Klimafreundliche Wiederaufforstung als Ziel

Zwei Hilfsprogramme: So soll bei Witzenhausen neuer Wald entstehen

Bis Frühjahr 2018 stand hier noch ein dichter Fichtenwald: Dr. Martin Listing (Nordwestdeutsche Forstliche Versuchsanstalt), Matthias Köhler (Hessen Forst), Hans-Ulrich Henschke (Revierförster) und Dieter Müller (Waldinteressenten Witzenhausen) erklären westlich des Silberkopfes das Wiederaufforstungsprogramm im Stadtwald. Auf der Fläche wurden Traubeneichen und Lärchen gepflanzt, die dem Klimawandel besser trotzen können.
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Bis Frühjahr 2018 stand hier noch ein dichter Fichtenwald: Dr. Martin Listing (Nordwestdeutsche Forstliche Versuchsanstalt), Matthias Köhler (Hessen Forst), Hans-Ulrich Henschke (Revierförster) und Dieter Müller (Waldinteressenten Witzenhausen) erklären westlich des Silberkopfes das Wiederaufforstungsprogramm im Stadtwald. Auf der Fläche wurden Traubeneichen und Lärchen gepflanzt, die dem Klimawandel besser trotzen können.

Dort, wo noch bis zum Frühjahr 2018 Fichten standen, trifft man jetzt auf Brombeerpflanzen: Ein Besuch im Witzenhäuser Stadtwald ist derzeit ein Trauerspiel. Das soll sich ändern.

Witzenhausen – Von den 400 Hektar Forst im Besitz der Waldinteressenten Witzenhausen sind 200 Hektar in Folge von Sturm „Friederike“ im Jahr 2018, von Trockenheit und Borkenkäferbefall kahl. 60 Prozent der wertvollen, mehr als 100 Jahre alten Bäume sind verloren gegangen.

„Fichtenbestände haben wir nicht mehr“, sagt Vorsitzender Dieter Müller. Nur an Hängen, die zu steil für sichere Fällarbeiten waren, stehen noch einzelne Exemplare der Art, die einst 45 Prozent aller Bäume der Waldinteressenten ausmachten. Auch die Buchen leiden unter der Trockenheit, ergänzt Revierförster Hans-Ulrich Henschke.

Die Wiederaufforstung

Für den Klimaschutz sind Wälder als CO2-Speicher sehr wichtig – sie müssen also unbedingt wieder angepflanzt werden. „Aufgeforstet“ heißt das bei Fachleuten. Das ist teuer: Will man die baumlosen Waldflächen von mittlerweile kniehoch gewachsenen Brombeeren, Gestrüpp und Holzresten befreien, mit klimaresistenten Baumarten bepflanzen und die Setzlinge vor hungrigen Rehen schützen, kostet das 25.000 bis 30.000 Euro – pro Hektar. Rechnerisch müssten die Waldinteressenten dafür fünf Millionen Euro aufbringen. „Das ist völlig utopisch“, sagt Henschke. Der Plan sei, zehn Prozent der Schadflächen aufzuforsten. Beim Rest muss die Natur selbst für neue Bäume sorgen.

Doch weil die Waldinteressenten mit dem Verkauf des Sturmschaden-Holzes höchstens 500 Euro pro Hektar verdient haben, ist damit die Wiederaufforstung kaum finanzierbar. Wie andere hessische Privat- und Kommunalwaldbesitzer erhalten sie nun Hilfe vom Land – über Zuschüsse (siehe Service) und Wissen. „Davon hängt ihre Zukunft ab“, so Henschke.

Die Standortanalyse

Bei der Suche nach Baumarten, die für die jeweiligen Standorte und den fortschreitenden Klimawandel geeignet sind, hilft ein Gemeinschaftsprojekt von Hessen Forst, dem hessischen Waldbesitzerverband und der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt (NW-FVA) in Göttingen. Sie haben eine interaktive, digitale Karte erstellt, auf der jeder kostenfrei nachsehen kann, welche Wasserspeicherkapazität einzelne Standorte in hessischen Wäldern haben und welche Arten dort gut wachsen können, erklärt Dr. Martin Listing (NW-FVA).

