“. Er trägt geruchsneutrale Handschuhe und hebt das Kitz, mit Grasbüscheln in den Händen vorsichtig hoch, es darf den menschlichen Geruch nicht annehmen, dann würde die Mutter sich nicht mehr kümmern. Darum ist es auch besonders wichtig, dass Spaziergänger, die ein Kitz finden, es nicht anfassen, betont Bernd Lehmann in diesem Zusammenhang. „Wer ein abgelegtes Kitz findet, muss sich keine Sorgen machen. In der Regel kommt die Mutter alle paar Stunden vorbei und säugt ihr Junges.“

Völlig erstarrt lässt das Kitz sich gefallen, dass Christian Lehmann es auf die benachbarte Wiese trägt. Nach einigen Schritten aber wird es munter und fängt an laut zu schreien. Seine Mutter erkennt den Ruf sofort und kommt aus dem Wald angerannt. Mittlerweile hat Christian Lehmann die Wiese erreicht und lässt das Kitz laufen. Es findet schnell den Weg zu seiner Mutter.

Noch zwei weitere Kitze finden die Helfer an diesem Abend. Der Einsatz dauert etwa zweieinhalb Stunden und hat sich gelohnt. 5 Kitze konnten an diesem Tag gerettet werden. (Wiebke Huck)

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