Neue Servicestelle der Stadt

Sie hilft Migranten und Deutschen in Witzenhausen beim Thema Integration

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Berät Flüchtlinge und Menschen mit Migrationshintergrund sowie alle, die mit ihnen zu tun haben: Zara Kanaani von der Servicestelle Integration der Stadt Witzenhausen.

Witzenhausen. Sie hilft Flüchtlingen und internationalen Studierenden, Deutschland zu verstehen – und Witzenhäusern, Menschen mit Migrationshintergrund zu verstehen: Zara Kanaani arbeitet bei der neuen Servicestelle Integration der Stadt Witzenhausen.

Wir haben mit ihr über ihre Arbeit gesprochen.

Frau Kanaani, Sie sind aus dem Iran nach Deutschland gezogen. Wie können Sie das für Ihre Arbeit nutzen?

Kanaani: Ich kam 2013 als Studentin, nicht als Flüchtling. Aber ich weiß trotzdem, wie es ist, wenn sich alles neu und fremd anfühlt: die Sprache, die Umgebung, das Essen, die Gesichter. Das war ein Schock für mich – obwohl ich vorher ein halbes Jahr recherchiert hatte. Ich bekomme dafür viele positive Rückmeldungen, viele Leute vertrauen mir, sie sind dankbar, dass ich für sie übersetze. Vor allem die Frauen trauen sich eher, zu mir zu kommen, weil ich eine Frau und eine Migrantin bin.

Welche Themen haben denn diese Frauen?

Kanaani: Ich muss ihnen zum Beispiel erklären, dass sie in Deutschland zur Polizei gehen können, wenn sie belästigt werden. Ich rede auch viel über Feminismus und Freiheit, auch über Religionsfreiheit. Viele Flüchtlinge haben Angst, sie wollen Helfer, die sie nicht vorverurteilen. Vor allem Frauen stehen unter Druck. Deshalb möchte ich sie zum Schwerpunkt meiner Arbeit machen.

Sie übersetzen Sprache – und Kultur. Wie sieht das aus?

Kanaani: Wir machen zum Beispiel ein Projekt in der Kita am Ellerberg: Der Kita-Besuch ist für viele Flüchtlingskinder sehr wichtig, sie brauchen viel Unterstützung. Die Erzieherinnen müssen gut mit den Eltern zusammenarbeiten, aber es kann dabei viele Missverständnisse geben. Ein Beispiel: Im arabischen Raum, im Iran und in Afghanistan ist es ein Zeichen für höchsten Respekt und Zuneigung, wenn man ein fremdes Kind küsst. Aber in Deutschland ist das völlig unüblich, da sind Erzieherinnen alarmiert, wenn ein afghanischer Vater plötzlich ein fremdes Kind küsst. Jemand, der beide Kulturen kennt, kann bei solchen Situationen vermitteln.

Ausländischen Eltern erkläre ich, wie Kita und Schule in Deutschland funktionieren und dass kein Kind gezwungen wird, Schweinefleisch zu essen. Das Gerücht hält sich nämlich bei vielen Muslimen.

Ein Projekt, was nur schleppend anläuft, ist Radfahren für Frauen. Warum?

Kanaani:Im Iran etwa ist Radfahren für Frauen verboten, im arabischen Raum und in Afghanistan ist es für Frauen unüblich. Sie haben deshalb Hemmungen und möchten lieber Sport in der Halle machen oder wandern gehen. Wir machen passende Angebote, die Sport-Coaches holen die Frauen auch in Unterrieden oder Neu-Eichenberg ab.

Warum ist denn ausgerechnet Wandern so beliebt?

Kanaani:Wandern ist etwas sehr europäisches – vielleicht deshalb? Und es ist einfach: Man braucht nur gute Schuhe und etwas zu essen und zu trinken. Familien können zusammen wandern. Unsere Wanderführerin Maria Fiedler ist seit Januar regelmäßig mit einer Gruppe unterwegs, das ist geführt, aber sehr ungezwungen. Die Leute können so auch mal aus der Stadt herauskommen und ihre neue Heimat kennenlernen.

