Interview mit Pfarrer Wenner: „Man soll sich nicht quälen"

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Sieben Wochen Verzicht: Heute beginnt die Fastenzeit, während der sich Christen traditionell auf Ostern vorbereiten. Dabei versuchen viele, auf kleine Sünden wie Alkohol, Schokolade oder Zigaretten zu verzichten.

Witzenhausen. Am heutigen Aschermittwoch beginnt die Fastenzeit. Wir haben uns mit dem Witzenhäuser Pfarrer Hans-Jürgen Wenner darüber unterhalten, ob Fasten noch zeitgemäß ist.

Viele Menschen wollen ab heute auf kleine Sünden verzichten: Alkohol, Fleisch, Facebook oder Fernsehen. Hat das für Sie noch etwas mit der ursprünglichen Idee der Fastenzeit als Zeit der Buße zu tun? 

Hans-Jürgen Wenner: Ich denke, es hat vor allem damit etwas zu tun, wenn ich mir bewusst mache, dass Dinge für mich wieder einen neuen Anreiz bekommen. Man hat ja in der Fastenzeit bewusst verzichtet, um wieder eine Sehnsucht auf gewisse Dinge zu spüren. Wenn es zum Zwang wird, dann sollte man es lieber lassen. Fasten sollte aus der Freiheit heraus geschehen, dass man bewusst sein Leben neu einstellt. Der eigentliche Sinn liegt nicht im Verzicht, sondern in der inneren Umkehr und in der Vorbereitung auf Ostern.

Warum soll man Ostern, das höchste Fest der christlichen Kirche, mit so einer strengen Phase vorbereiten? 

Wenner: Auch die Muslime bereiten sich im Ramadan auf ihr größtes Fest vor, auch die Juden kennen eine Fastenzeit. Durch die Fastenzeit kann ich Dinge neu verstehen. Es war der Kirche immer wichtig, sich in einem geschlossenen Rahmen, mit einer Ruhephase auf dieses hohe Fest der Erlösung vorzubereiten - indem man nicht tanzen gegangen ist, es keine Hochzeiten und Taufen gab. Das steigert die Bedeutung des Osterfestes.

Es hat einen tiefen Zweck, dass es auch Ruhephasen im Leben gibt. Ich glaube, wir hätten weniger Burnout-Fälle, wenn die Menschen öfter mal eine Pause einlegen würden.

Es gibt ja derzeit einen Trend zu mehr „Achtsamkeit“, eine Sehnsucht nach mehr Spiritualität. Bemerken Sie den auch? 

Wenner: Ja, etwa in den Oasen-Gottesdiensten am Dienstagabend, wo wir gemeinsam um den Altar sitzen und uns austauschen. Ich denke, das ist ein guter Trend in unserer hektischen Zeit. Ich werde versuchen, dass es während der Fastenzeit mehr Ruhephasen in unserer Gemeinde gibt.

Was planen Sie sonst noch?

Wenner: Am fünften Fastensonntag veranstalten wir zum Beispiel ein Fastenessen. Da gibt es nach einer Besinnung eine einfache Suppe, der Erlös geht an das Hilfswerk Miserior. Es ist ein schöner Akt: Es betont die Gemeinschaft, man lernt aber auch, wieder einfache Dinge wertzuschätzen.

40 Tage bis Ostern ist eine lange Zeit. Was raten Sie denen, die glauben, ihr Projekt nicht durchhalten zu können? 

Wenner: Manchmal ist es besser, das Fastenprojekt abzubrechen. Man soll sich nicht quälen. Ein Beispiel: Wenn Kinder weniger Fernsehen gucken wollen und anderen damit auf die Nerven gehen, dann sollten sie lieber Fernsehen gucken.

Manche wollen ihr Projekt auch gern für sich behalten. Letztes Jahr habe ich mit einem Mädchen gesprochen, das wollte auf Schokolade verzichten, hat aber oft welche geschenkt bekommen. Wir haben vereinbart, dass sie sich artig für die Schokolade bedankt, sie zu mir bringt und ich sie bis Ostern aufbewahre. Erst als sie den Korb mit der Schokolade bekommen hat, hat ihre Familie gemerkt, dass sie die ganze Zeit keine Schokolade gegessen hat.

Warum hat sie denn ihren Eltern nichts gesagt? 

Wenner: Weil Fasten etwas ganz Persönliches ist, es dient nicht der eigenen Zurschaustellung. Ich rate Eltern, die bemerken, dass ihr Kind vielleicht auf Fernsehen verzichten will, sich nicht selbst vor den Fernseher zu setzen, sondern lieber mit dem Kind zu spielen. Die Fastenzeit bietet also auch eine Chance, Gemeinschaft neu zu erleben und aufeinander zu achten.

Und wenn man der Schokolade nicht wiederstehen kann? 

Wenner: Dann ist das keine Sünde, sondern ehrlich. Man sollte sich nicht grämen, dass man der Versuchung nachgegeben hat, sondern sich freuen, dass man bis hierher durchgehalten hat. Im nächsten Jahr kommt man vielleicht weiter.

Was gewinnt man durch ein erfolgreiches Fastenprojekt? 

Wenner: Er kann wieder zu sich selbst finden, die innere Freiheit wieder bekommen und leichter auf andere Menschen zugehen. Man ist nicht so abhängig von Dingen, sondern kann auch verzichten.

Die Fastenzeit kann auch eine Gelegenheit sein, wieder bewusster mit Lebensmitteln umzugehen - oder auch mit dem Auto. Beim „Autofasten“ bietet man an, andere mitzunehmen, man überdenkt, ob mal wirklich jeden Weg mit dem Auto machen muss, wo man sparen kann. Das ist doch eine gute Idee!

Zur Person

Pfarrer Hans-Jürgen Wenner (66) betreut seit 2008 die katholischen Gemeinde „Zum göttlichen Erlöser“ Witzenhausen und die St.-Josef-Gemeinde in Hebenshausen mit insgesamt 2533 Gläubigen. Zuvor war er von 2001 bis 2008 in Eschwege tätig. Wenner wuchs im Raum Mainz auf und ist großer Karnevals-Fan. Den Rosenmontag verbringt er traditionell in Mainz. Seine Freizeit verbringt er oft mit seinem Hund „Gospel“, im Urlaub fährt er gern Ski.

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