Klassenfahrten müssen kostenfrei stornierbar sein

Herbergen im Werra-Meißner-Kreis wegen Corona in Not

Die Jugendburg Ludwigstein bei Witzenhausen.
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Zukunft ungewiss: In der Jugendburg Ludwigstein übernachten wegen Corona momentan nur Einzelreisende und Familien.

Existenzsorgen plagen seit Beginn der Corona-Pandemie die Jugendherbergen. Nach zahlreichen abgesagten Klassenfahrten hat das Hessische Kultusministerium vor den Ferien die Anweisung herausgegeben, dass Klassenfahrten für das kommende Schuljahr nur dann neu gebucht werden dürfen, wenn sie jederzeit kostenfrei stornierbar sind.

Werra-Meißner - „Damit können wir dann überhaupt nicht planen und sitzen im unglücklichsten Fall auf einem gut gefüllten Warenlager, das wir – wie in diesem Jahr – dann selbst aufessen dürfen. Das halten wir nicht noch ein zweites Mal durch“, sagt Holger Pflüger-Grone, Vorsitzender der Stiftung Jugendburg Ludwigstein, die einen Beherbergungsbetrieb hat, aber nicht dem Deutschen Jugendherbergswerk (DJH) angehört. Die Burg hat sich aber der Initiative des DJH angeschlossen, die konkrete Voraussetzungen für eine kostenfreie Stornierung fordert. Nun hat das Kultusministerium nachgebessert: Klassenfahrten müssen kostenfrei stornierbar sein, wenn sie „durch infektionsschutzrechtliche Verbote undurchführbar“ werden oder das Ministerium die Absage anordnet.

„Dies haben wir in unsere Verträge eingearbeitet, es bringt aber nach wie vor eine riesengroße Unsicherheit mit sich“, sagt Knut Stolle vom DJH Hessen. Denn selbst so könne das Ministerium noch Fahrten ohne Angabe von Gründen untersagen. Selbst bei Ausbleiben einer zweiten Welle könne die Absage angeordnet werden, wenn eventuell festgestellt wurde, dass der Lernstoff noch nicht aufgeholt werden konnte.

Stolle erinnert neben dem finanziellen Schaden für die 30 Jugendherbergen in Hessen, von denen eine mit Eschwege im Werra-Meißner-Kreis liegt, auch an die Schüler: „Das Soziallernen bringt einiges mit sich, was im Schulalltag hintenüberfällt.“ Bei einer Klassenfahrt vertrauten Schüler ihrem Lehrer auch private Sorgen an. Eventuell bestehende familiäre Missstände fielen auf, wie wenn ein Kind keine Zahnbürste oder Wechselkleidung dabei habe. Der Sozialkontakt sei ein ganz anderer als beim Frontalunterricht. Zudem blieben Inhalte, die bei der Klassenfahrt erlernt wurden, stärker hängen.

Das Hessische Kultusministerium begründet die Anweisung, Klassenfahrten nur dann neu zu buchen, wenn diese jederzeit kostenfrei stornierbar sind, damit, dass „der Fokus klar auf dem Unterricht und keinen außerschulischen Aktivitäten liegen soll“. Zudem könne „das Land nicht unbegrenzt Stornokosten für die Schulen und am Ende auch für die Eltern übernehmen“, sollte es erneut zu coronabedingten Einschränkungen kommen, erklärt Pressesprecher Philipp Bender. 

Dass das Kultusministerium auf die Initiative des Deutschen Jugendherbergswerks (DJH) hin die Bedingung für eine kostenfreie Stornierung von Klassenfahrten ab dem kommenden Schuljahr eingeschränkt hat, ist für Holger Pflüger-Grone, Vorsitzender der Stiftung Jugendburg Ludwigstein, ein kleiner Lichtblick: „Das mildert ab, dass Gruppen nicht spontan ohne weitere Begründung absagen können.“ Allerdings ist die Zitterpartie um den Fortbestand der Jugendburg als Bildungseinrichtung und Herberge noch längst nicht ausgestanden (HNA berichtete). Durch aktuell eingehende Stornozahlungen und Spenden seien sie momentan noch in der Lage, sich zu finanzieren, sagt Pflüger-Grone. Allerdings sei das Verhalten der Kultusministerien je nach Bundesland sehr unterschiedlich. „Manche zahlen sofort, andere prüfen erst, manche sagen, dass die Eltern einen Teil übernehmen sollen, dann müssen wir Einzelrechnungen ausstellen.“

Bis auf die Soforthilfe im März, die „nur ein Tropfen auf einen ganz heißen Stein“ gewesen sei, habe man noch keine weiteren öffentlichen Mittel erhalten. „Der Bund hat für die Monate Juni bis August bis zu 150 000 Euro für mittelständige Betriebe zugesagt – da wartet unser Wirtschaftsprüfer jetzt auf Freischaltung des Onlineportals zur Beantragung.“ Zwar sei der Zeitraum, für den die Unterstützung gedacht gewesen sei, bald rum, aber wichtig sei ja, dass überhaupt geholfen werde. Wann neue Landessonderprogramme greifen werden und nach welchem Schlüssel sie verteilt werden, darüber habe man vermutlich auch erst im September Klarheit.

Seit Ende Mai können laut Pflüger-Grone Einzelreisende und Familien wieder auf der Burg übernachten, allerdings nicht in der Kernburg, sondern in den Flügeln und im Brunnenhaus. „Das hilft, den Kundenkontakt zu halten, finanziell hilft es nicht wirklich.“ Denn das Büropersonal habe aufgrund der Hygienebestimmungen viel zu erläutern.

Frühstück gibt es aufs Zimmer, die restliche Verpflegung müssen sich die Gäste selbst besorgen. „Unsere Großküche kann nicht wegen zehn Essen gestartet werden.“ Maximal Lunchpakete könne die Burg ihren Gästen anbieten – allerdings sei es schwierig, ein Unternehmen zu finden, das beispielsweise abgepackte Lunchpakete mit veganem Käse anbiete. Momentan gebe es auch viele Anfragen aus der bündischen Szene, der Pflüger-Grone nur eine Beherbergung nach Anmeldung und ebenfalls nur das Kochen am Lagerfeuer oder auf einem Gaskocher anbieten könne.

„Die Burg ist verwinkelt und verbaut, da ist eine Einbahnstraßenregelung so nicht möglich“, sagt Pflüger-Grone. Wo sonst bis zu 180 Jugendliche beherbergt werden, war die höchste Belegung seit Corona-Beginn 20 Personen. Dafür mussten Mitarbeiter kurzfristig aus der Kurzarbeit geholt werden, was wiederum dem Arbeitsamt gemeldet werden musste und somit einen hohen Verwaltungsaufwand bedeutet habe. Bei der aktuellen finanziellen Lage ebenfalls schwierig war die Einstellung einer Vertretung für den erkrankten Haustechniker. „Die Kläranlage muss weiter gespeist werden, da sie sonst trocken fällt“, nennt Pflüger-Grone eine der Aufgaben, die unmöglich von den sechs neuen Bundesfreiwilligendienstlern geleistet werden können. „Da kein Stammpersonal vor Ort ist, greifen wir bei deren Einarbeitung auf ehemalige Freiwillige und Mitglieder des Aufsichtsrats zurück.“

Zumindest die Hochzeitswochenenden für das kommende Jahr seien gut ausgelastet. „Wir würden uns freuen, wenn uns buchungstechnisch das Vertrauen ausgesprochen werden würde“, sagt Pflüger-Grone und verweist dafür auf die E-Mail-Adresse, da die Telefone nicht immer besetzt seien. (Gudrun Skupio)

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