Es braucht Zeit und Motivation, sich zu integrieren. Beim „Weekend for Tolerance“ habe ich einer Gruppe afghanischer Frauen gesagt: „Wir brauchen Eure Hilfe.“ Das hat sie motiviert – und sie haben bergeweise Essen fürs internationale Picknick gemacht.

Wie haben Sie die turbulenten Tage rund um die Abschiebung Ende April erlebt?

Kanaani:Das war ein totaler Schock: Die Stadt hatte die Abschiebung ja nicht angeordnet, aber wir wurden dafür verantwortlich gemacht. Wir wurden bei der ersten Demo am Marktplatz angefeindet, dabei waren wir nachts gar nicht dabei. Es ist nicht schön, wenn man helfen will, aber dann attackiert wird. Im Nachgang hat der Arbeitskreis Asyl aber um ein klärendes Gespräch gebeten. Insgesamt kochte die Stimmung schnell hoch, nach zehn Tagen war es wieder vorbei.

Was würden Sie Deutschen sagen, die Angst vor den vielen fremden Menschen in ihrem Land haben?

Kanaani: Ich kann verstehen, dass viele geschockt sind, wenn viele Menschen mit einer anderen Kultur hier ankommen. Jemand muss ihnen erklären, wie die Neuen ticken. Ich finde, man sollte Flüchtlinge nie nur schwarz und weiß sehen, es ist ein Spektrum an Menschen wie die deutsche Gesellschaft auch.

Viele Flüchtlinge leiden unter Traumata: Die Flucht ist sehr gefährlich, jetzt leben sie mit Fremden in einem Heim und wissen nicht, was aus ihnen wird. Dass es da zu Aggressionen kommen kann, ist doch klar. Das heißt aber nicht, dass sie uns in Gefahr bringen wollen. Man sollte aber auch nicht so tun, als gebe es keine Probleme. Ich glaube, Integration kann nur gelingen, wenn wir uns alle als Menschen sehen und verstehen, dass jedes Gegenüber eine Geschichte mitbringt.

Servicestelle bietet Beratung, Koordination und Unterstützung

Die Servicestelle für Integration und freiwilliges Engagement wurde im April bei der Stadtverwaltung in Witzenhausen geschaffen. Sie hat drei wichtige Aufgaben, sagt Zara Kanaani, die dort an 20 Stunden pro Woche tätig ist:

  • Beratung von Flüchtlingen, Menschen mit Migrationshintergrund und ausländischen Studierenden,
  • Koordination und Beratung der ehrenamtlichen Helfer, die diese Menschen unterstützen,
  • Unterstützung von Integrationsprojekten anderer Träger wie das Wochenende für Toleranz oder den Markt der Möglichkeiten im Herbst in Hessisch Lichtenau.

Sprechstunde ist jeden Montag, von 13.30 bis 15.30 Uhr. Zudem bietet Kanaani mit Laura Remmler von der Stabsstelle Migration beim Werra-Meißner-Kreis in den ungeraden Wochen eine Sprechstunde an – montags von 13.30 bis 15.30 Uhr im Stadtraum (Ermschwerder Straße 6, ehemals Lebenswertstatt). Hier können sich Flüchtlinge und Ehrenamtliche etwa die rechtliche Lage erklären lassen.

Kontakt: Zara Kanaani, Tel. 0 55 42/50 81 17

E-Mail: zara.kanaani@witzenhausen.de

Zur Person: Zara Kanaani 

Zara Kanaani wurde 1983 im Iran geboren. Die Agrar-Ingenieurin kam 2013 für weitere Studien nach Deutschland, 2015 nach Witzenhausen. Hier macht sie gerade ihren Master-Abschluss in Nachhaltiger Internationaler Agrarwissenschaft und will danach eine Promotion über Flüchtlinge und Wassermanagement beginnen. 

Kanaani spricht fünf Sprachen fließend: ihre Muttersprache Farsi, Deutsch, Englisch, Arabisch sowie die afghanische Landessprache Dari. Französisch kann sie verstehen, aber nicht sprechen. Seit 2015 engagiert sich Kanaani in der Flüchtlingsarbeit. Sie hat bereits zwei Jahre lang auf Honorarbasis den Einsatz ehrenamtlicher Helfer koordiniert und sich zur Kulturdolmetscherin weitergebildet.

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