600 Apfelbäume in Werraaue

In Ermschwerd entsteht eine Apfelplantage

FOTO: MICHAEL CASPAR
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Im Apirl wurden die Apfelbäume veredelt: Hans-Joachim Bannier (links) und Robert Görlitz.

Eine Plantage mit 600 Apfelbäumen entsteht derzeit in der Ermschwerder Werraaue. Die drei beteiligten Landwirte, darunter Obstbaukundler Hans-Joachim Bannier, wollen auf Mittel gegen Pilzbefall verzichten – eine große Herausforderung.

„Alle Apfelsorten, die es heute im Supermarkt zu kaufen gibt, sind sehr anfällig gegen Pilzerkrankungen wie Mehltau oder Schorf“, berichtet Bannier. Das sei die Schwäche des Golden Delicius, von dem fast alle Supermarktsorten abstammten. Allerdings blühe der „Goldene Leckerbissen“, anders als viele andere Sorten, jährlich. Aufgrund dieser Stärke habe er weite Verbreitung gefunden, seit Bauern in den USA in den 1930er-Jahren die Pilzerkrankungen erstmals mit chemischen Pflanzenschutzmitteln in den Griff bekommen hätten.

„Weil sich Rückstände der Spritzmittel im Obst befinden, verzichten Biobauern auf sie“, weiß Bannier. Ökobetriebe nutzen stattdessen Schwefel und Kupfer, um einem Pilzbefall vorzubeugen. Da Regen das Kupfer von den Blättern spüle, müsse man nach jedem Niederschlag neu spritzen. Das treibe die Kosten in die Höhe. Zudem reichere sich das Metall im Boden an und schädige dort etwa die Regenwürmer. Diese könnten das Herbstlaub nicht mehr so gut in den Boden einarbeiten.

„Wir verzichten auf Kupfer und Schwefel“, kündigt Robert Görlitz, der in Witzenhausen ökologische Landwirtschaft studiert hat, an. Dazu setzen sie auf robuste, alte Apfelsorten.

Noch vor 100 Jahren hat es in Deutschland mehr als 1000 solcher Sorten gegeben. Sie sind Anfang der 1970er Jahre von den Supermarktäpfeln verdrängt worden. Der Staat hat das seinerzeit mit Rodungsprämien für Altbestände gefördert.

„Die Schwierigkeit bei den alten Sorten liegt heute in der Vermarktung“, berichtet Bannier, der in Bielefeld einen zwei Hektar großen Garten mit 350 solcher Apfelsorten betreibt. Die meisten Supermarktkunden beachteten die Äpfel aus Unkenntnis nicht. Zudem seien sie nicht ganzjährig verfügbar. Um Kunden aktiv zu beraten, habe er vor fünf Jahren einen Hofladen eröffnet, der gut laufe.

Wenn in drei Jahren die ersten Äpfel in der Ermschwerder Werraaue geerntet werden, will Niklas Richelshagen aus Adelebsen, der dritte Bauer der Betriebsgemeinschaft, die Vermarktung übernehmen. Richelshagen, der bereits eine eigene Bioland-Apfelplantage betreibt, steht regelmäßig auf Wochenmärkten in Adelebsen und Göttingen. Dort haben ihn Kunden auf alte Sorten angesprochen, die sie noch aus ihrer Kindheit kennen. Interesse zeigen zudem Allergiker. Sie reagieren empfindlich auf ein Eiweiß, das die Supermarktäpfel enthalten.

„Mit unserer Pflanzung wollen wir den Witzenhäuser Studierenden der Universität Kassel, aber auch Biobauern zeigen, dass es Alternativen zum intensiven Pflanzenschutz gibt“, betont Bannier. 60 verschiedene Apfelsorten bauen sie in der Werraaue an. Dort entsteht zudem ein Lehrpfad, der 800 Jahre Apfelzuchtgeschichte in Deutschland zeigt. Dort gibt es unter anderem den Edelborsdorfer zu sehen, die älteste bekannte deutsche Sorte.

Von Michael Caspar

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