70 Jahre Kriegsende: Kampf ums tägliche Überleben

Nach Sprengung nur Behelfsbrücke: Ihre Silhouette bestimmte seit dem 7. April 1945 den Witzenhäuser Stadteingang. Foto: Stadtarchiv

Witzenhausen. Am 8. Mai 1945 um 23.01 Uhr war für Deutschland und Europa der 2. Weltkrieg zu Ende. Wie dieser und die nachfolgenden Tage in Witzenhausen erlebt wurden, geht aus den schriftlichen Zeugnissen jener Zeit nur bruchstückhaft hervor.

Ein besonderer Tag war dieser 8. Mai für unsere Region definitiv nicht. Seit dem Ende der Kriegshandlungen war hier schon ein ganzer Monat verstrichen, und der letzte verzweifelte Widerstand in Berlin wurde nur noch am Rande zur Kenntnis genommen. Überlagert wurden die dramatischen Ereignisse an den letzten Fronten in Deutschland durch den täglichen Kampf ums eigene Überleben. Dabei war man von der „Normalität des Friedens“, oder von dem, was man dafür hielt, meilenweit entfernt.

Wie sollten die Einheimischen auch „Normalität“ definieren, nach zwölf Jahren NS- Diktatur inklusive fast sechs langen Jahren Krieg? Wie sollten die zahllosen Flüchtlinge, Ausgebombten und ehemaligen Zwangsarbeiter „Normalität“ definieren, die in Witzenhausen gestrandet waren und nicht wussten, wann und ob sie je wieder nach Hause kommen konnten? Die vordringlichsten Probleme, die Situation zu bewältigen, sind schnell aufgezählt: Die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrung, Obdach und - mit Blick auf den kommenden Winter - Brennmaterial.

Denn Witzenhausen platzte aus allen Nähten. Nach einer Statistik der Stadtverwaltung vom September 1945 lebten im Stadtgebiet 10 853 Personen, also mehr als doppelt so viel wie noch vor dem Krieg (5300). Statistisch gesehen mussten sich - da rund 5000 Zimmer zu Wohnzwecken zur Verfügung standen - 2,2 Personen einen Raum teilen. Das allerdings war reine Zahlenspielerei, denn eine Vielzahl der Zimmer wurde durch die amerikanischen Besatzungstruppen belegt.

Im Rathaus leitete vom 13. April bis 21. Mai der von der Militärkommandantur eingesetzte „Amtsbezirksbürgermeister“ Fritz von Coelln die Geschäfte der Verwaltung, ehe er Landrat des Kreises Witzenhausen und von Eduard Platner als Nachfolger im Amt des Bürgermeisters abgelöst wurde.

Zu dessen täglichen Amtsgeschäften gehörten solche Dinge wie die Beschlagnahme von Pferden, Wagen und Fahrrädern, von Dachziegeln, Brennholz und Kohlen, ja sogar von einer Wurstmaschine - alles von dem Bestreben geleitet, die Versorgung der Bevölkerung so gut wie möglich zu gewährleisten.

Die eigentliche Macht lag aber in den Händen der Militärregierung, die mit einiger Schärfe die Einhaltung von „Ruhe und Ordnung“ überwachte und der ab dem 7. Juni ein „Town Major“ (Stadtkommandant) vorstand. Hier waren es vor allem Plünderungen und Diebstähle, die den Behörden besonders zu schaffen machten, hinzu kamen die Probleme mit obdachlosen und entwurzelten Menschen, den „Displaced Persons“ (D.P ).

Ein nicht zu unterschätzendes Problem war auch das Phänomen der sogenannten „Veronikas“ - das waren käufliche Damen aus allen Himmelsrichtungen, die mit Verdacht auf Geschlechtskrankheiten („Suspicion of V.D.“) festgenommen wurden, das Lazarett im Klostergebäude in der Steinstraße in Witzenhausen füllten und dort unter Bewachung gestellt wurden.

Hintergrund:

Der Militäradministration ging es nicht nur um Ruhe und Ordnung, sondern auch - und dies vor allem in den ersten Jahren nach der „Stunde Null“ - um die Dingfestmachung der schlimmsten NS-Aktivisten.

Denn das, was sie wollten, war klar und wurde auch den besiegten Deutschen unmissverständlich zu verstehen gegeben. „In dem deutschen Gebiet“, so war in der Proklamation Nr.1 des Obersten Befehlshabers der alliierten Streitkräfte, Dwight D. Eisenhower, zu lesen, „…das von den Streitkräften unter meinem Oberbefehl besetzt ist, werden wir den Nationalsozialismus und den deutschen Militarismus vernichten, die Herrschaft der NSDAP beseitigen, die Partei auflösen sowie die grausamen, harten und ungerechten Rechtssätze, die von der NSDAP geschaffen wurden, aufheben.“ Damit mussten erst einmal sehr viele, die die NS-Diktatur getragen, unterstützt oder von ihr profitiert hatten, um ihre Zukunft fürchten.

Das Ende des Zweiten Weltkrieges in der Region

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