Hochpräzise Daten erforderlich zur Neuvermessung Deutschlands

Ein besonderer Punkt in Hessisch Lichtenau wurde 24 Stunden genutzt

Die Vermessungstechniker (von links) Christian Otto, Felix Nüßgen und Nils Epler setzen die Satellitenantenne exakt über dem Geodätischen Grundnetzpunkt ein.
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Aufbau exakt über dem Geodätischen Grundnetzpunkt: Die Vermessungstechniker (von links) Christian Otto, Felix Nüßgen und Nils Epler setzen die Satellitenantenne, mit der die Daten empfangen wurden, ein.

Er liegt unbeachtet an einem Feldweg, keine 200 Meter entfernt von der Wohnbebauung im Süden von Hessisch Lichtenau nahe der Retteröder Straße: ein Vermessungspunkt.

Hessisch Lichtenau – Doch dieser ist einer der 250 besonderen, weil wichtigen und deshalb auch am genauesten und sichersten im Untergrund verankerten Vermessungspunkte in Deutschland, ein sogenannter Geodätischer Grundnetzpunkt (GGP). Anfang dieser Woche wurde der Hessisch Lichtenauer GGP für 24 Stunden gebraucht.

Seit Mitte Juni wurde Deutschland neu vermessen, 35 Vermessungstrupps aus allen Bundesländern waren dazu im Einsatz. Am letzten Tag der Aktion, die vier Jahre lang vorbereitet wurde, baute ein dreiköpfiger Trupp von der Landesvermessung Nordrhein-Westfalen in Bonn das Stativ direkt über dem GGP auf. Obenauf setzten die Vermessungstechniker eine Spezialantenne, die gleichzeitig die Signale von gleich drei Satellitennavigationssystemen – dem europäischen Galileo, dem amerikanischen GPS und dem russischen Glosnass empfing.

24 Stunden lang, und zwar gleichzeitig mit weiteren Satellitenantennen über anderen GGP in Deutschland von 17 bis 17 Uhr, wurden die Daten aufgezeichnet. Die drei Männer vom Vermessungstrupp wechselten sich dabei auch über Nacht im Transporter ab, darüber zu wachen, dass niemand während dieser Zeit dem Messungsaufbau zu nah kam. Nicht zur leichtesten Veränderung durfte es kommen.

Die hochpräzisen Daten sind nun alle gesammelt und werden in den nächsten Wochen und Monaten vom Bundesamt für Kartografie und Geodäsie in Frankfurt und dem niedersächsischen Landesamt für Geoinformation und Landesvermessung in Hannover auf Hochleistungscomputern ausgewertet. Das kann sogar zwei Jahre dauern, sagt André Sieland vom Landesamt für Geoinformation und Landesvermessung Niedersachsen, der beim Aufbau der Messung in Hessisch Lichtenau vor Ort war. Am Ende gebe es millimetergenaue Ergebnisse.

Die Daten werden auch dauerhaft gesichert und dokumentiert und amtlich zur Nutzung und zum Nutzen der Allgemeinheit bereitgestellt, wie Pressesprecher Uwe Gärtner vom Hessischen Landesamt für Bodenmanagement und Geoinformation (Wiesbaden) es ausdrückte.

Damit wird beispielsweise nachgewiesen, dass sich die Nordsee um jährlich einen Millimeter senkt, dagegen die Ostsee um einen Millimeter angehoben wird. Das ist für vorausschauenden Küstenschutz nicht unbedeutend, um Deiche rechtzeitig zu erhöhen.

Die Daten sind Grundlage für das Vermessen des Grundstücks eines Häuslebauers ebenso wie für Navigationssysteme, die für die exakte Positionsbestimmung für fahrerlose Autos von Bedeutung gewinnen. Auch sind sie notwendig für einen standortgenauen Einsatz von Düngemitteln in der (digitalen) Landwirtschaft.

Ob beim Straßen-, Brücken- und Kanalbau, beispielsweise auch beim Tunnelvortrieb beim Bau der A 44 durch den Werra-Meißner-Kreis – „80 Prozent aller politischen und Verwaltungsentscheidung haben einen Raumbezug, eine Verortung“, sagte Abteilungsleiterin Barbara Greiner vom Hessischen Landesamt, die ebenfalls nach Hessisch Lichtenau gekommen war.

Messungen ermitteln Veränderungen im Millimeterbereich

Der Geodätische Grundnetzpunkt in Hessisch Lichtenau ist einer von 13 in ganz Hessen und einer von 250 in ganz Deutschland. Die GGP haben Abstände von 30 bis 50 Kilometer zu den nächsten, bilden so ein Netz über das Land. Die GGP sind wichtig, wenn die 16 Bundesländern gemeinsam durch einen Raumbezug aus Daten und Informationen amtliche Geobasisdaten und Geofachdaten gewinnen wollen. Dabei werden nicht nur Informationen zur exakten Lage sowie Höhenkomponenten gebraucht, sondern auch die Erdschwere wird gemessen. Sogar die vierte Dimension kommt hinzu durch die Zeitkomponente. Dazu sollen alle zwölf Jahre die Daten überprüft werden, inwieweit es Veränderungen gab. Diese bewegen sich, wenn überhaupt, im Bereich weniger Millimeter.  (sff)

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André Sieland vom niedersächsischen Landesamt für Geoinformation und Landesvermessung
Besonderer Vermessungspunkt: An einem Feldweg südlich der Wohnbebauung von Hessisch Lichtenau wurde dieser Geodätische Grundnetzpunkt schon 2007 gut einen Meter tief in der Erde eingelassen. Zu erkennen sind auch die drei Punkte, auf denen ein Stativ für Vermessungen und Datenempfang aufgestellt wird. 

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