Dabei wurden alte Standortdaten zu Bodenqualität und Nährstoffgehalt einbezogen und neue Bodenproben aus bis zu zwei Metern Tiefe analysiert. Ergänzt um aktuelle Klimaprognosen, die von einer Erwärmung um vier Grad Celsius bis ins Jahr 2070 ausgehen, wird für jeden Standort die Wasserspeicherkapazität berechnet. „Die Karte ist online, sie wird auch als App verfügbar sein“, kündigt Listing an.

Klimarisikokarte: Unser Ausschnitt zeigt die Standortwasserbilanz für den Silberkopf. Rechts die Empfehlung für geeignete Baumarten (WEZ).

Die Prognosen

„Die Prognosen reichen vorerst vom Jahr 2041 bis 2070“, sagt Matthias Köhler von Hessen Forst. Bei neuen Erkenntnissen könnten die Daten angepasst werden. Die langen Zeiträume seien wichtig, da Bäume, die jetzt gepflanzt werden, erst in 140 (Lärche) bis 220 Jahren (Eiche) wirtschaftlich ertragreich genutzt werden können. Beim Pflanzen muss auch die Ausrichtung der Hänge berücksichtigt werden, so Henschke. An sonnigen Südhängen verdunste mehr Wasser. Zudem wird der Vegetationszeitraum – also die Phase, in der Bäume Laub tragen – mit steigenden Temperaturen länger, sagt Köhler. Deshalb wird mehr Wasser gebraucht.

Im Witzenhäuser Stadtwald sind die ersten Hänge mit Eichen und Lärchen bepflanzt. Dabei wurden Schneisen anlegt, auf denen Wasserwagen fahren können – um die Setzlinge zur Not im nächsten Hitzesommer bewässern zu können. „Bei einer so teuren Kultur tun wir alles, um sie durchzubringen“, betont Henschke.

Das Förderprogramm

Mit der neuen Extremwetterrichtlinie hat die hessische Landesregierung ihr Förderprogramm für kommunale und private Waldbesitzer angepasst. So kann die Wiederaufforstung von Flächen, die durch Stürme, extreme Trockenheit oder Schädlinge gelitten haben, finanziell beachtlich bezuschusst werden. Allerdings müssen bestimmte Bedingungen eingehalten werden.

Kriterien: In normalen Waldgebieten greift die volle Förderung, wenn 30 Prozent der Bäume Laubbäume und 30 Prozent „standortheimische“, klimatolerante Bäume sind. In Schutzgebieten (etwa Natura-2000 oder FFH) muss der Laubbaumanteil bei 60 Prozent liegen, zudem dürfen nur heimische Arten verwendet werden. Douglasien, die aus Nordamerika stammen, dürfen gepflanzt werden, erhalten aber keine Förderung. Details gibt es hier.

Baumarten: Gemeinsam mit der NW-FVA und dem hessischen Waldbesitzerverband hat das Land anhand der Standort-Wasserbilanz einen Katalog von „Waldentwicklungszielen“ (WEZ) entwickelt – verschiedene Kombinationen von standortgerechten, heimischen und klimatoleranten Baumarten, die auch wirtschaftlich nutzbar sind. Westlich des Silberkopfes bei Witzenhausen wird etwa eine Kombination aus Eichen und Edellaubbäumen empfohlen und für die Nutzer der Internetseite genau erklärt. Gefördert werden nur Wiederaufforstungsprojekte, die die WEZ einhalten. Informationen über die WEZ sowie Erklärungen der wichtigsten Begriffe hat die NW-FVA hier gesammelt.

Fördersummen: Die Kosten für die Setzlinge sowie für die Pflanzung an sich bezuschusst das Land je nach verwendeter Baumart mit bis zu 90 Prozent der Nettokosten, den Bau von Schutz vor Wild mit 50 Prozent. Bei nicht-heimischen Baumarten sinkt die Förderung um 20 Prozent. Die Kosten müssen die Waldbesitzer auslegen, Steuern müssen sie selbst zahlen.

Anträge können jederzeit ohne Fristen gestellt werden, die Formulare stellt das Regierungspräsidium Darmstadt hier bereit. Werden die Privat- oder Kommunalwaldgebiete durch Hessen Forst betreut, hilft der Revierförster beim Ausfüllen. Heimische Waldbesitzer, die sich allein um ihre Flächen kümmern, können sich kostenlos bei der Unteren Forstbehörde und von Günter Groß im Forstamt Hessisch Lichtenau beraten lassen: Tel. 0 56 02/ 93 56 22. (Friederike Steensen)

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