Tag der Deutschen Einheit

Horst Krüger floh 1959 mit seiner Familie aus der DDR nach Großalmerode

Die Flucht begann mit einer Reise zur Großmutter in Großalmerode: Horst Krüger aus Wickenrode flüchtete mit seiner Familie aus der ostdeutschen Gemeinde Burg bei Magdeburg nach Großalmerode.
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Die Flucht begann mit einer Reise zur Großmutter in Großalmerode: Horst Krüger aus Wickenrode flüchtete mit seiner Familie aus der ostdeutschen Gemeinde Burg bei Magdeburg nach Großalmerode.

„Von Kassel bis nach Großalmerode sah ich eine Trabbi-Schlange und alles hupte“, sagt Horst Krüger aus Wickenrode (Helsa). 1989, am Tag als die Mauer fiel, war er gerade in den Niederlanden.

Großalmerode – Der gebürtige Magdeburger sah die Bilder von der Grenzöffnung im niederländischen Fernsehen, als er mit seinen Kollegen in einem Restaurant saß. Zunächst dachte er, da liefe ein Film. Doch spätestens als er wenige Tage später in seine Wahlheimat Großalmerode zurückkam, wurde ihm bewusst, dass die Mauer, die die Deutsche Demokratische Republik (DDR) und die Bundesrepublik trennte, wirklich gefallen war. „Alle Bananen und tropischen Früchte im näheren Umkreis waren erst mal ausverkauft. Überall sah ich Trabbis“, berichtet Krüger und erinnert sich an die Autos aus seiner Kindheit.

Als er 1959 aus dem Osten in den Westen flüchtete, war Krüger sieben Jahre alt. Die Flucht begann mit einem Ausflug zu seiner Großmutter in Großalmerode. Das sei nur möglich gewesen, da sein neun Jahre älterer Bruder zu dem Zeitpunkt in einem Ferienlager an der Ostsee war. „Die dachten, die kommen ja wieder zurück in die DDR, da mein Bruder nicht bei uns war“. sagt Krüger. Doch er blieb allein bei der Großmutter, während seine Eltern zurück in die Heimat nach Burg (Magdeburg) fuhren.

Spitzel wohnte im selben Haus

Für Krüger besorgten seine Eltern eine Bescheinigung vom Arzt, dass er nicht reisefähig war – sonst hätte auch er wieder zurückgemusst. „Ich hatte Angst, dass meine Eltern nicht mehr nach Groß-almerode zurückkommen“, erinnert er sich. Was genau vor sich ging, konnte Krüger damals aber noch nicht verstehen. „Meine Eltern hatten Angst, dass ich mich verplappere, weil ich ja gar nicht krank war.“ Denn ob es „Spitzel“ in der Familie gab, das wisse er nicht. Sicher war aber, dass in seinem Wohnhaus in Burg ein Spitzel der SED lebte, berichtet er. Zudem sei sein Vater aufgefordert worden, nichts mehr vom Westen zu erzählen, zum Beispiel vom Auto fahren.

In der DDR mussten sich die Menschen für den Kauf eines eigenen Autos anmelden, so Krüger. Die Bespitzelung sei wahrscheinlich einer der Gründe gewesen, weshalb seine Eltern in den Westen wollten. Viel darüber gesprochen haben sie aber nie.

Dass die Flucht nach Westdeutschland überhaupt gelingen konnte, lag an einem simplen Fehler bei der Ausreisegenehmigung. Krügers Mutter sollte eigentlich eine Genehmigung für zwei Tage bekommen, um ihren Sohn wieder nach Hause zu holen. Stattdessen wurden ihr vier Wochen genehmigt – vom 30. August bis zum 31. September 1959. Das bemerkte sie aber erst, als sie bereits die Grenze zur DDR hinter sich gelassen hatte. Glücklicherweise sei das und auch das falsche Datum bei der Grenzkontrolle nicht aufgefallen, so Krüger. Denn der 31. September existiert nicht. Zudem sei eine so lange Reise in den Westen damals ungewöhnlich gewesen.

„Letztlich gelang meiner Mutter nur wegen dieser Zufälle die Flucht in den Westen.“ Zugeständnisse musste seine Mutter aber trotzdem machen: Ihr Gepäck wurde an der Grenze kontrolliert und einige Sachen wurden ihr abgenommen – ohne einen bestimmten Grund. „Das war wie ein Wegezoll“, sagt Krüger. Sein Vater und sein Bruder konnten erst im Juni 1960 nach Großalmerode einreisen. Sie waren über ein Flüchtlingslager in Westberlin zunächst nach Oberhausen zu Krügers Tante gekommen. Nachdem sein Bruder in Kassel eine Lehrstelle und sein Vater im Werra-Meißner-Kreis Arbeit gefunden hatte, konnte die Familie in Großalmerode wieder zusammen sein. Im selben Jahr wurde Krüger eingeschult – und war fortan Hänseleien ausgesetzt. „Ich war dort immer der Flüchtling“, sagt er. Kontakte in die DDR hatte die Familie weiterhin. Denn in Möser (Sachsen-Anhalt) lebten Cousins, Tante und Onkel von Krüger.

Als er 1968 bei einer Rüstungsfirma in Kassel seine Ausbildung zum Maschinenbauer begann, musste er die Kontakte in den Osten abbrechen. Erst nach dem Mauerfall reiste Krüger wieder in seine Heimatgemeinde Burg. „Nach all den Jahren habe ich die Straße und unser Haus sofort wiedergefunden.“ Der Kontakt zu seiner Familie in Möser wurde dann wieder mehr. Ab und zu habe er ihnen „etwas rüber geschickt“, wenn sie etwas gebraucht haben. „Wir wussten ja, wie das ist, wenn man nichts hat.“ (Natascha Terjung)

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