„Jetzt wird sich mein Leben ändern“

Hans-Jürgen Müller (Grüne) aus dem Wahlkreis 9 über sein überraschendes Landtagsmandat

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Hier wird er in Zukunft sehr viel seltener sein: Noch zieht es Hans-Jürgen Müller täglich zu der mächtigen Linde auf dem Ringkopf oberhalb von Dohrenbach, von dort sieht er die Wiesen und Felder von Gut Fahrenbach, das er mehr als 30 Jahre lang bewirtschaftet hat. „Die Tiere und die Natur – das wird mir in Wiesbaden fehlen“, ist er sich sicher.

Dohrenbach – Eigentlich war Hans-Jürgen Müller Nachrücker für Grünen-Direktkandidat Felix Martin, aber dank des starken grünen Wahlergebnisses zogen überraschend beide in den Landtag ein.

Seit Freitag, 18. Januar, ist Hans-Jürgen Müller Landtagsabgeordneter. Wir haben ihn getroffen.

Was haben Sie gedacht, als klar wurde, dass Sie mit Listenplatz 24 ins Parlament rutschen würden?

Hans-Jürgen Müller: „Ohje! Jetzt wird sich mein Leben doch nochmal ändern.“ Als ich Gut Fahrenbach im August 2017 übergeben hatte, wollte ich mich eigentlich in Dohrenbach zur Ruhe setzen und nur noch Lobbyarbeit für die Vereinigung Ökologischer Landbau (VÖL) machen. In Dohrenbach bin ich schon sehr gut angekommen, es ist schon ein Wermutstropfen, dass Wiesbaden so weit weg ist.

Wie kam es überhaupt zu Ihrer Kandidatur?

Müller: Wir haben einen Stellvertreter für Direktkandidat Felix Martin gesucht und ich wollte ihn unterstützen. Wenn man bedenkt, dass wir zuletzt nur 13 Abgeordnete hatten, war mein Platz auf der Landesliste ganz gut. Ich wollte ein Zeichen setzen, dass Bauern hinter der grünen Agrarpolitik stehen.

Haben Sie eigentlich gezögert, das Mandat anzunehmen?

Müller: Ich habe eine Woche in Ruhe mit meiner Lebensgefährtin überlegt. Ich habe mich gefragt, wie es sich anfühlen würde, meinen ursprünglichen Plan weiterzuverfolgen. Dann wäre übrigens auch kein Landwirt im Landtag gewesen. Also dachte ich: Das machst du! Das Mandat ist die Chance, die Themen meines Lebens – Landwirtschaft, Tierschutz, Klimaschutz – politisch umzusetzen. Diese Chance wollte ich mir nicht entgehen lassen. Und: Ich bin neugierig auf den Landtag.

Umzug, neues Büro, Mitarbeiter einstellen – Sie haben sicher gerade viel zu tun.

Müller: Jeder Abgeordnete bekommt im Landtag ein mit Computer und Telefon ausgestattetes Büro gestellt. Ich habe mir eine kleine Wohnung gesucht, weil ich nicht gerne im Hotel übernachte. Als Regionalbüro werde ich das Grüne Büro in Witzenhausen nutzen, dafür suche ich gerade Mitarbeiter.

Es gab aber auch schon viel Politisches zu tun: Ich habe die Themen Umwelt und Landwirtschaft für den Koalitionsvertrag mitverhandelt, an Klausurtagungen und Sitzungen der Fraktion teilgenommen. Ich werde agrarpolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion und Tierschutz und Jagdpolitik betreuen. Ich jage zwar nicht selbst, hatte aber immer Kontakt zu Jägern. Das interessiert mich.

Und was wird aus Ihrer Position als Sprecher der VÖL?

Müller: Ich hätte das Amt behalten dürfen, aber das hätte ich nicht richtig gefunden. Der Sprecher kümmert sich ja um Kontakte zur Politik, ich wechsele jetzt die Seiten. Deshalb suchen wir einen Nachfolger.

