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„Ich war sprachlos, wie gelähmt“

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Er hat vor einem Jahr im Ahrtal geholfen: Julian Burhenne vom Technischen Hilfswerk aus Unterrieden.
Er hat vor einem Jahr im Ahrtal geholfen: Julian Burhenne vom Technischen Hilfswerk aus Unterrieden. Komplett verwüstet (rechtes Foto) – so fanden die ehrenamtlichen Helfer das Ahrtal vor. © Technisches Hilfswerk

Julian Burhenne aus Unterrieden war nach der Flut im Ahrtal im Einsatz

Unterrieden – Julian Burhenne und seine Kollegen fuhren zum ersten Einsatz, sie warteten an der ersten Polizeisperre und blickten hinunter auf das verwüstete Tal Schuld im Ahrtal: „Ich hatte noch nie Kriegsberührung, aber so stelle ich mir vor, wie ein Schlachtfeld danach aussehen könnte.“ So beschreibt der Ehrenamtliche vom Technischen Hilfswerk Unterrieden seine ersten Gedanken, als er das erste Mal mit seinen eigenen Augen die Katastrophe sah. Fassungslos blickte er auf Fahrzeuge, die zusammengespült wurden, Wohnwagengestelle, die in Bäumen hingen, und Bodenplatten, die der einzig verbliebene Rest von weggeschwemmten Häusern waren. „Es hatte jede Vorstellungskraft zersprengt“, sagt der 34-Jährige, „Ich war sprachlos und von dem Moment an wie gelähmt.“

Ein Tag zuvor sah Julian Burhenne die Flutkatastrophe im Ahrtal in den Medien, er habe diese Größenordnung aber noch nicht wahrgenommen, berichtet er. Zum regulären Diensttreffen kamen sie am Abend zusammen und tauschten sich über das Elend aus. Auf dem Weg nach Hause vom Treffen kam die Alarmierung. Postwendend drehte der gelernte Elektrofachmann um und packte zusammen mit seinen Kollegen die Fahrzeuge. „Man versucht, jedes mögliche Szenario durchzugehen, um auf möglichst alles vorbereitet zu sein“, schildert der ehrenamtliche Helfer das Beladen der Fahrzeuge. Julian Burhenne war froh, einen kleinen Teil zur Hilfe beizutragen, gleichzeitig hatte er auch großen Respekt vor der Aufgabe: „Im ersten Moment hatte ich Bammel, im Bezug aufs Helfen war das meine größte Herausforderung.“ Über die Nacht fuhren sie zu sechst mit einem Lastwagen und einem Auto ins Ahrtal.

Genau vor einem Jahr um fünf Uhr morgens kamen sie an, sahen die Bundeswehrhubschrauber minütlich im An- und Abflug und eine „Armee von Krankenwagen“, die laut Julian Burhenne „länger war als eine Taxischlange in der Großstadt.“ Untergekommen sind sie mit den anderen ehrenamtlichen Organisationen am Nürburgring.

Komplett verwüstet – so fanden die ehrenamtlichen Helfer das Ahrtal vor.
Komplett verwüstet (rechtes Foto) – so fanden die ehrenamtlichen Helfer das Ahrtal vor.  © Technisches Hilfswerk

Der Elektrofachmann war für die Instandhaltung der Technik zuständig. Bei der extremen Belastung der Geräte sei auch viel kaputt gegangen. So reparierte er etliche elektrische Geräte wie Pumpen, Stromgeräte und Lampen. Positiv überrascht war er von der Zusammenarbeit mit den anderen Organisationen: „Ich habe mit Fremden Hand in Hand gearbeitet, jede Organisation war offen, herzlich und die Menschen haben gefragt, wo wir noch Hilfe brauchen.“

In der mobilen Werkstatt am Nürburgring wurde von sieben Uhr bis mittags repariert und nach der Mittagspause wurde ab Nachmittag bis tief in die Nacht geschraubt. Am Anfang habe er wegen der Pause ein schlechtes Gewissen gehabt, er musste sie aber nutzen, um danach wieder gut arbeiten zu können. Viel im Außeneinsatz war er nicht, aber die Bilder haben sich stark in seinem Kopf eingebrannt. So ging er an relativ gut erhaltene Fachwerkhäuser vorbei und schaute in einen Kneipensaal rein: „Der stand mindestens 1,50 Meter hoch voll mit Wasser: Es gab zersplitterte Stämme, sämtliche Möbel schwammen in dem Saal und weiter hinten ragte das Vorderrad eines Motorrads heraus.“

Nach zwei Wochen wurde Burhenne abgelöst und verließ das Ahrtal: „14 Tage hart geschuftet, man schläft auf einem Feldbett zu sechst in einem Zelt, das macht mürbe.“ Zu Hause angekommen umarmte er endlich seine Freundin und Familie. Er schätze viel mehr, ein Dach über dem Kopf zu haben und stelle fest, wie klein der Mensch im Vergleich zur gewaltigen Natur sei.  (zwo)

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