Sie haben von der „Grünen Welle“ zu Zeiten der Bayern- und der Hessenwahl profitiert. Können die Grünen diesen Schwung halten?

Müller: Wir haben nicht so sehr von dem guten Grünen-Ergebnis in Bayern profitiert als von der guten schwarz-grünen Landespolitik in Hessen der vergangenen Jahre und von der Unzufriedenheit mit der Großen Koalition in Berlin. Ich glaube fest: Wir sind keine Eintagsfliege.

Was haben Sie sich persönlich für Ihre Zeit im Landtag vorgenommen?

Müller: Ich will daran mitarbeiten, dass der Ökolandbau in Hessen bis 2025 einen Anteil von 25 Prozent hat. Wir müssen die Förderung für Umsteller erhalten und verbessern und es sollte eine Förderung nur für solche Stallbauten geben, die leicht zu Öko-Betrieben umgebaut werden können.

Ansonsten kenne ich noch gar nicht alle Möglichkeiten eines Abgeordneten. Ich will mich auf jeden Fall nicht aus anderen Themen heraushalten, denn ich sehe ja weitere Probleme. Wir brauchen zum Beispiel eine gute Grund- und Ausbildung für alle, egal wie viel die Eltern verdienen.

Wie wollen Sie Kontakt zu Ihrem Wahlkreis halten?

Müller: Felix und ich haben uns den Wahlkreis aufgeteilt, mit Regionalbüros in Eschwege und Witzenhausen. Als Direktkandidat wird sich Felix verstärkt um den Wahlkreis kümmern, ich werde landwirtschaftliche Themen auf Landesebene betreuen. Vermutlich werde ich jede Woche Dienstag bis Donnerstag in Wiesbaden sein, den Rest der Zeit hier.

Worauf freuen Sie sich, worauf eher nicht?

Müller: Ich freue mich, die Landwirtschaft in der Fraktion zu vertreten, da habe ich eine hohe Kompetenz. Ich bin in drei Ausschüssen: Landwirtschaft, Europa und Rechnungsprüfung. Als ehemaliger Betriebsleiter fühle ich mich da auch recht sicher.

Fürchten tue ich mich vor der Fahrerei. Ich hoffe, dass das mit der Bahn einigermaßen klappt. Außerdem haben wir nur eine Stimme Mehrheit im Landtag – da müssen wir die Regierungsfraktion gut zusammenhalten.

Ist denn bei aller Vorbereitung Ihr Anzug für die erste Sitzung schon gebügelt?

Müller: Ich besitze weder einen Anzug noch eine Krawatte. Ich schwanke noch, ob ich ein Sakko anziehe oder einen Pullover. Ich bin Praktiker, der vom Land kommt. Das finde ich nicht negativ und das kann man ruhig sehen.

Hans-Jürgen Müller: Zur Person

Hans-Jürgen Müller (61) wuchs auf einem Hof in der Lüneburger Heide auf. Nach einer landwirtschaftlichen Lehre kam er zum Agrarstudium nach Witzenhausen, übernahm mit zwei Freunden 1984 Gut Fahrenbach und stellte es zu einem Bio-Betrieb um. 

Von 1989 bis 1993 war er Stadtverordneter in Witzenhausen, danach bis 2001 im Magistrat. In den 1990er-Jahren wurde er Mitglied der Grünen, verließ die Partei aber aus Protest gegen den von den Grünen mitgetragenen Einsatz der Bundeswehr auf dem Balkan wieder. Als Renate Künast 2001 Bundeslandwirtschaftsministerin wurde, trat Müller wieder ein, „weil ich das begleiten wollte.“ 

Gleichzeitig engagierte er sich beim Verband Bioland und bei der VÖL. Mit seiner Lebensgefährtin lebt der Vater einer erwachsenen Tochter in Dohrenbach.

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